Wieland: Zeitschrift für Kunst und Dichtung — 1.1915-1916

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Skizziert in Galizien

I. Vor dem Sturm

as Bataillon hatte im lehten Monat sechzehn Gefechtstage ge-
habt. Vormärsche, Umgruppierungen, Stellungswechseh- ein
paar Tage Schühengraben waren dazwischen die Erholung. Aber
die feindliche Batterie hatte sie damals aufgespürt. Die Soldaten
hatten sich an alles schon gewöhnh die Farbe der Erde angenommen,
die sie verteidigten und in der sie begraben wurden. Kein Gedanke
kam ihnen mehr, dah es einst anders war, einmal wieder anders
sein würde. Sie sprachen auch nur mehr wenig miteinander, es
war nichts weiter zu erzählen, und es hatte ja auch nichts noch
Wichtigkeit für sie, die abgeschlossen hatten. Bom Zugsführer er-
fuhren sie, daß es morgen Sturm gab auf die Hügel gegenüber.
Es gab da vorher sechshundert Schritt zu laufen, und die Russen
hatten Maschinengewehre. .. Aber auch darüber war nichts weiter
zu sagen, es mußte getan sein, und also würde es getan werden.
Und ein jeder fühlte, dajz es eigentlich besser sei, wenn das Ende
schon morgen käme... Heute hatten sie es noch gut, der Feind schojz
nur selten, unregelmäszig, wie um nicht einzuschlafen, und die Feld-
küche kam deshalb ganz ungeniert zu ihnen. Das Gulasch war

schon ganz weich, obwohl der Ochse noch gestern im Stalle ge-
standen hatte: sie schlürften es, schmahten, und dies Geräusch lief
nun als einziges in der groszen Stille. „Ist mein lehtes Essen",
sagten sich einige und guckten auf den Hügel, über den allerlei
Schatten wie sich bewegende Wellen huschten: der Feind. Und
schmahten noch mehr.

Da entstand eine Bewegung unter ihnen, auf einmal kam der
Zugsführer mit dichten paketen von Karten und Briefen, und sie
ballten sich alle um ihn zusammen, verfolgten gierig seine Be-
wegungen. Halblaut rief er die Bamen aus, und dann gingen die
Briefe durch eine Kette von Armen, bis sie den Empsänger er-
reichten. Das war die F'eldküche für ihre Seelen und alles bald
ausgeteilt. Noch tiefer kam die Stille über sie: sie lasen. Und hie
und da entstand ein halblautes Gemurmel, sie waren anders ge-
worden. Nicht froher, auch wenn die Bachrichten gute waren.
Denn es hatte sie aufgewühlt, das Leben, das abgeschlossen hinter
ihnen lag, waren ihnen hierher nachgedrungen, e-s überfiel sie mit
Macht, und auf einmal stand alles wieder vor ihnen, und die
Mirklichkeit dieses galizischen Abends, der Hügel mit den Feinden
vor ihnen, der drohende Sturm von morgen, er schien ihnen un-
wirklich wie ein böser Traum. Sie schricb, die Frau, die Geliebte,
die Mutter... blnd es war wie einst, sie sahen ihre Zimmer, ihre
Arbeit, ihre Stube im Wirtshaus, die laute Stadt oder das kleine
Dorf, aber alles wie sonst, der Arger, das Gelächter, der Rausch
und der Streit, die doch alle, jetzt recht betrachtet, Freuden waren.
Dies alles lief weiter, dies alles gab es noch, und die vertrauten
Schriftzüge brachten es hierher in den dämmernden Abend, vor
die Maschinengewehre, die dort geheimnisvoll und sicher aus sie
lauerten. Freude und Schmerz zugleich im Gemüte, so lasen sie
immer wieder. Einige, mitteilsam, sprachen: „Die Meinige schreibt
mir .. ." Oder: „Denk' dir, jeht kostet das Mehl schon . .." Oder:
„Sie wäscht und verdicnt ganz schön..." Oder: „Die Tini hat
schon Zähne bekommen. . ." blnd dann konnten sie schwerer ein-
schlafen, denn ihr altes Leben war um sie, wühlte ihre in hundert-
fachem Tod erworbene Ruhe wieder auf, und sie atmeten schwerer
vor dem Sturm.

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