Windelband, Wilhelm
Die Wandlung des deutschen Geistes im neunzehnten Jahrhundert — Heidelberg, [ca. 1909]

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I. Pas äftfyetif<f)=pf;iIofopr/ifd?e BübungsfYftem.

Unfere Cage ftnb erfüllt r>on bem X(euertr>acf;en 6er
geiftigen ZHäc^te, bie r>or einem 3at?ri?uri^ert fyerrfcfyien. 3n
Dichtung unb Kunft rebet alle XDeli uon 5er neuen Komantif,
unb in ber Pfyilofopfyie ift aus 6er Küdfefyr 3U Kant fcfyon
eine folcfye 5U ^icfyte, Stelling unb fjegel geworben. Unb,
tr>as allebem als 6as Jnnerfte jugrunbe liegt, uns umfängt
trüeber gefteigertes Perfonenleben, bas an bem Dorbilbe ftd)
£/erauftr>ac£)fen möchte. Allein tr>ir rönnen bies Dorbilb nicf/t
nacr/bilben, un6 tr>ir wollen es nicrjt. tDir bürfen nicfyi Kan-
tianer fein im Sinne einer bogmatifd?en Binbung an bie
©efamtfyeit ber £ef/ren Kants; wir bürfen aui) nicfyt ^icfjte,
Sdjelling unb £)egel fo mieberfyolen, als ob mir ifyre Dtaleftif
mit allen Befonberljeilen wieber ins Sieben rufen wollten.
Unb nod) mefyr gilt bas t>on Dichtung unb Kunft. Sie, bie
in r»iel unmittelbarerer Berührung mit bem £eben flehen,
müffen ben eignen 3n^?a^ m &ie a^en formen giefen.

IDir tonnen bas ntdjt unoeränbert aufnef/men,

benn wir felbft ftnb anbere geworben. (£in ^}al}tl}\xribcvi liegt
baäurifcfyen dou reicher £ebenbigfeit, r>on tiefgreifenben <8e-
fdjicfen. (£in unfagbarer Heidjtum r>on (£rlebniffen brängt
in aller Kunft, in ZHuftf, Dichtung unb bil6enber Kunft 5ur
<5eftaltung. Die Pfyilofopfyie aber fyat ben großen <£rrungen-
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