I. Die ontologische Periode.
Einleitung. Die Vorbedingungen der Philosophie im griechischen
Geistesleben des 7. und des beginnenden 6. Jahrhunderts v. Chr.1
7. Zum richtigen Verständnis der Geschichte der Philosophie der Griechen
ist es vor allem notwendig, sich von dem durch die moderne Gestaltung
der Dinge üblich gewordenen engen geographischen Begriff Griechen-
lands zu befreien, nach welchem Athen durch seine Literatur die Peri-
pherie des Hellenentums und durch seine Glanzzeit dessen Vorgeschichte
verdunkelt hat. Das antike Griechenland ist das griechische Meer mit allen
seinen Küsten von Kleinasien bis Sizilien, von Kyrene bis Thrakien. Als
natürliches Zwischenglied zwischen den drei großen Kontinenten war dieses
Meer mit seinen Inseln bewohnt und umwohnt von dem begabtesten der
Völker, das, soweit geschichtliche Erinnerung reicht, d. h. schon nach dem
Zeugnis der homerischen Gedichte, an allen seinen Küsten früh heimisch
war. In diesem Umkreise spielte das später so genannte Mutterland, d. h.
das Griechenland des europäischen Festlandes, anfangs nur eine sehr unter-
geordnete Rolle. Die führende Rolle aber in der kulturellen Entwicklung
der Griechen hatte derjenige Stamm, der durch seine ganze Geschichte
die engste Fühlung und den regsten Verkehr mit dem Orient besaß, die
Ionier. Sie vor allem schufen die Grundlage der späteren griechischen
Geistesentfaltung, nachdem sie durch ihren Handel, anfangs im Gefolge
der Phöniker als Seefahrer und Seeräuber, dann mit immer größerer Selb-
ständigkeit, und im 7. Jahrhundert als die Herren des Welthandels zwischen
den drei Kontinenten2 die Macht Griechenlands begründet hatten.
Über das ganze Mittelmeer, vom Pontus Euxinus bis zu den Säulen
des Herakles dehnen sich die griechischen Pflanzstädte und Handelsplätze
aus, selbst das verschlossene Ägypten öffnet seine Schätze dem ionischen
Unternehmungsgeist. In den Handelsstädten des kleinasiatischen Ionien
häufen sich die Reichtümer der ganzen Welt zusammen, hier halten orien-
talischer Luxus, Pracht und äußere Lebensfülle ihren Einzug; hier beginnt,
während auf dem europäischen Festlande noch Rauheit der Sitten herrscht,
der Sinn für die Schönheit des Lebens und für seinen höheren Inhalt zu
erwachen. An ihrer Spitze aber und zugleich als Haupt des ionischen Bundes
erscheint im 7. Jahrhundert Milet als die mächtigste und vornehmste Stätte
griechischen Wesens.- Sie wird auch die Wiege der Philosophie: der Geist,
von der Not des täglichen Bedürfnisses befreit, schafft sich „spielend" die
Arbeiten der edlen Muse, der Kunst und der Wissenschaft; denn das ist das
Zeichen des Kulturgeistes, daß er in der Muße nicht zum Müßiggänger wird.
8. Wenn so der aus dem Handel erwachsende Reichtum.die materielle
1 In betreff der einzelnen Momente, an
die bei dieser Einleitung zur Veranschau-
lichung der Entstehung des wissenschaft-
lichen Lebens der Griechen erinnert werden
maß, verweise ich auf die eingehendere Be-
handlung in den historischen bezw. religions-
und literargeschichtlichen Teilen dieses Hand-
buchs.
2 Ed. Meyer, Geschichte des Altertums
Bd. 2, Stuttg. 1893, S. 248: Die phönikischen
Ansiedlungen und Faktoreien gehen, meist
wohl ohne Kampf, in griechische Hände über.
Einleitung. Die Vorbedingungen der Philosophie im griechischen
Geistesleben des 7. und des beginnenden 6. Jahrhunderts v. Chr.1
7. Zum richtigen Verständnis der Geschichte der Philosophie der Griechen
ist es vor allem notwendig, sich von dem durch die moderne Gestaltung
der Dinge üblich gewordenen engen geographischen Begriff Griechen-
lands zu befreien, nach welchem Athen durch seine Literatur die Peri-
pherie des Hellenentums und durch seine Glanzzeit dessen Vorgeschichte
verdunkelt hat. Das antike Griechenland ist das griechische Meer mit allen
seinen Küsten von Kleinasien bis Sizilien, von Kyrene bis Thrakien. Als
natürliches Zwischenglied zwischen den drei großen Kontinenten war dieses
Meer mit seinen Inseln bewohnt und umwohnt von dem begabtesten der
Völker, das, soweit geschichtliche Erinnerung reicht, d. h. schon nach dem
Zeugnis der homerischen Gedichte, an allen seinen Küsten früh heimisch
war. In diesem Umkreise spielte das später so genannte Mutterland, d. h.
das Griechenland des europäischen Festlandes, anfangs nur eine sehr unter-
geordnete Rolle. Die führende Rolle aber in der kulturellen Entwicklung
der Griechen hatte derjenige Stamm, der durch seine ganze Geschichte
die engste Fühlung und den regsten Verkehr mit dem Orient besaß, die
Ionier. Sie vor allem schufen die Grundlage der späteren griechischen
Geistesentfaltung, nachdem sie durch ihren Handel, anfangs im Gefolge
der Phöniker als Seefahrer und Seeräuber, dann mit immer größerer Selb-
ständigkeit, und im 7. Jahrhundert als die Herren des Welthandels zwischen
den drei Kontinenten2 die Macht Griechenlands begründet hatten.
Über das ganze Mittelmeer, vom Pontus Euxinus bis zu den Säulen
des Herakles dehnen sich die griechischen Pflanzstädte und Handelsplätze
aus, selbst das verschlossene Ägypten öffnet seine Schätze dem ionischen
Unternehmungsgeist. In den Handelsstädten des kleinasiatischen Ionien
häufen sich die Reichtümer der ganzen Welt zusammen, hier halten orien-
talischer Luxus, Pracht und äußere Lebensfülle ihren Einzug; hier beginnt,
während auf dem europäischen Festlande noch Rauheit der Sitten herrscht,
der Sinn für die Schönheit des Lebens und für seinen höheren Inhalt zu
erwachen. An ihrer Spitze aber und zugleich als Haupt des ionischen Bundes
erscheint im 7. Jahrhundert Milet als die mächtigste und vornehmste Stätte
griechischen Wesens.- Sie wird auch die Wiege der Philosophie: der Geist,
von der Not des täglichen Bedürfnisses befreit, schafft sich „spielend" die
Arbeiten der edlen Muse, der Kunst und der Wissenschaft; denn das ist das
Zeichen des Kulturgeistes, daß er in der Muße nicht zum Müßiggänger wird.
8. Wenn so der aus dem Handel erwachsende Reichtum.die materielle
1 In betreff der einzelnen Momente, an
die bei dieser Einleitung zur Veranschau-
lichung der Entstehung des wissenschaft-
lichen Lebens der Griechen erinnert werden
maß, verweise ich auf die eingehendere Be-
handlung in den historischen bezw. religions-
und literargeschichtlichen Teilen dieses Hand-
buchs.
2 Ed. Meyer, Geschichte des Altertums
Bd. 2, Stuttg. 1893, S. 248: Die phönikischen
Ansiedlungen und Faktoreien gehen, meist
wohl ohne Kampf, in griechische Hände über.



