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Wemhoff, Matthias <Prof. Dr.>
Das Damenstift Herford: die archäologischen Ergebnisse zur Geschichte der Profan- und Sakralbauten seit dem späten 8. Jahrhundert (Band 1): Text — Bonn, 1993

DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.29808#0270
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252

H. Reichstein

195 Individuen zugewiesen werden konnten. Nur 2.427
Knochen (=61%) waren bis zum Artniveau bestimmbar
(gewichtsmäßig 87%). Die übrigen Knochen konnten
allenfalls als "Wirbel" oder "Rippe" (n=1.098, Gewicht
2.062 g) oder überhaupt nicht identifiziert werden
(n=439, Gewicht 977 g). Hierin spiegelt sich der bereits
erwähnte hohe Fragmentierungsgrad.

Eine Vorstellung von der Größe der nicht bestimmbaren
Bruchstücke vermitteln die Fragmentgewichte. Die
nicht näher bestimmbaren Rippen aus dem Damenstift
wiegen im Mittel 1,8 g, die Wirbel 2,1 g und die über-
haupt nicht identifizierbaren Fragmente 2,2 g. Demge-
genüber beläuft sich das durchschnittliche Gewicht der
fragmentierten Rinderknochen auf 19,8 g, der Schaf-
knochen auf 6,2 g und der Schweineknochen auf 9,4 g.
Der Vollständigkeit halber ist zu erwähnen, daß sich
unter den tierischen Überresten auch vier Fischknochen
befanden: Zwei Knochenplatten vom Stör und zwei
Knochen eines Karpfenfisches (vielleicht Döbel, Be-
stimmung durch Dr. D. Heinrich).

Die im Stiftsgelände geborgenen Tierknochen verteilen
sich ungleichgmäßig auf die verschiedenen Fundstellen.
Die meisten der 3.964 Reste (= 44%) lagen im Lauf-
niveau des 10./11. Jahrhunderts (Stelle 3), die wenigsten
mit jeweils 5% in der Kloake des 16./17. Jahrhunderts
(Stelle 7) und im Brandschutt des 17. Jahrhunderts
(Stelle 8). Die Aschegrube des 13. Jahrhunderts (Stelle
5) enthielt 13%, die Grube des 9. Jahrhunderts (Stelle 1)
11%, das Laufniveau des 10./11. Jahrhunderts (Stelle 2)
9%, die Ausbruchgrube des 13. Jahehunderts (Stelle 6)
7% und die Kloake des 16./17. Jahrhunderts (Stelle 4)
6% der gesamten Fundmenge.

III.2 Die Tierarten

III.2.1 Die Wildtiere

Stellen wir an den Anfang der Betrachtung die Wild-
tiere, wenngleich sie in wirtschaftlicher und sonstiger
Hinsicht damals kaum eine Rolle gespielt haben. Ihr
Fundmengenanteil an der Gesamtheit aller bestimmten
Knochen beträgt nur 0,9% (Tab. 1).

Der Feldhase, Lepus europaeus

Der Feldhase ist durch neun Knochen vertreten, die von
mindestens fünf Individuen stammen. Alle Knochen
sind zerbrochen. Vorhanden sind ein Humerus, drei
Femora (Taf. 183, Nr. 10), eine Tibia, drei Beckenreste
und eine Rippe. Damit ist belegt, daß dieses jagdbare
Wild zumindest gelegentlich den Speiseplan der Stifts-
damen bereicherte. Die Funde stammen aus dem Lauf-
niveau, der Aschegrube und der Ausbruchgrube (Tab.
2). Eine größere Bedeutung als Nahrungsquelle erlang-
ten Feldhasen erst im ausgehenden Mittelalter, als mit
der Ausweitung des Ackerbaus immer mehr offene,
dem Hasen zusagende Lebensräume entstanden
(Reichstein 1974, 1991a; Kocks 1978; Heinrich

1991).

Der Biber, Castor fiber

Aus dem Laufniveau des 10. bis 11. Jahrhunderts (Stelle
2) wurde die vollständige Ulna eines noch nicht ausge-
wachsenen Bibers geborgen (distale Epiphyse nicht
verwachsen; Taf. 183, Nr. 7). Biber gehörten in den frü-
heren Jahrhunderten bekanntlich zu jenen Tieren, die
während der Fastenzeiten gegessen werden durften. Die
Knochen dieses amphibisch lebenden großen Nagetiers,
das im frühen Mittelalter in Mitteleuropa wohl noch
weit verbreitet war, tauchen regelmäßig in Siedlungs-
ablagerungen dieser Zeit auf (Kocks 1978; Reichstein
1991a). Die intensive Bejagung des Bibers hat zu seiner
fast völligen Ausrottung in Mitteleuropa geführt. Die
Nachstellungen zielten nicht nur auf das Fleisch, son-
dern auch auf das Fell und das sogenannte Bibergeil,
das Castoreum, das als Heilmittel begehrt war (Beck
1976).

Das Wildschwein, Sus scrofa

Aus der ins 12. Jahrhundert datierten Kloake (Stelle 4)
stammt das Fragment eines Kieferknochens, das wegen
seiner Größe einem Wildschwein zugerechnet wird. Die
mittelalterlichen Hausschweine waren durchweg von
geringerer Körpergröße (Becker 1980; HÜSTER 1990),
was eine Unterscheidung zwischen dem Haustier und
seinem wildlebenden Vorfahr in der Regel möglich
macht.

Der Rothirsch, Cervus elaphus

In vor- und frühgeschichtlicher Zeit war der Rothirsch
neben Wildschwein, Ur und Reh wichtigstes Jagdobjekt
(Boessneck et al. 1963; Reichstein 1974, 1985;
Stampfli 1976; Becker u. Johansson 1981; Becker
1991; Heinrich 1991). Seine Bedeutung gründet auch
auf dem Werkstoff Geweih, das zur Herstellung von
Kämmen weithin Verwendung fand (ULBRICHT 1978).
Im Damenstift wurden vier Knochenfragmente gefun-
den: eine längsgespaltene Tibia in der Ausbruchgrube
des 13. Jahrhunderts (Stelle 6), ein Schädelrest, ein
Beckenfragment und ein Rippenbruchstück in der
Kloake des 16./17. Jahrhunderts (Stelle 7).

Das Reh, Capreolus capreolus

Vom Reh liegen fünf Knochen vor: ein gut erhaltenes
Femur (Länge vom Caput 189,0 mm) aus dem Lauf-
niveau des 10.-11. Jahrhunderts (Stelle 2), ein Meta-
tarsus-Fragment aus der Kloake des 12. Jahrhunderts
(Stelle 4), ein proximales Tibia-Bruchstück aus der
Aschegrube des 13. Jahrhunderts (Stelle 5), ein Hume-
rus-Rest und ein unvollständiges Fersenbein aus dem
Befund 1025 des 13. Jahrhunderts (Stelle 6).

Die Ringeltaube, Columba palumbus
Der einzige Wildvogelknochen, ein Femur mit der me-
dialen Länge von 44,0 mm, stammt von einer Ringel-
taube. Früher war die Art überwiegend ein Waldvogel,
was ihre Seltenheit an Siedlungsplätzen erklärt
(Boessneck u. Von Den Driesch 1979; Reichstein
U. PlEPER 1986).
 
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