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Wemhoff, Matthias <Prof. Dr.>
Das Damenstift Herford: die archäologischen Ergebnisse zur Geschichte der Profan- und Sakralbauten seit dem späten 8. Jahrhundert (Band 1): Text — Bonn, 1993

DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.29808#0252
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D.M.J. Neijgh van Lier

wachsene beziehen. Mitunter kann sie auch für Jugend-
liche genutzt werden, sofern die Geschlechtsunter-
schiede bereits ausgeprägt sind. An den Möglichkeiten
einer Geschlechtsdiagnose bei Kindern wird gearbeitet,
aber bislang konnten keine allgemein anwendbaren Er-
gebnisse vorgewiesen werden (vgl. SCHUTKOWSKI
1986; 1989).

Am wichtigsten für die Geschlechtsunterscheidung ist
das Becken. Im Vergleich zum männlichen ist das
weibliche Becken breiter mit ausladenden Darmbein-
schaufeln (Alae ossis ilii). Unterhalb der Gelenkfläche
zum Kreuzbein befindet sich die Incisura ischiadica
major, ein bogenförmiger Einschnitt, der bei der Frau
weit und u-förmig, beim Mann dagegen eng und v-för-
mig ist. Ein ähnlicher Unterschied ist am Angulus pu-
bis, dem Winkel, der unterhalb der Schambeinfuge von
den beiden Sitzbeinen gebildet wird, zu erkennen. Beim
weiblichen Geschlecht ist dieser Angulus weit, in der
Regel über 90°, beim Mann eng. Die Incisura ischiadica
major bildet mit der Facies auricularis, der Gelenkfläche
zum Sacrum (Kreuzbein), den Arc compose. Diese
Kurve ist bei der Frau doppelt, beim Mann einfach aus-
gebildet.

Ein weiteres wichtiges Merkmal ist das Vorhandensein
des Sulcus praeauricularis, einer Furche, die durch
Schwangerschaft und Geburtsvorgang geprägt wird.
Wenn diese betont ist, so spricht das für das weibliche
Geschlecht. HOUGHTON (1974) gibt jedoch zu beden-
ken, daß es noch eine weitere Form dieser Furche gibt,
als Befestigungsmarke der Ligamenta sacroiliaca ven-
tralia. Nach Novotny (1972) erlaubt der Sulcus
praeauricularis dennoch eine gesicherte Geschlechtsbe-
stimmung in 80% der Fälle. Erwähnt werden sollte auch
die Form des Foramen obturatum, das mit den Gegen-
sätzen dreieckig bzw. oval auf das weibliche bzw.
männliche Geschlecht hinweist.

Am Schädel lassen sich ähnliche Unterschiede heraus-
arbeiten. Am deutlichsten stechen die Robustizitäts-
merkmale hervor, d.h. Muskelansatzstellen wie der Pro-
cessus mastoideus, das Relief des Planum nuchale und
die Protuberantia occipitalis externa, die beiden letzte-
ren am Hinterhauptsbein gelegen. Diese sind beim
Mann kräftiger und deutlicher ausgeprägt. Aber auch
die Prominenz der Glabella (der Bereich zwischen den
Augenbrauen) und der Wülste oberhalb der Augenhöh-
len (Arcus superciliaris), eine fliehende Stirn oder eine
viereckige Augenform mit abgerundeter Begrenzung
(Margo supraorbitalis) sind maskuline Merkmale. Am
Unterkiefer sprechen ein kräftiges Kinn mit zweiseiti-
gen Erhebungen (Protuberantien) und starke Vor-
sprünge am Unterkieferwinkel (Angulus mandibulae)
für die Diagnose "männlich".

Die einzelnen Merkmale liefern jedoch einen unter-
schiedlich wichtigen Beitrag zur Geschlechtsdifferen-
zierung. Außerdem ist zu beachten, daß die Übergänge
der Ausprägungen fließend sind. Man unterscheidet bei
jedem Merkmal zwischen hyperfeminin (-2), feminin

(-1), indifferent (0), maskulin (+1) und hypermaskulin
(+2). Diese Verfahrensweise erlaubt es, aus den ge-
samten Merkmalen ein mathematisches Mittel zu bil-
den. In diesem Fall wird bei einem Mittelwert im nega-
tiven Bereich das Individuum "weiblich" diagnostiziert,
im positiven dagegen "männlich".

Eine Skelettserie bietet die Möglichkeit, allgemeine
Robustizitätskennzeichen am postcranialen Skelett, im
besonderen der Langknochen, herauszuarbeiten. Häufig
kann man durch Vergleiche innerhalb der betreffenden
Population bei einzeln gefundenen Gebeinen rein mor-
phognostisch das Geschlecht bestimmen. Statistische
Methoden bieten darüber hinaus die Möglichkeit, mor-
phometrische Daten (s.u.) zu untersuchen. Vor allem die
Diskiiminanzanalyse hat sich hier durchgesetzt, mittels
der Gruppenunterschiede auf Grund mehrerer Merk-
malsvariablen analysiert werden. Das Grundprinzip ist
hierbei, durch eine Linearkombination eine Mehrzahl
von Variablen zu einer einzigen zusammenzufassen,
wobei der Informationsverlust so gering wie möglich
sein soll. Voraussetzung ist, daß Daten von Elementen
mit bekannter Gruppenzugehörigkeit vorliegen. Man
benötigt in diesem Fall also eine geschlechtsbestimmte
Stichprobe. Aus dieser Stichprobe wird eine Diskrimi-
nanzfunktion geschätzt, die zu einer maximalen Unter-
scheidung der Gruppen führt. Mit Hilfe der erhaltenen
Funktion können dann die nicht-klassifizierten Indivi-
duen eingeordnet werden. Eine detaillierte Beschrei-
bung dieser Methode findet sich in Schuchard-Ficher
et al. (1982).

III.2 Ergebnisse der Geschlechtsbestimmung

Betrachten wir nun die Ergebnisse der Geschlechtsbe-
stimmung für die Skelettserie von Herford. Tabelle 1
gibt eine Auflistung der einzelnen Befunde.

In der ersten Spalte ist die Individuennummer angege-
ben. Bei der Bearbeitung wurde laut Grabungsplan vor-
gegangen. Daher ist es wenig sinnvoll, die Angaben in
dieser Tabelle numerisch zu sortieren. Bei den mit
gekennzeichneten Nummern handelt es sich um sub-
adulte Personen, die Ergänzungen in römischen Ziffern
geben zusätzlich identifizierte Individuen an.

Die zweite Spalte führt die Geschlechtsdiagnose auf.
Sie erfolgte in verschiedenen Stufen, die durch folgende
Abkürzungen wiedergegeben sind:

m = mit größter Wahrscheinlichkeit männlich

m » w = sehr wahrscheinlich männlich

m > w = wahrscheinlich männlich

m = w = eher männlich als weiblich

kd = keine Diagnose möglich

(für daß weibliche Geschlecht vice versa)
 
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