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Wemhoff, Matthias <Prof. Dr.>
Das Damenstift Herford: die archäologischen Ergebnisse zur Geschichte der Profan- und Sakralbauten seit dem späten 8. Jahrhundert (Band 1): Text — Bonn, 1993

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https://doi.org/10.11588/diglit.29808#0217
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Baugeschichte Münsterkirche

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eingetieften Raums überschnitten wird. Ebenfalls aus
dieser Phase stammt im Innern des Querhauses das
Fundament in der Nordostecke (Taf. 158.167). Es war
ursprünglich für einen höher liegenden Fußboden be-
rechnet und wurde nach der Absenkung des Fußbodens
nachträglich abgearbeitet. Eventuell entstammt auch der
bereits von Telger25 beobachtete Sockel der
Chomordwand dieser Zeit.26 Eine andere Zuordnung
des Sockels scheint kaum möglich, da diese Wand nicht
auf älteren Fundamenten steht, weshalb die Interpreta-
tion des Sockels als Rest eines Vorgängerbaus ausge-
schlossen ist. Trifft diese Deutung zu, wären bei der er-
sten Planungsstufe also noch keine Chorwinkeltürme
geplant gewesen.

Während der Wiederherstellungsarbeiten im Osttrakt
und des Neubaus der Stiftskirche (der noch nicht sehr
weit gediehen war), brannte es erneut im Osten, diesmal
im Gebäude Osttrakt III. Infolge des Brandes wurde be-
schlossen, den alten Osttrakt nicht wiederherzustellen,
sondern stattdessen ein neues Gebäude - das Schlafhaus
I - zu errichten. Auch das schon begonnene Nordquer-
haus wurde umgeplant, sein Fußboden sollte um etwa
einen Meter tiefergelegt werden. Die bereits bestehende
Ostwand des Nordquerhauses wurde nicht wieder abge-
brochen, sondern weiterverwendet, die für das neue Bo-
denniveau zu hoch liegende Tür vermauert und das
dicke Fundament in der Nordostecke abgearbeitet. We-
gen der Erhaltung der bereits begonnenen Ostwand ste-
hen die Säulen, die die Empore tragen, frei vor dieser
Wand und binden nicht in sie ein.27

Die Fassade des Nordquerhauses (Taf. 153.160) ist erst
nach der Planänderung entstanden, denn die - heute
vermauerte - Tür im östlichen Teil der Fassade, schräg
links oberhalb des Portals, verband über einen hölzer-
nen Vorbau, dessen Balkenköcher in der Lisene west-
lich der Tür noch zu sehen sind, die Empore mit dem
Obergeschoß des Schlafhauses.28 Dorthin führte auch
die vermauerte Tür in der Nordwand des Chorturms.
Die Stiftsgebäude bedingten die Verschiebung des
Nordquerhausportals aus der Mittelachse. Es schloß di-
rekt westlich an den vor dem Osttrakt verlaufenden
Gang an.29

Noch nicht sicher zu erklären ist der Rücksprung in der
Ostwand des Nordquerhauses. Bis hierher war der Bau
des Nordquerhauses gediehen, als es im Gebäude Ost-
trakt III brannte. Zu einer langen Bauunterbrechung
scheint die Planänderung infolge des Brandes nicht ge-

25 Telger 1936, 117.

26 Dieser Sockel ist im Untergeschoß des Chorturms östlich der Zu-
gangstür vom Chor sichtbar.

27 Beobachtet von Telger 1936, 113. Heute ist der Zwischenraum
zwischen der Wand und den von ihr abgerückten Säulenschäften
zugeputzt.

28 Siehe Grabungspublikation Zone X, Schlafhaus I (III. 10.6). Ob-
wohl das Schlafhaus erst nach 1275 errichtet wurde, war es schon
viel früher geplant, wie die Tür in der Nordquerhausfassade be-
legt.

29 Dieser Gang konnte archäologisch nicht nachgewiesen, aber aus
verschiedenen Indizien erschlossen werden, s. Grabungspublika-
tion Periode Va, Stiftsgebäude, Archäologischer Befund (11.7.1).

führt zu haben, denn in der Ostwand des Nordquer-
hauses zeichnet sich weder eine Baunaht ab noch wech-
selt oberhalb des Rücksprungs das Steinmaterial.

Die Bauteile der ersten Bauphase, d.h. Chor, östliche
Vierungspfeiler, Nordquerhaus und untere Teile des
Südquerhauses, zeichnen sich durch folgende Formen
aus: Die Kapitelle (Taf. 158.169) sind Kelchblockkapi-
telle mit Ranken und Blattdekor.30 Nur die eingestellten
Dienste und die Vorlagen sind mit Kapitellen ge-
schmückt, nicht aber die Pfeilerkerne. Die Fenster be-
sitzen außen viel schlichtere Fenstergewände als die
Fenster der zweiten Bauphase.31 Die einzelnen Rund-
bogenfenster mit einmal eckig zurückgestuftem Ge-
wände in der Chornordwand und der Ostwand des
Nordquerhauses (Taf. 152.159) wirken altertümlicher
als die Fenster der Nordquerhausfassade (Taf. 153.160):
Dort sind die beiden rundbogigen Fenster nahe (schon
fast zu einem Doppelfenster) zusammengerückt, und in
die Abtreppung der Laibung ist jeweils eine Säulenar-
kade eingestellt.

II.2 Die zweite Bauphase

Ein zweiter Bauabschnitt beginnt auf Höhe der westli-
chen Vierungspfeiler. Ihm gehören Langhaus, West-
türme, die oberen Teile des Südquerhauses und die bei-
den Vorhallen der Südseite an.32 Die Bauteile der
zweiten Bauphase unterscheiden sich in mehreren
Punkten von denen der ersten Bauphase. Der Durch-
messer der Pfeiler ist größer geworden.33 Die Kapitelle
umziehen nun als umlaufendes Band den gesamten
Pfeiler (Taf. 156.165), also Pfeilerkern, Vorlagen und
eingestellte Dienste. Vor allem aber hat sich die For-
mensprache der Kapitelle geändert: Statt der spätroma-
nischen Kelchblockkapitelle der ersten Phase finden
sich jetzt Kelchkapitelle, die mit gotischen Knospen und
Blattwerk geschmückt sind. Das Langhaus scheint im
östlichen Joch des nördlichen Seitenschiffs begonnen
und dann unter Zurückstellung des südwestlichen
Vierungspfeilers und des Südquerhauses34 von Osten
nach Westen errichtet worden zu sein. Für den Baube-
ginn im Nordosten des Langhauses sprechen das einfa-
che Knospenkapitell am nordwestlichen Vierungspfei-
ler35 (Taf. 159.170) und der fehlende Unterzug am Bo-
gen zwischen nördlichem Seitenschiff und Nordquer-

30 Die Kapitelle im Nordquerhaus zeigen alle weibliche Halbfigu-
ren.

31 Im Innern sind alle Fensterlaibungen, abgesehen von dem Fenster
in der Ostwand des Nordquerhauses, durch eingestelle Säulenar-
kaden bereichert.

32 Teile des Paradieses stehen der Chorwerkstatt noch sehr nahe, es
kommen aber auch schon die Formen der jüngeren Werkstatt vor.
Das Paradies wurde im 19. Jahrhundert stark restauriert.

33 Telger 1936, 132ff. - Ebd. Abb. 41 sitzen die breiteren Gurtbö-
gen der zweiten Bauphase auf den zu schmalen Vorlagen der er-
sten Phase.

34 Die Kapitelle und das Fenster des Südquerhauses zeigen die ent-
wickeltsten Formen im Langhaus.

35 Telger 1936, Abb. 47.
 
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