Witting, Felix
Die Anfänge christlicher Architektur: Gedanken über Wesen und Entstehung der christlichen Basilika — Zur Kunstgeschichte des Auslandes, Band 10: Straßburg: Heitz, 1902

Page: 69
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ZUR INNERN GENESIS DER BASILIKA

reten wir nun der Frage näher, wie kann man sich innerlich
diese Entwicklungsreihe der christlichen Kultgebäude ent-
standen denken? Was die Basilika anlangt, so hatte Zester-
mann zwischen all die Hypothesen, die in rein äusserlicher Weise
die Ableitung der Basiliken geben, schon 1847 die Bemerkung ge-
worfen: die Form der christlichen Basilika ist aus dem Bewusstsein


eines bestimmten Zweckes hervorgegangen.1 «Nicht ausserhalb, sondern
innerhalb des Christentums ist die Erklärung der Form der Basilika
zu suchen.«
Damit war nun ohne Frage das Problem vertieft worden : man
traute den christlichen Architekten nicht «schmarotzerhafte» Nach-
ahmung der Antike, sondern eigenes Nachdenken zu. Aber was sollte
man sich nun unter dem Zweckbegriff vorstellen, der sie geleitet haben
sollte? Zur Erklärung der Dreischiffigkeit wies Zestermann auf die
schon in den Apostolischen Konstitutionen (II, 5γ)2 enthaltene und
auch sonst in der Litteratur3 bezeugte Massnahme, die beiden Ge-
schlechter von einander zu trennen. In der alten Kirche galt die
Regel, dass das südliche Seitenschiff den Männern, das nördliche den
Frauen eingeräumt war. Die Schiffe selbst waren durch Holzgitter in
verschiedene Abteilungen geteilt. Die Büssenden und Katechumenen
standen, nach Graden getrennt, vom Eingang her; es folgten dann die
Gläubigen und in einer dritten Abteilung auf der Männerseite die

1 die'ant. u. die ehr. Basiliken, Lpzg. 1847. (S. 171 f. besonders).
8 jener Fälschung, die bis ins 2. Jh. hinaufreicht, ihre definitive Formulier-
ung allerdings erst im dritten Jh. erhielt.
3 Cyrill. Hier. Procat. c. 8. August, de civ. Dei II, 28. Chrys. Hom. 74 (vgl.
Kraus G. d. ehr. K. I, 2g5), pseudophilon. Schrift de vita contemplativa c. 9 (t. V,
S. 335 der edit. stereot. Lipsiae 1852) vgl. Schultze a. a. O., S. 52.
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