Windelband, Wilhelm
Die Wandlung des deutschen Geistes im neunzehnten Jahrhundert — Heidelberg, [ca. 1909]

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rDilfjelm IDinbelbanb

(£>efd}er/ens, bie (Sntlabung bes unfeligen XDülens in 6te <5eit
bilben feine €ntir>icflung. (£s ift immer biefelbe Unluft, bas
gleite (Elenb, nur bie "Koftüme 6er tlragifomöbie roecf/feln.

Das ift bie abfolut unfyiftorifcfoe XDeltanfdjauung bes
Pefftmismus. Der Pfyilofopfy felbft rottete bem (£lenb 5U ent-
geb/en. <£r fannte bie Selbfferlöfung bes unvernünftigen
IPillens im Denfen unb Stauen, in XDiffenfcfyaft unb Kunft.
Das wax bie (ßeftnnuug bes äftl)etifcfy=pInlofopr/ifcr/en Bilbuugs-
fyftems, roorin nodj bie <£ntftcr/ung feiner £efyre eingebettet
geroefen u?ar; er überbaute fte nur nocf/ mit ber irrationa-
liftifd)en IHyftif asfetifdfyer IDiHensr>erneinung. Hun aber
roirfte aus feiner £efyre auf jene <5eit ber (£nttäufcr/ung unb
ber Bebrücftfyeit um bie ZHitte bes 3a^r^UII^er^5 nur kie
büftere Prebigt Dom Hnroert bes £ebens.

So ift bie IDirfung jener brei Strömungen fcfylieflid)
biefelbe getrefen: bie (£nttt>ertung bes gefcf/id?tlid)en £ebens.
Sie polbjier/t ftcf) in bem 3rra^orta^5mus fupranaturaler
(Offenbarungen, bie in ber IDelt nur ben fünbigen Zlbfall
ron ber göttlichen Urroirflid^feit fiefyt; — Dolljieb/t ftd) in ber
f^errfdjaft bes IHaterialismus, ber nur forperlicfye Realität
feunt, alle IDertbeftimmungen nur als Hlenfcfyenroünfcfye be-
trachtet unb auf bie roertfreie IDeltanficr/t einer ftarren Icatur-
gefet?Iicr/feit ftol5 ift; — uoUjiefyt ficb/ in ber pefftmifttfdjen
£ebensanftcr/t, bie in allem Creiben bes XDilfens nur troft--
lofes Einerlei von Unoernunft unb (£Ienb finbet. Die fytfto*
rifcfye XDeltanftcf)t voav auf allen Stirnen bei bem von feiner
©efcr/ict/te enttäufcfyten (5efcf)led)t in eine gefd)id}ts= unb roert-
lofe 2Peltanfd}auung umgefcb/Iagen.

IV. Poftticismus, I}iftorismus, PfYhoIogismus.

Die Aufgabe biefer Betrachtungen ift es, in bem £>u--
famment/ange bes gefcfncr/tlicfyen £ebens bes beutfcb/en Dolfes
roäfyrenb bes neun5ebmten ^atjtfyunbevts bie XDeItanfdjauungs-
motbe 5U entir>icfeln. Dabei r>erfteb/t es fid? r>on felbft, bafj
bie Stellung ber einzelnen Perfönlicf/feifen ftdj aus ber ZTüttel<
läge mefyrfaci) perfd)iebi; fie ftnb it/rer <?>eit manchmal jUDor,
fte bleiben manchmal hinter ib/r 5urücf. £)ier b/anbelt es fidf
um ben allgemeinen Durdjfcfmitt unb feine Darfteüung in
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