Wiegand, Theodor
Siebenter vorläufiger Bericht über die von den Königlichen Museen in Milet und Didyma unternommenen Ausgrabungen — Berlin, 1911

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Siebenter vorläufiger Bericht über Ausgrabungen in Milet und Didyrna. 5

Die Siedelung und ihre Kultur reichte also bis in die Zeit nach der frühe-
sten milesischen Stadtgründung durch kretische Einwanderer hinab. Denn
diese brachten »spätmykenische« Gefäße mit, denen die geometrische Ware
erst in einem längeren Abstand folgte.

II. Die archaische Stadt.

Im vorigen Bericht1 ist der Kalabaktepe (s. Plan, Taf. I links unten)
als der Träger einer bedeutenden, befestigten Anlage geschildert worden,
die ich als den südlichsten Teil der archaischen Stadt vor 494 bezeichnet
habe. Es blieb aber noch nachzuweisen, daß die Ebene, welche zwischen
dem Kalabaktepe und dem hellenistischen Mauergürtel liegt, ebenfalls einen
Teil der vorpersischen Stadt berge, und daß diese das Verbindungsglied
zwischen Kalabaktepe und der übrigen archaischen Stadt sei, deren Spuren
wir innerhalb des hellenistischen Gürtels vielfach feststellen konnten. Dieser
Nachweis ist jetzt erbracht. In den beiden Herbstkampagnen 1908 und
1909 ergab die von Erich Pernice geführte Grabung nicht nur das Vor-
handensein einer Fülle von archaischen Hausmauern in der genannten Ge-
gend, sondern auch eine archaische Straße, welche in der Richtung vom
Athenatempel zu dem östlichen Aufgang des Kalabaktepe (von Norden) ver-
lief. Die Breite des geschotterten Straßendammes betrug 2,60 m, die der
beiden seitlichen Gangsteige 80 cm. Diese sind aus Kalksteinplatten von
etwa 50: 70 cm Größe gebildet. Im ganzen wurden sieben parallele Gräben
in mäßigen Abständen in einem Gebiet von etwa 350 m Länge gezogen.
Sämtliche Gräben waren 3 m breit und gingen bis auf das Grundwasser.
Das Gebiet erwies sich im Westen als tief und erdig, die archaischen
Mauern zeigten sich unberührt, oft bis nahe unter die Oberfläche (70 cm)
reichend. Im Osten war der Boden felsig und ansteigend, infolgedessen
nahmen nach dieser Richtung, etwa nach der Gegend der heutigen tür-
kischen Wasserleitung zu, die archaischen Mauern immer mehr ab; ihr
Material ist schon in alter Zeit weggeschleppt worden. Dieser Zustand
trat namentlich deutlich hervor, als wir einen 350 m langen Graben von
der türkischen Wasserleitung ab bis zum einstigen Strande zogen; letzterer
zeigte sich in Gestalt von Meersand schichten, auf welchen die westlichsten

1 Sechster vorläufiger Bericht usw., Anhang zu den Abhandlungen der Berl. Akad. d.
Wiss. 1,908 S. 8.
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