Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 2.1885

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Nr. 13

Erscheint monatlich einmal. Preis pro Nummer 10 Pfennig.

1885

Berlin. Beim kürzlich stattgcfundencn Wettlaus um den Arbciter-
schutz schlug Stöcker den berühmten Käpernick um hundert israelitische
Nasenlängen. Stöcker erklärte hierbei mit wahrhaft kindlicher Naive-
tät, daß er, entgegengesetzt vieler Anderer, die Arbeiter noch nie be-
logen und betrogen hätte.

Leipzig. Den unsauberen Elementen ist über Stöckers Sieg „die
Furcht ins klappernde Gebein" gefahren. Eine Anzahl Ulmer Doggen
sprang vor Schreck aus die leeren Pfeiler der im Bau begriffenen

Neuen Peterskirchc. Ta sitzen sie nun und heulen der verderbten
Menschheit ein mono tekel upharsin vor, daß den Leipzigern die
Nachtruhe gründlich gestört ist.

Kairo. ,,A11 right“ schreibt Gordon aus Khartum. Der Brief
ist mit dem letzten Pfennig des großen Generals gesiegelt.

China. Frankreich zivilisirt ohne Unterbrechung.

Kamerun. Unsere Blaujacken haben sich bewundernS-
werth gehalten. „Fürst" Woccmann wird demnächst hier cin-
treffen, um alle noch nicht abgeholten Elephantenzähnc mit Beschlag
zu belegen.

Meiner geharnischten Freundin Germania.

Wie viele Dichter Preisen,
Germania, stolzes Bild,

In rvohlgrsügkrn Weisen
Drin Schmer! und deinen Schild,
Wie du in deinem Glanze
Gerüste! furch!bar schreckst.

Und wie du mi! der Lanze
Dir Feinde nirdrrstreckst!

Wie deines Hrlmbuschs Nicken
Schon Vesten beben mach!,

Und wie vor deinen Blicken
Der Feind verlast! die Schlachi!
Wie alle Sperre splittern
Rn deinem Eisrnleib
Und wie du ob den Rittern
Siegst, rristg Hrldrnweib!

Ach, der Poeten Brüstung
Verschliest! der Wahrhei! Mundf
Es drückte dir die Rüstung
Schon längst die Glieder wund.
Du schleichst umher mit Bangrll,
Bedrück!, mit schwankem Knie;
Mil Cisenlast behängen
So schwer warst du noch nie.

Nichl nragsi du mi! Behagen
Auf weichem Lager ruh'n,

Du gönnst dir kaum den Schrägen,
Hast Tag und Nach! zu lhun.

Du magst dich nicht mi! Freuden
Und leichtgeschürzt ergeh'n,

Du must! zu allen Zeiten
Gewappnet Schildwachl steh'n.

Was hast du denn verbrockeir,
Das so bedenklich schein!?

Der Kanzler ha! gesprochen:

,,Wir haben keinen Feind!"

Wozu die wucht'ge Wehre,

Wenn Jedermann dich lieb!?

Wozu denn Schwer! ulld Sperre,
Wrnn's Nichts zu streiken giebl?

Doch deine Toilette
Soll bleiben unberührt;

*Äm eisernen Korsette
Bleibst du noch ringeschnürl.

Bei allen Treurfchwüren,

Die ich dir schon geweihk,

Kann ich dich nich! rnlschnüren
Von deinem Eisenkleid.

Motto: „Wir haben Freunde ringsum!"

(Fürst Bismarck im Reichstage.)

Ach, wenn ich Kanzler wäre
In dieser Zeilen Lauf,

Ich hinge Schwer! und Sprere
Dir in der Kammer auf;

Ich nähm' dir ab die Schienen
Von Eisen schwer und rauh,

Ich wollt' dich flott bedienen
Wie eine Kammerfrau.

Ich würs' dir weg die Brünne,
Den Helm und auch den Schild,
Ich liest' zu Lust uud Minne
Dich wandeln im Grfild;

Die besten deiner Söhne,

Sie strömten, dich zu seh'n»

Da möchl'st du, alle Schöne,

Dich flott im Reigen dreh'n.

Sei's mi! dem Safl der Gerste,
Sri'» mi! dem edlen Wein,

Ich kränk' dir als der Erste,

Zu auf rin froh Gedeih'n,

Da wär' dahin drin Trauern
Ulld jugendfroh dein Sinn —

Ach, wie must ich brdauerir,

Dsst ich nichl Kanzler bin!

jacu Ir.
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