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Windelband, Wilhelm; Goedeckemeyer, Albert [Oth.]
Geschichte der abendländischen Philosophie im Altertum — München, 1923

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https://doi.org/10.11588/diglit.23234#0009
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Vorwort zur zweiten Auflage.

A ls ich es übernommen hatte, für das „Handbuch der klassischen Alter-
tumswissenschaft" eine Übersicht über die Geschichte der antiken
Philosophie zu geben, schien es mir im Interesse der Sache angezeigt, den
philologischen Lesern nicht sowohl einen Ausschnitt aus der ihnen auch
sonst gebotenen Literaturgeschichte der Griechen und Römer, als viel-
mehr eine solche Darstellung zu liefern, welche in kurzer und durch-
sichtiger Form Interesse und Verständnis für den Gedankeninhalt und die
Entwicklung der alten Philosophie erweckte. Diese Darstellung hat, wie
ich aus dem Erfordernis ihrer neuen Auflage ersehe, in den zunächst be-
teiligten Kreisen und über diese hinaus sich Freunde erworben: aber sie
vermochte das nur dadurch, daß ich mich nicht darauf einließ, mit aus-
wählender Zusammenstellung die hergebrachten Berichte zu wiederholen,
sondern aus dem Ganzen heraus dem Gegenstande die Gestaltung gab,
welche er für mich durch eigene, oft wiederholte Arbeit in der akademi-
schen Lehrtätigkeit angenommen hat. Dieser Umstand brachte mich in
die einigermaßen peinliche Lage, manche und darunter ziemlich beträcht-
liche Abweichungen von der bisherigen Auffassung und Behandlung lehr-
haft vorzutragen, ohne ihnen bei dem beschränkten Raum dieser Über-
sicht eine andere Begründung als knappe Hinweise für den Kundigen bei-
fügen zu können. Es wäre mir lieb gewesen, wenn ich Zeit gefunden
hätte, meine Neuerungen nachträglich in eingehenderen Aufsätzen zu recht-
fertigen; leider ist die Ausführung dieser Absicht bisher durch umfang-
reichere und dringendere andere Arbeiten hinausgeschoben worden, und
so überrascht mich der Neudruck wieder in derselben Lage, mehr auf die
Kraft der sachlichen Beziehungen selbst und auf die kurze Betonung der
entscheidenden Momente, als auf behaglich ausführliche polemische Dar-
legungen, wie sie sonst gerade auf diesem Gebiete üblich geworden sind,
vertrauen zu müssen.

Denn die Hauptpunkte, an denen ich eigne Wege gegangen bin — die
Scheidung des Pythagoras von den Pythagoreern und die Einstellung der
letzteren unter die Vermittlungsversuche zwischen Heraklit und Parmeni-
des, die Trennung der beiden Phasen des Atomismus durch die prota-
goreische Sophistik, die Nebeneinanderstellung von Demokrit und Piaton,
die Auffassung der hellenistisch-römischen Philosophie als einer fort-
schreitenden, erst ethischen und dann religiösen' Auswertung der Wissen-
schaft, der sich auch die Patristik organisch eingliedert, — alles dies findet
der Leser hier im wesentlichen unverändert wieder. Meine Behandlung
dieser Fragen hat vielfach Anerkennung, vielfach aber auch den erwarteten
Widerspruch gefunden: möge man mir glauben, daß ich gerade diesen stets
i dankbar und sorgfältig erwogen habe. Zu solcher Prüfung hatte ich ja
um so mehr Anlaß, als ich inzwischen dieselben Fragen in einem größeren
Zusammenhange und unter veränderten Gesichtspunkten zu bearbeiten hatte.
 
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