Windelband, Wilhelm
Präludien: Aufsätze und Reden zur Philosophie und ihrer Geschichte (Band 2) — Tübingen, 1915

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Über die gegenwärtige Lage und Aufgabe der Philosophie. Z

dem Jnteresse ihrer Zeit nur eine mehr oder minder
untergeordnete Rolle spielt.

Derartige Zeitalter kann man Positive nennen, und
ein solches ist bei uns Deutschen die zweite Hälfte des
19. Jahrhunderts sicherlich gewesen. Man hat sie wohl
als das naturwissenschaftliche oder auch als das technische
oder das politische Zeitalter charakterisiert und damit die
Richtungen angegeben, worin mit dem gesamten Leben
anch die Arbeit des Jntellekts ihre besonderen Ziele ver-
folgt, in den festen Bahnen der gegebenen Aufgaben sich
entfaltet und darin sich erschöpft und beruhigt hat. Es
war deshalb eine Zeit, welche in der Tat nicht eigentlich
eine eigene Philosophie hatte, sondern nur noch die Ge-
schichte der Philosophie kannte und im ganzen — abgesehen
natürlich von individuellen Ausnahmen — auf eine ueue
Schöpfung verzichtete, weil sie entweder ihrer nicht zu
bedürfen oder dazu nicht fähig zu sein glaubte.

Das hat sich nun offenbar geändert. Man spricht
heutzutage mit Recht vou dem wachsenden Jnteresse an
der Philosophie, mit dem das neue Jahrhundert bei uns
eingesetzt hat, und akademische wie literarische Erfah-
rungen bestätigen wirklich das steigende Verlangen unserer
Zeitgenossen nach einer philosophischen Lösung der
Probleme, mit denen sie ringen. Und wer den Blick auf
unsere heutigen geistigen Zustände richtet, der wird sich
darüber nicht wundern. Wir sehen uns umstürmt von
einer Mannigfaltigkeit tief an die Wurzel des Lebens
greifender Aufgaben. Durch unser Volk geht ein gewaltiges
Sehnen; es ist in ihm etwas von dem Gefühl, über sich
selbst hinauszuwachseu, ein Hinausstreben in noch Un-
bestimmtes und Unbekanntes, ein Trieb zugleich der Aus-
weitung und der Vertiefung, der Bereicherung und dcr
Befestigung. Wir haben das Bewußtsein, im Ubergange
zu stehen, und die Formel von der Umwertung aller Werte
ist in aller Munde. Das gibt zunächst einen Zustand der
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