Windelband, Wilhelm
Präludien: Aufsätze und Reden zur Philosophie und ihrer Geschichte (Band 2) — Tübingen, 1915

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Geschichte und Naturwissenschaft.

anschaulichen und daran die Notwendigkeit aufzuzeigen,
mit welcher eiu jeder Versuch, das scheiubar klar und
einfach Bekannte zu vollem Verständnis zu bringen, uns
schnell und unentsliehbar an die äußersten, vou dunkleu
Geheimnissen umlagerten Grenzen unseres Erkenntnisver-
mögens drängt.

Wenn ich zu diesem Zwecke ein Thema aus der Logik,
insbesondere aus der Methodologie, der Theorie der
Wissenschaft wähle, so geschieht es in der Meinung, daß
an einem solchen in besonders deutlicher, greifbarer Weise
der innige Zusammenhang hervortreten muß, in welchem
die Arbeit der Philosophie mit derjenigen der übrigen
Wissenschasten steht. Nicht wissensfremd in eigner er-
dachter Welt, sondern in reichem Wechselverkehr mit aller
lebendigen Wirklichkeitserkenntnis und mit allem Wert-
gehalte des wirklichen Geisteslebens hat die Philosophie
bestanden und besteht sie: wenn ihre Geschichte die der
menschlichen Jrrtiimer gewesen ist, so war der Gruud
davon der, daß sie guten Glaubens aus den Theorien
der besonderen Wissenschaften als fertig und sicher über-
nahm, was auch in diesen nur höchstens als werdende
Wahrheit hätte gelten dürfen. Dieser Lebenszusammen-
hang zwischen der Philosophie und den übrigen Disziplinen
zeigt sich am deutlichsten gerade in der Entwicklung der
Logik, welche nie etwas anderes war als die kritische
Reflexion auf die vor ihr betätigten Formen des wirk-
lichen Erkennens. Niemals ist eine fruchtbare Methode
aus abstrakter Konstruktion oder rein formalen Über-
legungen der Logiker erwachsen: diesen fällt nnr die
Aufgabe zu, das erfolgreich am einzelnen Ausgeübte
auf seine allgemeine Form zu bringen nnd danach seine
Bedeutung, seinen Erkenntniswert und die Grenzen seiuer
Anwendung zu bestimmen. Woher — nm gleich das vor-
nehmste Beispiel heranzuziehen — hat die moderne Logik,
der griechischen Mutter gegenüber, die gereifte Vorstel-
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