198
A. Fiebig
ßerhalb Westfalens an Bauten auf, deren Bauherren
Familienmitglieder der Edelherren zur Lippe waren, daß
regelrecht von einer lippischen Bauschule gesprochen
werden kann.10
1.2 Abschluß der Bauarbeiten
Nicht nur für den Beginn, auch für den Abschluß der
Bauarbeiten an der neuen Stiftskirche sind keine Daten
schriftlich überliefert. W. Hoffbauer* 11 führt zwar an,
daß die Kirche nach den Chroniken angeblich 1282 von
der Äbtissin Pinnosa vollendet worden sei, doch diese
Nachricht entbehrt einer gesicherten Grundlage. HOFF-
BAUER selbst weist darauf hin, daß bereits 1279 Pinno-
sas Nachfolgerin, Äbtissin Mechthild II., regierte,12
Pinnosa die Kirche also spätestens 1279 vollendet haben
müßte. Ein archivalischer Beleg dafür, daß Pinnosa den
Neubau vollendet hat, konnte bis heute nicht beige-
bracht werden und es bleibt auch unklar, welchen Chro-
niken Hoffbauer das Datum entnommen haben will.
Es erscheint erstmals bei ihm und noch nicht bei den
Chronisten des 18. Jahrhunderts.13
Als Vollendungsdatum der Stiftskirche wird im Notiz-
buch der Fraterherren aus dem 16. Jahrhundert indirekt
das Jahr 1282 genannt, denn für das Jahr 1490 berichtet
das Notizbuch, der Kirchturm der Stiftskirche sei 208
Jahre alt.14 Leider ist das Fraterherrenbuch aber so un-
zuverlässig,15 daß wir ihm bei der Überlieferung des
Vollendungsdatums der Stiftskirche keinen Glauben
schenken dürfen.
Weitere Daten über den Neubau der Stiftskirche sind
aus dem 13. Jahrhundert nicht überliefert. Auf den Bau
welcher Herforder Kirche sich ein 1282 von Bischof
Gaufridus erteilter Ablaß16 bezog, muß offen bleiben.
Die späteren Veränderungen der Stiftskirche, die in un-
serem Zusammenhang aber nicht mehr von Bedeutung
sind, können dann teilweise wieder mit Baunachrichten
10 Maue 1975, 124.
11 Hoffbauer 1910, 176.
12 WUB IV, 1576.
13 C.L. Storch, Chronika oder kurtzgefasste Nachrichten von der
Stadt Herford im Westphälischen Creise gelegen (Bielefeld 1748).
- S. Hagedorn, Entwurf vom Zustand der Religion vor der Re-
formation überhaupt vornämlich in Absicht der Grafschaft Ra-
vensberg nebst einem Anhange (Bielefeld 1747).
14 "Anno 1490 unter Anna von Hunoltstein ys de monstre tome ge-
spisset; thovoren was de spyss virkant, nicht so hoch, unde mocht
gestan hebben 208 jar lanck." Zitiert nach Telger 1936, 94 Anm.
6.
15 Das Fraterherrenbuch verlegt z.B. nicht nur die Vollendung (s.o.),
sondem auch den Baubeginn der Münsterkirche ins Jahr 1282.
Unter der Überschrift Structura templi sanctae Pusinnae heißt es:
Anno 1282 venerabilis domina abbatissa Ermengard, quae vixit
sub imperatore Adolpho Nassavio una cum suo collegio in Her-
forde aedificare coepit ecclesiam opere sumptuoso, (...).[Zitiert
nach Telger 1936, 94 Anm. 4.] Fehlerhaft ist auch der Name der
Äbtissin, denn Irmgard regierte erst ab 1289 oder 1290: Noch am
6.3.1289 urkundete Äbtissin Mechthild (WUB IV, 2009), Irmgard
erst am 10.4.1290 (ebd. 2065).
16 WUB IV, 1666. Eventuell ist der Ablaß auf Baumaßnahmen an
der Marienkirche auf dem Stiftberg zu beziehen, s. Grabungspu-
blikation Anm. 196.
in Verbindung gebracht oder durch schriftliche Überlie-
ferungen datiert werden. So ist ein Ablaß von 1341
möglicherweise auf den Krämerchor zu beziehen, der
1368 erstmals genannt wird,17 die Antoniuskapelle
nördlich des Nordseitenschiffs ist 1472 gerade errich-
tet,18 und 1490 erhielt der Südwestturm eine hohe
Spitze.19
II. Bauverlauf
II. I Die erste Bauphase
Begonnen wurde die neue Stiftskirche des 13. Jahrhun-
derts nach Aussage der Bauformen im Osten. Chor, öst-
liche Vierungspfeiler, Nordquerhaus und untere Teile
des Südquerhauses20 gehören zu einem Bauabschnitt, in
dem allerdings eine Planänderung stattgefunden hat.
Beim Neubau wurden im Aufgehenden keine Bauteile
vom Vorgängerbau wiederverwendet. L. Telgers Ver-
such,21 die offensichtlichen Ungereimtheiten im Nord-
querhaus durch die Weiterverwendung von Mauerwerk
des Vorgängerbaus zu erklären, ist durch U. LOBBEDEYs
Grabungen22 widerlegt: Das Ostquerhaus der Vorgän-
gerbauten war nicht so weit ausladend wie das heutige
und lag vor allem ein Joch weiter im Osten! Das Quer-
haus des 13. Jahrhunderts wurde nicht auf alten Funda-
menten errichtet und kann deshalb auch keine Teile frü-
herer Bauten weiterverwendet haben.
Durch die Grabungsergebnisse des Jahres 1990 lassen
sich die auffälligen Befunde im Nordquerhaus als Über-
reste einer Umplanung erklären:23 Nach dem Brand des
Gebäudes Osttrakt II war geplant, dieses beschädigte
Gebäude zumindest teilweise wiederherzustellen und
weiterzubenutzen.24 Das Nordquerhaus des damals neu
begonnenen Kirchenbaus sollte noch keinen eingetieften
Raum im Untergeschoß erhalten, sondem ebenerdig
sein. Nach diesem Plan wurde das Nordquerhaus be-
gonnen. Heute ist davon noch die Ostwand des Nord-
querhauses bis zu dem Rücksprung erhalten (Taf.
152.159). In ihr sitzt eine vermauerte Tür, die ur-
sprünglich wohl ins Gebäude Osttrakt III führen sollte
und die heute auf der Innenseite von den Gewölben des
17 Telger 1936, 95.
18 Nach Hoffbauer 1910, 178 berichtet die Urkunde Nr. 342 im
Archiv der Stadt Herford, daß der Bau gerade errichtet worden
sei.
19 Telger 1936, 94. Die Urkunde, die damals in den Turmkopf ein-
geschlossen wurde, befindet sich jetzt im Staatsarchiv Münster,
Fürstabtei Herford.
20 Das Nischenziborium in der Ostwand des Siidquerhauses gehört
aufgrund seiner Kapitelle zur ersten Bauphase. Die Innensäulchen
des Ziboriums sind eine Zutat des 19. Jahrhunderts, Telger 1936,
149 Anm. 2.
21 Ebd. lllff.
22 Lobbedey 1972.
23 Siehe Grabungspublikation Zone X, Osttrakt II (III.10.4) und ebd.
Osttrakt III (III. 10.5).
24 Die Wiederherstellungsphase des Gebäudes Osttrakt II wird vom
Ausgräber als Gebäude Osttrakt III bezeichnet.
A. Fiebig
ßerhalb Westfalens an Bauten auf, deren Bauherren
Familienmitglieder der Edelherren zur Lippe waren, daß
regelrecht von einer lippischen Bauschule gesprochen
werden kann.10
1.2 Abschluß der Bauarbeiten
Nicht nur für den Beginn, auch für den Abschluß der
Bauarbeiten an der neuen Stiftskirche sind keine Daten
schriftlich überliefert. W. Hoffbauer* 11 führt zwar an,
daß die Kirche nach den Chroniken angeblich 1282 von
der Äbtissin Pinnosa vollendet worden sei, doch diese
Nachricht entbehrt einer gesicherten Grundlage. HOFF-
BAUER selbst weist darauf hin, daß bereits 1279 Pinno-
sas Nachfolgerin, Äbtissin Mechthild II., regierte,12
Pinnosa die Kirche also spätestens 1279 vollendet haben
müßte. Ein archivalischer Beleg dafür, daß Pinnosa den
Neubau vollendet hat, konnte bis heute nicht beige-
bracht werden und es bleibt auch unklar, welchen Chro-
niken Hoffbauer das Datum entnommen haben will.
Es erscheint erstmals bei ihm und noch nicht bei den
Chronisten des 18. Jahrhunderts.13
Als Vollendungsdatum der Stiftskirche wird im Notiz-
buch der Fraterherren aus dem 16. Jahrhundert indirekt
das Jahr 1282 genannt, denn für das Jahr 1490 berichtet
das Notizbuch, der Kirchturm der Stiftskirche sei 208
Jahre alt.14 Leider ist das Fraterherrenbuch aber so un-
zuverlässig,15 daß wir ihm bei der Überlieferung des
Vollendungsdatums der Stiftskirche keinen Glauben
schenken dürfen.
Weitere Daten über den Neubau der Stiftskirche sind
aus dem 13. Jahrhundert nicht überliefert. Auf den Bau
welcher Herforder Kirche sich ein 1282 von Bischof
Gaufridus erteilter Ablaß16 bezog, muß offen bleiben.
Die späteren Veränderungen der Stiftskirche, die in un-
serem Zusammenhang aber nicht mehr von Bedeutung
sind, können dann teilweise wieder mit Baunachrichten
10 Maue 1975, 124.
11 Hoffbauer 1910, 176.
12 WUB IV, 1576.
13 C.L. Storch, Chronika oder kurtzgefasste Nachrichten von der
Stadt Herford im Westphälischen Creise gelegen (Bielefeld 1748).
- S. Hagedorn, Entwurf vom Zustand der Religion vor der Re-
formation überhaupt vornämlich in Absicht der Grafschaft Ra-
vensberg nebst einem Anhange (Bielefeld 1747).
14 "Anno 1490 unter Anna von Hunoltstein ys de monstre tome ge-
spisset; thovoren was de spyss virkant, nicht so hoch, unde mocht
gestan hebben 208 jar lanck." Zitiert nach Telger 1936, 94 Anm.
6.
15 Das Fraterherrenbuch verlegt z.B. nicht nur die Vollendung (s.o.),
sondem auch den Baubeginn der Münsterkirche ins Jahr 1282.
Unter der Überschrift Structura templi sanctae Pusinnae heißt es:
Anno 1282 venerabilis domina abbatissa Ermengard, quae vixit
sub imperatore Adolpho Nassavio una cum suo collegio in Her-
forde aedificare coepit ecclesiam opere sumptuoso, (...).[Zitiert
nach Telger 1936, 94 Anm. 4.] Fehlerhaft ist auch der Name der
Äbtissin, denn Irmgard regierte erst ab 1289 oder 1290: Noch am
6.3.1289 urkundete Äbtissin Mechthild (WUB IV, 2009), Irmgard
erst am 10.4.1290 (ebd. 2065).
16 WUB IV, 1666. Eventuell ist der Ablaß auf Baumaßnahmen an
der Marienkirche auf dem Stiftberg zu beziehen, s. Grabungspu-
blikation Anm. 196.
in Verbindung gebracht oder durch schriftliche Überlie-
ferungen datiert werden. So ist ein Ablaß von 1341
möglicherweise auf den Krämerchor zu beziehen, der
1368 erstmals genannt wird,17 die Antoniuskapelle
nördlich des Nordseitenschiffs ist 1472 gerade errich-
tet,18 und 1490 erhielt der Südwestturm eine hohe
Spitze.19
II. Bauverlauf
II. I Die erste Bauphase
Begonnen wurde die neue Stiftskirche des 13. Jahrhun-
derts nach Aussage der Bauformen im Osten. Chor, öst-
liche Vierungspfeiler, Nordquerhaus und untere Teile
des Südquerhauses20 gehören zu einem Bauabschnitt, in
dem allerdings eine Planänderung stattgefunden hat.
Beim Neubau wurden im Aufgehenden keine Bauteile
vom Vorgängerbau wiederverwendet. L. Telgers Ver-
such,21 die offensichtlichen Ungereimtheiten im Nord-
querhaus durch die Weiterverwendung von Mauerwerk
des Vorgängerbaus zu erklären, ist durch U. LOBBEDEYs
Grabungen22 widerlegt: Das Ostquerhaus der Vorgän-
gerbauten war nicht so weit ausladend wie das heutige
und lag vor allem ein Joch weiter im Osten! Das Quer-
haus des 13. Jahrhunderts wurde nicht auf alten Funda-
menten errichtet und kann deshalb auch keine Teile frü-
herer Bauten weiterverwendet haben.
Durch die Grabungsergebnisse des Jahres 1990 lassen
sich die auffälligen Befunde im Nordquerhaus als Über-
reste einer Umplanung erklären:23 Nach dem Brand des
Gebäudes Osttrakt II war geplant, dieses beschädigte
Gebäude zumindest teilweise wiederherzustellen und
weiterzubenutzen.24 Das Nordquerhaus des damals neu
begonnenen Kirchenbaus sollte noch keinen eingetieften
Raum im Untergeschoß erhalten, sondem ebenerdig
sein. Nach diesem Plan wurde das Nordquerhaus be-
gonnen. Heute ist davon noch die Ostwand des Nord-
querhauses bis zu dem Rücksprung erhalten (Taf.
152.159). In ihr sitzt eine vermauerte Tür, die ur-
sprünglich wohl ins Gebäude Osttrakt III führen sollte
und die heute auf der Innenseite von den Gewölben des
17 Telger 1936, 95.
18 Nach Hoffbauer 1910, 178 berichtet die Urkunde Nr. 342 im
Archiv der Stadt Herford, daß der Bau gerade errichtet worden
sei.
19 Telger 1936, 94. Die Urkunde, die damals in den Turmkopf ein-
geschlossen wurde, befindet sich jetzt im Staatsarchiv Münster,
Fürstabtei Herford.
20 Das Nischenziborium in der Ostwand des Siidquerhauses gehört
aufgrund seiner Kapitelle zur ersten Bauphase. Die Innensäulchen
des Ziboriums sind eine Zutat des 19. Jahrhunderts, Telger 1936,
149 Anm. 2.
21 Ebd. lllff.
22 Lobbedey 1972.
23 Siehe Grabungspublikation Zone X, Osttrakt II (III.10.4) und ebd.
Osttrakt III (III. 10.5).
24 Die Wiederherstellungsphase des Gebäudes Osttrakt II wird vom
Ausgräber als Gebäude Osttrakt III bezeichnet.


