Die menschlichen Uberreste des neuzeitlichen
Gemeindefriedhofs an der Münsterkirche in Herford
Desiree M.J. Neijgh van Lier
I. Einleitung
Die Anthropologie hat die Aufgabe, die Variabilität des
Menschen zu erforschen. Eine Vielfalt von Fachrich-
tungen hat sich herausgebildet, die sich vor allem auf
die zu untersuchenden Gruppen beziehen. Am allge-
mein bekanntesten wird wohl die Paläoanthropologie
sein, die sich mit der fossilen Vor- und Frühgeschichte
der Menschheit beschäfigt. Häufig nur anhand von Ein-
zelfunden versucht dieser Bereich, die Evolution des
Menschen zu erhellen. Die Methoden der paläoanthro-
pologischen Forschung gleichen im Prinzip denen der
prähistorischen und historischen Anthropologie. Diese
jedoch beschäftigen sich mipdem Jetzt-Menschen im
Gegensatz zu unseren fossilen Vorfahren. Der Begriff
"historisch" bezieht sich definitionsgemäß auf das Vor-
handensein schriftlicher Zeugnisse, die in die Untersu-
chung mit einbezogen werden können. Daher gehört
eine Skelettpopulation aus nachchristlicher Zeit durch-
aus in die prähistorische Anthropologie, wenn keine
Schriften zur Auswertung vorliegen. Gegenüber der
Paläoanthropologie haben die beiden letztgenannten
Disziplinen den Vorteil, daß ihnen oftmals eine umfang-
reichere Stichprobe aus einer Populationen für die Un-
tersuchung zur Verfügung stehen. Die Untersuchung ei-
ner Skelettpopulation, wie sie aus Herford vorliegt,
kann unter Berücksichtigung historischer, archäologi-
scher, geographischer und auch volkskundlicher oder
ethnologischer Forschungsergebnisse wertvolle Beiträge
zur näheren und ferneren Geschichte der Menschheit
liefern.
II. Material
Das Frauenstift von Herford in Westfalen wurde um
789 n. Chr. gegründet und bestand bis Anfang des 19.
Jahrhunderts. Bei den archäologischen Ausgrabungen
konnte aus dem Nordostteil des Gemeindefriedhofs
(Zone X, Neuzeitlicher Friedhof) Skelettmaterial gebor-
gen werden, welches dem Institut für Anthropologie der
Universität Mainz zur Bearbeitung überlassen wurde.
Einen Hinweis auf die zeitliche Einordnung der Bestat-
tungen ergab die dendrochronologische Untersuchung
zweier Särge, die aus Kernholz gearbeitet waren. Diese
ließen auf ein Bestattungsdatum Mitte bzw. Ende des
16. Jahrhunderts schließen, so daß von einer frühneu-
zeitlichen Population ausgegangen werden kann.
Die Bearbeitung des teilweise recht fragmentarisch er-
haltenen Materials wurde dadurch erschwert, daß die
Friedhofsbelegung vorsah, die Verstorbenen direkt
übereinander zu bestatten. Im Laufe der Jahre zersetzten
sich die Särge, die erhaltenen Skelette sackten in die
entstehenden Hohlräume und vermischten sich mit den
darunterliegenden Gebeinen. Bei der Bergung konnten
die einzelnen Individuen nicht mehr einwandfrei ge-
trennt werden, und auch die Möglichkeiten der anthro-
pologischen Bestimmung stießen hier in einigen Fällen
an ihre Grenzen. Zusätzlich fand sich eine beachtliche
Anzahl von Streufunden, d.h. einzelne Knochen oder
auch Knochenfragmente, die eindeutig nicht den in dem
betreffenden Grabungshorizont geborgenen Personen
zuzuordnen waren. Sofern gesichert sein konnte, daß
gesonderte Individuen vorlagen, wurden diese auch als
solche erfaßt, da sie mitunter interessante Aufschlüsse
bieten konnten. Bei einigen dieser Streufunde handelte
es sich z.B. um die sterblichen Überreste von Kindern,
deren Bedeutung sich in den demographischen Analy-
sen abzeichnet.
Aus der Stichprobe der Herforder Population wurde je-
des Individuum im Rahmen der anthropologischen Un-
tersuchung präpariert, wenn möglich rekonstruiert und
dokumentiert. Die ersten Schritte der Dokumentation
stellen die Geschlechts- und Altersbestimmung dar. Im
Folgenden sollen nun die Methoden und die Befunde
näher beschrieben werden.
III. Geschlechtsbestimmung
III. 1 Methoden
Die Erforschung der geschlechtsdifferenzierenden
Merkmale kann auf eine lange Geschichte zurückblik-
ken. Untersuchungen hierzu begannen im 17. Jahrhun-
dert, erreichten aber zunächst fast ausschließlich in der
Rechtsmedizin Bedeutung. Die "Arbeitsgruppe europä-
ischer Anthropologen" hat die wichtigsten Methoden
zusammengefaßt und 1979 unter dem Titel "Empfehlun-
gen für die Alters- und Geschlechtsdiagnose am Ske-
lett" veröffentlicht. Diese Publikation gibt Richtlinien
für jene, die nur gelegentlich mit Skelettmaterial arbei-
ten, will aber vor allem eine gewisse Vereinheitlichung
der Methodik erreichen, damit auf ihrer Grundlage er-
faßte Populationen vergleichbar werden. Daher fanden
diese Empfehlungen auch bei der Untersuchung der
Herforder Skelettserie Verwendung.
Es muß zunächst erwähnt werden, daß sich die Metho-
den der Geschlechtsbestimmung in der Regel auf Er-
Gemeindefriedhofs an der Münsterkirche in Herford
Desiree M.J. Neijgh van Lier
I. Einleitung
Die Anthropologie hat die Aufgabe, die Variabilität des
Menschen zu erforschen. Eine Vielfalt von Fachrich-
tungen hat sich herausgebildet, die sich vor allem auf
die zu untersuchenden Gruppen beziehen. Am allge-
mein bekanntesten wird wohl die Paläoanthropologie
sein, die sich mit der fossilen Vor- und Frühgeschichte
der Menschheit beschäfigt. Häufig nur anhand von Ein-
zelfunden versucht dieser Bereich, die Evolution des
Menschen zu erhellen. Die Methoden der paläoanthro-
pologischen Forschung gleichen im Prinzip denen der
prähistorischen und historischen Anthropologie. Diese
jedoch beschäftigen sich mipdem Jetzt-Menschen im
Gegensatz zu unseren fossilen Vorfahren. Der Begriff
"historisch" bezieht sich definitionsgemäß auf das Vor-
handensein schriftlicher Zeugnisse, die in die Untersu-
chung mit einbezogen werden können. Daher gehört
eine Skelettpopulation aus nachchristlicher Zeit durch-
aus in die prähistorische Anthropologie, wenn keine
Schriften zur Auswertung vorliegen. Gegenüber der
Paläoanthropologie haben die beiden letztgenannten
Disziplinen den Vorteil, daß ihnen oftmals eine umfang-
reichere Stichprobe aus einer Populationen für die Un-
tersuchung zur Verfügung stehen. Die Untersuchung ei-
ner Skelettpopulation, wie sie aus Herford vorliegt,
kann unter Berücksichtigung historischer, archäologi-
scher, geographischer und auch volkskundlicher oder
ethnologischer Forschungsergebnisse wertvolle Beiträge
zur näheren und ferneren Geschichte der Menschheit
liefern.
II. Material
Das Frauenstift von Herford in Westfalen wurde um
789 n. Chr. gegründet und bestand bis Anfang des 19.
Jahrhunderts. Bei den archäologischen Ausgrabungen
konnte aus dem Nordostteil des Gemeindefriedhofs
(Zone X, Neuzeitlicher Friedhof) Skelettmaterial gebor-
gen werden, welches dem Institut für Anthropologie der
Universität Mainz zur Bearbeitung überlassen wurde.
Einen Hinweis auf die zeitliche Einordnung der Bestat-
tungen ergab die dendrochronologische Untersuchung
zweier Särge, die aus Kernholz gearbeitet waren. Diese
ließen auf ein Bestattungsdatum Mitte bzw. Ende des
16. Jahrhunderts schließen, so daß von einer frühneu-
zeitlichen Population ausgegangen werden kann.
Die Bearbeitung des teilweise recht fragmentarisch er-
haltenen Materials wurde dadurch erschwert, daß die
Friedhofsbelegung vorsah, die Verstorbenen direkt
übereinander zu bestatten. Im Laufe der Jahre zersetzten
sich die Särge, die erhaltenen Skelette sackten in die
entstehenden Hohlräume und vermischten sich mit den
darunterliegenden Gebeinen. Bei der Bergung konnten
die einzelnen Individuen nicht mehr einwandfrei ge-
trennt werden, und auch die Möglichkeiten der anthro-
pologischen Bestimmung stießen hier in einigen Fällen
an ihre Grenzen. Zusätzlich fand sich eine beachtliche
Anzahl von Streufunden, d.h. einzelne Knochen oder
auch Knochenfragmente, die eindeutig nicht den in dem
betreffenden Grabungshorizont geborgenen Personen
zuzuordnen waren. Sofern gesichert sein konnte, daß
gesonderte Individuen vorlagen, wurden diese auch als
solche erfaßt, da sie mitunter interessante Aufschlüsse
bieten konnten. Bei einigen dieser Streufunde handelte
es sich z.B. um die sterblichen Überreste von Kindern,
deren Bedeutung sich in den demographischen Analy-
sen abzeichnet.
Aus der Stichprobe der Herforder Population wurde je-
des Individuum im Rahmen der anthropologischen Un-
tersuchung präpariert, wenn möglich rekonstruiert und
dokumentiert. Die ersten Schritte der Dokumentation
stellen die Geschlechts- und Altersbestimmung dar. Im
Folgenden sollen nun die Methoden und die Befunde
näher beschrieben werden.
III. Geschlechtsbestimmung
III. 1 Methoden
Die Erforschung der geschlechtsdifferenzierenden
Merkmale kann auf eine lange Geschichte zurückblik-
ken. Untersuchungen hierzu begannen im 17. Jahrhun-
dert, erreichten aber zunächst fast ausschließlich in der
Rechtsmedizin Bedeutung. Die "Arbeitsgruppe europä-
ischer Anthropologen" hat die wichtigsten Methoden
zusammengefaßt und 1979 unter dem Titel "Empfehlun-
gen für die Alters- und Geschlechtsdiagnose am Ske-
lett" veröffentlicht. Diese Publikation gibt Richtlinien
für jene, die nur gelegentlich mit Skelettmaterial arbei-
ten, will aber vor allem eine gewisse Vereinheitlichung
der Methodik erreichen, damit auf ihrer Grundlage er-
faßte Populationen vergleichbar werden. Daher fanden
diese Empfehlungen auch bei der Untersuchung der
Herforder Skelettserie Verwendung.
Es muß zunächst erwähnt werden, daß sich die Metho-
den der Geschlechtsbestimmung in der Regel auf Er-


