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Windelband, Wilhelm; Goedeckemeyer, Albert [Oth.]
Geschichte der abendländischen Philosophie im Altertum — München, 1923

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https://doi.org/10.11588/diglit.23234#0082
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iL Die eudämonologische Periode.

1. Die griechische Aufklärung und Sokrates.

Nicht schon mit den Einwänden der Eleaten gegen die Existenz der
naturphilosophischen Voraussetzungen, des Entstehens und Vergehens, der
Vielheit und Bewegung, sondern erst durch die Angriffe eines Gorgias und
Protagoras auf die Möglichkeit der Erkenntnis selbst beginnt die Natur-
philosophie zurückzutreten und den bisher von ihr eingenommenen Platz
andern Bestrebungen zu' räumen. Zu dieser Entwicklung haben allerdings
noch andere, außerhalb der Philosophie selbst liegende Momente beigetragen.
Dahin gehört in erster Linie der wirtschaftliche und politische Aufschwung,
den Griechenland nach Beendigung der Perserkriege (466) nahm, der sich
vor allem in Athen bemerklich machte, das sich schon in den Perserkriegen
vor allen andern Städten ausgezeichnet hatte. Hier, in dem Trovjuvdov
hellenischer Weisheit, wie Hippias bei Piaton es nennt (Protag. 337d), kon-
zentrierte sich in der Mitte des 5. Jahrhunderts nicht nur die politische Gewalt
und der Handel Griechenlands, hier setzte sich Unter Perikles' tätiger Bei-
hilfe auch in weitestem Umfange die demokratische Verfassung durch, die
alle Bürger zu lebhaftester Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten
ermunterte. Dadurch wurde Athen aber auch nach und nach zum Mittel-
punkte des geistigen Lebens. In dem wirtschaftlich tätigsten und demo-
kratisierten Staate war das Bildungsbedürfnis auch bei dem geringeren
Bürger lebhaft entwickelt, in ihm begann das Wissen eine politische und
soziale Macht zu werden.

Schon Parnienides und Zenon haben wahrscheinlich dort verkehrt, Anaxagoras hatte
sich 463/2 zur Uebersiedelung nach Athen entschlossen, der Her^klitismus war durch Kra-
tylos vertreten. Alle bedeutenden Sophisten haben hier Ehre und Glanz gesucht und ge-
funden. Mit ihnen beginnt die attische Periode der alten Philosophie, die größte
Zeit, die sie erlebt hat.

27. Denn dem Bedürfnisse des demokratischen Gemeinwesens genügte
die bisherige Bildung nicht mehr. Man wollte mehr wissen, als die übliche
Unterweisung auf den Schulen und der Umgang mit den Älteren zu bieten
vermochte, und man mußte auch mehr verstehen, wenn man der neuen
Lage gewachsen sein wollte. So erhob sich vor den Augen der Zeit das
Bildungsproblem, die Frage, wie man ein tüchtiger Staatsbürger, xaXog
xäyadög,1 werden könne. Ihrer bemächtigten sich nun die durch ihre er-
kenntnistheoretischen Überlegungen von der Naturphilosophie abgekommenen
Männer und traten jetzt als Aufklärer und Lehrer ihres Volkes auf, oder
wie sie sich nach dem Vorgange des Protagoras selbst nennen, als Sophisten,
die in Griechenland umherziehen und sich bereit erklären, gegen Entgelt
jeden zu einem gebildeten und tüchtigen Manne zu machen.2

UocptaTT/g bedeutet ursprünglich einen „Mann der Wissenschaft" überhaupt, sodann, wie
es Protagoras für sich in Anspruch nahm,3 einen „Lehrer der politischen Tüchtigkeit", später

1 Vgl. Piaton Laches 186 c, Prot. 348 e. Sinne tätig gewesen ist, zeigt eine Inschrift

2 Als 7icudevoea>g xai ägerijs didäoxaXog be- Olymp. 293. Vgl. WlLAMOWiTZ-MoELi.EKDOT-fj'Ji-'.
zeichnet sich Protagoras bei Piaton Prot. 349 a ; Piaton II 145.

(Vors. A 5). Vgl. für die andern Piaton Apol. | 3 Vgl. Anm. 2; auch Plat. Protag. 318d f.
19e (Vors. 77 A 5). Daß auch Gorgias in diesem
 
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