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Wemhoff, Matthias <Prof. Dr.>
Das Damenstift Herford: die archäologischen Ergebnisse zur Geschichte der Profan- und Sakralbauten seit dem späten 8. Jahrhundert (Band 1): Text — Bonn, 1993

DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.29808#0198
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M. Wemhoff, Das Damenstift Herford

sigung des Westtraktes, nieder, die ohne historische
Nachrichten gar nicht weiter zu interpretieren wären.

Über die katastrophenlose Zeit des 11. und 12. Jahrhun-
derts haben wir archäologisch nur wenig Hinweise. Mit
Ausnahme der gut faßbaren, zunehmenden Waltgerver-
ehrung und der damit zusammenhängenden Umbauten
im Westtrakt konnten kaum bauliche Veränderungen
nachgewiesen werden. In dieser Zeit muß aber ein er-
heblicher Wandel vom großen klösterlichen Konvent
zur kleineren, mehr persönliche Freiheit zulassenden
Stiftsgemeinschaft mit strenger Aufgabentrennung von
Äbtissin und Kapitel vonstatten gegangen sein. Hier ist
also eine deutliche Zeitverzögerung zwischen innerer
Entwicklung und nachweisbarer baulicher Tätigteit
festzustellen. Der leider archäologisch nicht datierbare,
aber vermutlich im 12. Jahrhundert entstandene West-
bau, in dem die erste Abtei gesehen werden kann, setzt
voraus, daß die Äbtissin gegenüber dem Konvent eine
eigenständige Rolle eingenommen hat. Hier deutet sich
zum ersten Mal eine Entwicklung an, die wenig später
zur baulichen Dominanz der Abtei über das Stiftskapitel
führen sollte.

Ab dem 13. Jahrhundert dominiert im Baubefund die
Abtei über die Gebäude des Kapitels. Zwar wurde das
neue Schlafhaus gebaut, jedoch rückte die Abtei mit
dem spätestens im 14. Jahrhundert errichteten Lehnssaal
und der Kapelle der Äbtissin immer stärker in den Vor-
dergrund (Taf. 146-148). Doch kann die Archäologie an
diesem Punkt auch zu Fehlschlüssen verleiten, da die
Kurien der Stiftsdamen im archäologischen Befund
nicht auftreten und die Bedeutung dieser ebenfalls an-
gemessen ausgestalteten Gebäude somit nicht genügend
gewürdigt werden kann. Der alte, in der Hand des
Stiftskapitels verbliebene Klausurbereich verlor jeden-
falls zunehmend an Bedeutung. Auch wenn im 14.
Jahrhundert noch ein neuer Kreuzgang errichtet worden
sein könnte, sind mit Ausnahme des Schlafhauses ge-
meinsam genutzte Gebäude nicht mehr vorhanden ge-
wesen. Spätestens im 16. Jahrhundert verlor das Schlaf-
haus seine Funktion. Ob die Reformation hier letzte Re-
ste gemeinschaftlichen Lebens beseitigte, bleibt Speku-
lation, jedenfalls bildete die Aufgabe des Schlafhauses
1635 nur den Endpunkt einer schon im 13. Jahrhundert
einsetzenden Entwicklung.

Die Abtei hingegen wird bis in die Mitte des 18. Jahr-
hunderts immer wieder um- und ausgebaut. Die Äbtis-
sin hielt trotz der im 16. und 17. Jahrhundert geringer
werdenden politischen Bedeutung Hof in Herford. Erst
die Säkularisation beendete dann die Geschichte dieser
Einrichtung, die sich zu diesem Zeitpunkt baulich völlig
von der ursprünglichen Konzeption entfernt hatte, so
daß über sie bis zu den Grabungen nur gerätselt und
gemutmaßt werden konnte. Die Ausgrabungen Lobbe-
DEYs erbrachten dabei mehr offene Fragen als Lösun-
gen, da damals immer nur Teilausschnitte ergraben
werden konnten. Nun ist der seltene Fall eingetreten,
daß sowohl die Klausur als auch die Kirche eines Klo-
sters oder Stiftes untersucht werden konnte. Daher ist es

für die Interpretation anderer, nur Teilbereiche religiö-
ser Einrichtungen erfassender Grabungen sinnvoll, sich
die gegenüber den vor 1988 geäußerten Thesen verän-
derten Erkenntnisse anzuschauen. Nach der Kirchen-
grabung 1965/66 und der Grabung in der Wolderuska-
pelle 1972 war eine schlüssige Interpretation der Gra-
bungsbefunde nicht möglich. Deshalb wurden folgende
Thesen erwogen:

- Die erste große karolingische Kirche lag nicht unter
der Wolderuskapelle und nicht unter der Münsterkirche,
sondern an einem dritten Ort, von dem heute jede
Kenntnis verloren ist.

- Diese Kirche wurde nach dem Ungamüberfall aufge-
geben. Auf den Fundamenten eines Profanbaus errich-
tete man eine neue Kirche.

- Die Wolderuskapelle steht nicht über der Grabstelle
des Stiftsgründers, sondern die Äbtissin Swenehild fand
im 11. Jahrhundert eine im baulichen Verfall stehende,
kleine Kapelle vor, an der eine irgendwie geartete, äl-
tere Waltger-Tradition haftete.

Diese Thesen lassen sich heute nicht mehr halten. Die
erste große karolingische Kirche stand an der Stelle der
heutigen Münsterkirche, ihr Wiederaufbau nach dem
Brand von 926 wahrte die Kontinuität. Auch die Wolde-
ruskapelle war bereits in die erste karolingische Anlage
einbezogen. Dies Ergebnis verdeutlicht, daß ein einmal
gefaßter Bauplan über Jahrhunderte verfolgt wurde und
die Stiftsgemeinschaft die bauliche Tradition bewußt
pflegte. Die Annahme einer Verlegung der Klausur
sollte bei der Interpretation von Grabungen erst dann
ernsthaft erwogen werden, wenn positive Befunde dafür
vorhanden sind, nicht, wenn die Befunde nur die Beibe-
haltung des einmal gefaßten Bauplans nicht eindeutig
belegen. Wenn schon für die Klausur eine solche Aus-
sage getroffen werden kann, um wieviel mehr gilt das
dann für die Kirche. Gegen eine Kirchenverlegung
sprechen eine solche Vielzahl theologischer Gründe,
daß schon ein deutlicher, auch historischer Beleg dafür
vorliegen muß. Der durch die Weihe, die Feier der Hei-
ligen Messe, die Körper der Heiligen, die Gebete vieler
Menschen und den Willen des Stifters geheiligte Ort ist
Mitte einer aus der Tradition lebenden, geistlichen Ge-
meinschaft. Die aufgrund von fehlerhafter Interpretation
oder unvollständiger Quellenlage vorgenommene An-
nahme von Kirchenverlegungen, etwa des Domes zu
Paderbom oder des Domes zu Münster, sind inzwischen
in den meisten Fällen widerlegt worden. Eine solche
Verlegung erscheint somit nur in den allerersten Anfän-
gen einer noch nicht gefestigten Gemeinschaft und vor
der Festlegung des endgültigen Konzepts, wie in unse-
rem Fall beim Wechsel vom Familienstift Waltgers zum
Reichsstift Ludwigs des Frommen, möglich.

Als zentrales Ergebnis der Grabungen kann somit die
Entdeckung der baulichen Konzeption des Stiftes und
die Klärung der offenen Fragen bezüglich der Gründung
gelten. Da auch in Herford ebenso wie bei anderen Da-
menstiften die schriftliche Überlieferung nicht beson-
ders reichhaltig ist, wurde ihre Geschichte häufig nur
arn Rande behandelt und gegenüber der von Männerklö-
stern oft als zweitrangig angesehen. Deutlich wird dies
 
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