Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 2.1885

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Nr. 18.

Erscheint monatlich einmal. Drei« pro Nummer 10 Pfennig.

1885.

Blitzdrahtmeldungen.

Berlin. Großes Aufsehen macht eine Nummer des von den
Herren Eugen Richter und ParisiuS rcdigirten „Reichsfreund", welche
keine einzige Lüge enthält.

Berlin. Nach angestrengtestem Suchen ist ein Schlachter gefunden
worden, der kein Pferdefleisch in die Würste thut. Derselbe soll drei
Wochen öffentlich ausgestellt werden.

Petersburg. Ein hervorragender russischer Diplomat äußerte sich
dahin, daß nunmehr, da der Friede gesichert erscheine, die Eroberungen
in Mittelasien wcitergehen könnten.

Paris. Auf der Polizerpräfcktur ist soeben eine eingehende Haus-
suchung gehalten worden. Man hat mehrere Höllenmaschinen und
eine große Quantität Dynamit gefunden, womit die Polizei eine Reihe
von neuen Dynamit-Attentaten bewerkstelligen wollte.

London. Es werden auSgestopfte Minister gesucht, die keinen
Schmerz empfinden, wenn sie purzeln. Man ist der Meinung, sie
könnten eben so gut regieren, wie Herr Gladstone.

Chartum. Der Mahdi läßt dcmentiren, daß er seine von seinen
Feinden gefangene Frau für 12000 Thaler wieder einlösen wolle. Er
bietet im Gegcnthcil 24 000 Thaler. wenn man die Frau behalten will.

Z>ie große SeeschRrnge.

Kine zeitgemäße Vision.

Im Monat Inni war's so schwül,

Die Hitze ttzat sehr mich quälen;

Drum weiß ich diesmal auch gar nicht viel
Euch Neues zu erzählen.

Doch hat sich im Juni mir wunderbar
Eine alte Bekanntschaft erneuert,

And wie ich's erzähle, so ift's auch wahr,
Das sei recht ernsthaft bettzeuert.

Ich schlummerte leicht an des Meeres Zaum,
Datzingeftreckt im Grünen;

Da ist mir von ungefähr wie im Traum
Ein Zeeungeheuer erschienen.

Es war wohl klafterdick fein Kopf
And gräulich gähnte sein Rachen;

Dabei verging mir armen Tropf
Ganz selbstverständlich das Lachen.

Aus jedem Rasenloche sprang
Thurmhoch eine Wassersäule,

Der Leib schleppt' hinterher sich lang
Wohl eine halbe Meile.

Ich dacht', das Rnthier wird mich fah'n
Als gute Prise vermeintlich;

Jedoch die großen Augen sah'n
Mich an ganz harmlos und freundlich.

Die Schlange rief: „Fürcht' keine List!

Du wärst mir doch nicht entronnen;

Doch da du ein Mann von der Feder bist,
So bin ich dir freundlich gesonnen.

„Es ist die saure Gurkenzeit!

Da möcht' auf dieser Erden
Ob aller Mütter Langweiligkeit
Die Menschheit oft närrisch werden.

„Doch soweit kommt's nicht; ich bin schon da
Rnd schon auf Rettung stnn' ich!

Mein kleiner Freund, du kennst mich ja,

Die große Zeeschlange bin ich!

„Ich brauch' nur ein wenig zu dieser Zeit
Den Kopf über's Wasser zu halten,

So läuft mein Ruhm schon weit und breit
Durch aller Zeitungen Spalten.

„Da kenn' ich einen Kapitän,

Dem will dann sein Grog nicht schmecken;
Riet alte Weiber Hab' ich geseh'n
Aus Angst vor mir such verstecken.

„Rnd geh' ich einmal an das Land,

So ist dabei nichts verloren,

Dann werd' ich doppelt interessant,

Dann kommen die Professoren.

„Sie sind gar froh, das Material
Durch mich so aufzutreiben,

Damit sie können wieder einmal
Recht dicke Dächer schreiben.

„Doch meine Wehmuth ist oft groß;

Das misten sie nicht da draußen,

Denn keiner von ihnen schreibt so famos,

Wie einst mein Freund Münchhausen.

„Doch heut leg' ab ich allen Groll,

Kraucht euch keinen Kummer zu machen;

Die Zeitungen bringen die Spalten voll
Rnd du Haft etwas zu lachen.

„Ich bade mich weiter im Wogenschaum;

Leb wohl! Macht gut es Heuer!"

Da fuhr ich auf ans meinem Traum:

„Welch fröhliches Rngeheuer!"

Jacob.
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