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Windelband, Wilhelm; Goedeckemeyer, Albert [Oth.]
Geschichte der abendländischen Philosophie im Altertum — München, 1923

DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.23234#0015
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1. Die abendländische Philosophie im Altertum, das heißt die griechische
Philosophie mit ihrer Fortsetzung in der hellenistisch-römischen, beansprucht
wissenschaftliches Interesse nicht bloß als ein eigner Gegenstand der ge-
schichtlichen Forschung und der kulturhistorischen Betrachtung, sondern
zugleich und noch mehr wegen der dauernden Bedeutung, welche ihrem
Gedankengehalte vermöge ihrer Stellung in der Entwicklung des abend-
ländischen Geisteslebens zukommt.

Das Hauptgewicht fällt dabei zunächst auf die Entdeckung des Wissens
und der Wissenschaft. Nicht zufrieden mit der Aufspeicherung rein gewohn-
heitsmäßiger Kenntnisse und mit der dem religiösen Bedürfnis dienenden
phantasievollen Spekulation suchen die Griechen begründete und zu einer
Einheit zusammengefaßte Einsichten zu gewinnen. So gewährt die Geschichte
der antiken Philospohie in erster Linie die Einsicht in den Ursprung der
abendländischen Wissenschaft überhaupt: sie ist aber zugleich
auch die Entstehungsgeschichte der einzelnen Wissenschaften. Denn der
Differenzierungsprozeß, der mit der Ablösung des Denkens von der Gewohn-
heit des täglichen Lebens und der Mythologie beginnt, schreitet innerhalb
der Wissenschaft selbst fort: mit der Anhäufung und organischen Gliede-
rung des Stoffs spaltet sich die anfangs einfache und einheitliche Wissen-
schaft, der die Griechen den Namen cpäooocpia gaben, in die besonderen
Wissenschaften, die einzelnen cpdoocxpiai, welche dann mehr oder minder
unabhängig sich weiter entwickeln.

Ueber Geschichte u. Bedeutung des Namens „Philosophie" vgl. R. Haym, in Ersch u.
Gi ubers Enzykl., III. Abt. Bd. 24. Lpz. 1848. — Fr. Uebeeweg, Grundrif3 der Gesch. d.Philos.
d. Altertums, 11. Aufl. von K. Prächter, Berl. 1920, § 1.— Rdd. Eisler. Wörterbuch der
philos. Begriffe, 3 Aufl. in 3 Bden, Berl. 1910. — W. Windelband, Präludien, 6. Aufl. 1919,
S. 1 ff. — W. Freytag, Ueber d. Begriff der Philos., Halle 1904. — H. Rickert, Vom Begr.
d. Ph.. Logos 1 (1910) S. 1 ff. — Nie. Petrescu, Zur Begriffsbest. d. Ph , Berl. 1912. — Zum
Terminus ist das schon Pythagoras zugeschriebene, aber zuerst bei Heraklit (fr. 35 D) nach-
weisbare Wort bei den Schülern des Sokrates geworden; es bedeutet da sowohl Wissen-
schaft im allgemeinen, als auch besonders die erste von allen, die es mit dem Letzten und
Höchsten in der Welt zu tun hat. So nannte -z. B. Piaton Philosophen diejenigen, oi zov
aei y.uzu zavza woavzwg r/ovzog Svväiisroi scpäjizeadai (rep. 484b). In der nacharistotelischen
Zeit nimmt das Wort mehr und mehr den Sinn von Lebensweisheit an, z. B. bei Epikuros,
der die Philosophie definiert als irsgysia ?.6yotg y.al bia/.oyioitöig zöv svöaißoru ßior .-zEoirroiovoa
(fr. 219 Us.). In der christlichen Zeit hat es vielfach nur noch die Bedeutung einer be-
stimmten — asketischen — Lebensweise (vgl. Zeller, Philos. d.Griech. I l5 S. 3s).

Die Anfänge des wissenschaftlichen Lebens, welche somit in der alten
Philosophie vorliegen, sind maßgebend für dessen gesamte weitere Ent-
wicklung. Bei einem verhältnismäßig geringen Umfange des Kenntnis-
materials erzeugt die griechische Philosophie in schwerem Ringen die be-
grifflichen Formen zu dessen wissenschaftlicher Verarbeitung und entwickelt
von äußeren, vor allem kirchlichen, Rücksichten unbehindert alle möglichen
Standpunkte der Weltbetrachtung. Darin besteht der typische Charakter
des antiken Denkens und die hohe didaktische Bedeutung seiner Geschichte.
Unsere heutige Sprache und Weltauffassung ist durchgängig von den Er-
gebnissen der antiken Wissenschaft durchsetzt, und die ungehemmte Frei-
heit und Rücksichtslosigkeit, womit die antiken Philosophen den einzelnen

Handbuch der klass. Altertumswissenschaft. V. 1, 1. £. Aufl. 1
 
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