Wiegand, Theodor
Die Denkmäler als Hilfsmittel der Altertumsforschung (Sonderdruck aus dem Handbuch der Archäologie) — München, 1939

Seite: 81
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Der Untergang der Denkmäler

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Ganz anders sind die Einfälle der östlichen Grenzvölker, der Neuperser,
der Araber und Skythen, zu beurteilen, da es sich hier meist um reine Raub-
züge handelte. Große Reiterscharen überschwemmten plündernd das Land
in der Frühjahrszeit, die Bestellung der Acker wurde immer mehr erschwert,
die Auswanderung der Bauern immer größer, und wenn im Herbst die Räuber
infolge von Futtermangel wieder abzogen, lagen die Fluren verödet. Aber
mit dem frischen Grün erschienen die Peiniger von neuem. Die Land-
bewohner wanderten in die Städte ab und diese schützten sich durch neue
Befestigung. Im wilden 3. Jahrhundert, in dem die Kaiserwürde nicht
selten meistbietend versteigert wurde, kam es einmal so weit, daß man
sich vor den Einfällen der Skythen im rasch vermauerten Tempel von
Didyma schützte, während die Orakelquelle das Wasser für die Verteidiger
liefern mußte.

Die Pulverexplosionen1 in den Bauten der Akropolis sind besonders
furchtbare Zeugen für die Schrecken des Krieges. Aber selbst die berühmte
Zerstörung von Korinth ist von den größten Denkmälern dieser Stadt über-
dauert worden. Die Plünderungen der kretischen und kilikischen See-
räuber sind lange Zeit hindurch Ursache der völligen Verarmung und Ver-
ödung vieler Städte und Heiligtümer geworden. Alarichs Einfall machte
395 dem eleusinischen Heiligtum ein Ende; die olympischen Spiele waren
schon 393 geschlossen worden, nachdem ein Jahr zuvor das Verbot heid-
nischer Opfer durch Theodosius I. erfolgt war. Unermeßliche Werte wurden
durch die Plünderungen zu Rom 410 vernichtet.2 Die Ausraubung Konstan-
tinopels 1204 durch die Lateiner hat die letzten großen Kunstwerke dieser
Stadt (z. B. den Herakles Trihesperos des Lysippos auf dem Hippodrom)
bis auf die delphische Schlangensäule, welche in einen Brunnen verwandelt
worden war, vernichtet; man versteht es, daß von da ab das Wort Xcc-ävo:;
ein griechischer Schimpfname wurde. Die vier Bronzepferde auf der Galerie
der Markuskirche in Venedig sind damals geraubt worden.

Alles in allem ist die Wiederbenutzung den antiken Bauwerken
trotz der dadurch erfolgenden Veränderung des Charakters immer noch
günstig gewesen. Weder das Pantheon noch die Sophienkirche würden heute
stehen, wenn sie nicht in christliche oder islamische Bethäuser verwan-
delt worden wären, Die planmäßige Demolierung des Coliseo zu Rom kam
erst zum Stillstand, als dieser durch den Tod so vieler Märtyrer gehei-
ligte Boden kirchlich geweiht wurde; für den Parthenon blieb es, obwohl
damals die Mittelfiguren des Ostgiebels entfernt wurden, ein Glück, daß
Pallas Athene ihren Platz der Jungfrau Maria einräumte, wie es nicht minder
gut für das sogenannte Theseion war, daß dort frühzeitig der heilige Georg
einzog. Die Engelsburg zu Rom erhielt sich, weil sie Festung wurde, während
große Teile anderer antiker Denkmäler für Neubauten der Renaissance-

1 Explosionen auf der Akropolis zu
Athen: Michaelis, Parthenon 62 ff.

2 Über die Entführung der Statuen aus
dem Palatium durch Narses 571 vgl. Chron.
minora ed. MommsenI336; Chr. Hülsen,
Bilder aus der Geschichte des Capitols 31;
Gregorovius, Gesch. der Stadt Rom im

Mittelalter II 157; ferner R. Lanciani,
The destruction of Rome (Newyork und
London 1899; O.Richter,Top. 238). Über
den Heraklestorso des Apollonios: Chr.
Hülsen, RhM. 1894, 423 und Richter,
Top. I 3, 441.
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