Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 8.1891

Seite: 944
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Nr. 118„ des Wahren Jacob" gelangt am AI. Januar 1891 zur Ausgabe.

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•••*—3 Cäsar de Paepe

Den Theilnehmern an dem 1889er Internationalen Kongreß in Paris
wird der Moment wohl noch in Erinnerung sein, als in der Sitzung vom
20. Juli Cäsar de Paepe aus Brüssel das Wort ergriff, um, wie er weh-
müthig hinzusetzte, „wahrscheinlich das letzte Mal auf einem internationalen
Arbeiter-Kongreß", seine Stimme zu Gunsten des Internationalen Arbeiter-
schutzes zu erheben. Es machte einen ergreifenden Eindruck, ihn mühsam
nach Athem ringen zu sehen, während schon die ersten Sätze seiner Ansprache
zeigten, daß er dem Kongreß viel, sehr viel Wissenswerthes mitzutheilen hatte.
Man merkte, hier sprach ein Mann, der den Gegenstand gründlich studirt hat.

Auch durch seine Beiträge in die, von dem verstorbenen Karl Höchberg
ins Leben gerufenen Zeitschriften „Zukunft" und „Jahrbuch für Sozial-
wissenschaften", sowie in die „Neue Gesellschaft" ist Cäsar de Paepe den
deutschen Arbeitern als Forscher auf dem Gebiet der sozialen Frage wohl
bekannt. Es wird sie daher interessiren, Näheres über die Persönlichkeit
dieses Mannes zu erfahren, den der Tod am 19. Dezember 1890 aus den
Reihen der Kämpfer für den pro-
letarischen Gedanken gerissen hat.

Cäsar de Paepe ist am 12. Juli
1842 in Ostende geboren. Sein
Vater war Subalternbeamter, seine
Mutter entstammt einer verarmten
flämischen Adelsfamilie. Er ver-
brachte seine Jugend im Hause
seiner Großmutter und wurde, als
er das 12. Jahr zurückgelegt hatte,
in das Jesuitenkolleg zu Brüssel
geschickt. Noch ehe er dasselbe ab-
solvirt, geriet! er in Folge seines
unabhängigen Charakters mit seinen
Lehrern in Konflikt und mußte die
Schule verlassen. Schon zu dieser
Zeit pflegte er in seinen Frei-
stunden sich in einer kleinen Druckerei
als Schriftsetzer auszubilden. Der
Besitzer derselben war Desirä Bris-
mee, der als Sozialist sich einen
hochgeachteten Namen in der bel-
gischen Arbeiterwelt erworben hat,
und dem gerade in diesen Tagen
seine dankbarenParteigenossen einen
Denkstein gesetzt haben.

Mit 17 Jahren bezog de Paepe
die Universität Brüssel, nebenbei
immer in der Schriftsetzerei thätig.

Auf der Universität schloß er sich
besonders an einen Professor Na-
mens Altmeyer an, der einen,
allerdings etwas verschwommenen
Sozialismus lehrte. Bereits hatte
er den Grad eines Kandidaten der
Philosophie erworben, da starb,

1860, sein Vater, und nun mußte
er sich ausschließlich dem Brot-
erwerb widmen. Vier Jahre hin-
durch arbeitete er als Schriftsetzer
in verschiedenen Druckereien Brüs-
sels, zuletzt wieder bei Brismae,
dessen Tochter er heirathete.

In seiner freien Zeit besuchte er verschiedene Vorlesungen an der Uni-
versität, und zwar ließ er sich nunmehr bei der medizinischen Fakultät ein-
schreiben. Als er vorgeschritten genug war, den Vorlesungen in den Hospi-
tälern zu folgen, gab er die Schriftsetzerei wieder auf und arbeitete nur
noch als Korrektor, außerdem gab er Unterricht in Chemie und Physik, wäh-
rend seine Frau schneiderte, um den Unterhalt der Familie zu bestreiten.
Es war eine Zeit großer Entbehrungen für de Paepe, der damals schon
eifrig in Wort und Schrift für den Sozialismus thätig war. Als 1870
der deutsch-französische Krieg auch Belgien in Mitleidenschaft zog, wurde
de Paepe als Militärarzt nach der Provinz Luxemburg geschickt, zu der,
seinem internationalen und sozialistischen Fühlen am Meisten entsprechenden
Mission, Verwundete aus beiden Lagern zu pflegen. Als er 1871 nach
Brüssel zurückkehrte, traf ihn ein neuer Schlag. Seine treue Lebensgefährtin
starb und hinterließ ihm vier Kinder. Mit eisernem Fleiß arbeitete er
weiter und erhielt schließlich den Doktorgrad mit den höchsten Aus-
zeichnungen. Er ließ sich nun als praktischer Arzt nieder, und hätte ein
materiell sorgenloses Leben führen können, wenn nicht die Entbehrungen und
Ueberanstrengungen seiner Jugend seine Gesundheit schwer erschüttert hätten.
Ein chronisches Brustleiden hinderte ihn oft an der Ausübung seines Berufs,
und es steigerte sich in den letzten Jahren so, daß de Paepe wiederholt süd-
liche Länder aufsuchen mußte, um Linderung zu finden. Es ehrt die bel-
gische Arbeiterpartei, daß sie, was in ehren Kräften stand, aufbot, um ihrem
verehrten Vorkämpfer diese Reisen zu ermöglichen.

Seit seinem 17. Lebensjahre kämpfte de Paepe für die geistige und
materielle Befreiung des arbeitenden Volkes. Auf den Vorversammlungen,

sowie auf dem berühmten Meeting am 30. September 1864 in St. Martins
Hall, wo die Internationale Arbeiterassoziation gestiftet wurde, nahm de Paepe
als Vertreter belgischer Arbeitervereine Theil; er wurde eines der eifrigsten
Mitglieder der Internationale. Kaum ein Kongreß derselben, an dem er
nicht Theil nahm. Ursprünglich noch stark in proudhonistischen Anschau-
ungen befangen, entwickelte er sich von Jahr zu Jahr mehr in der Richtung
des modernen wissenschaftlichen Sozialismus. Schon 1867 sprach er sich auf
dem Kongreß zu Lausanne zum großen Entsetzen der französischen Proudhonisten
für die Vergesellschaftung des Grund und Bodens aus, und 1869, auf dem
Basler Kongreß der Internationale, verlas er, als Beauftragter der belgischen
Delegation, eine bemerkenswerthe Abhandlung über die Eigenthums.-
frage, die in der Befürwortung der Resolution zu Gunsten der Vergesell-
schaftung des Grund und Bodens gipfelte. Bekanntlich wurde eine dahin-
gehende Resolution mit 54 gegen 13 Stimmen in Basel beschlossen.

Neben seiner Thätigkeit in der Arbeiterbewegung, in Frerdenkervereinen,

in wissenschaftlichen und gemein-
nützigen Vereinen hat Cäsar de
Paepe eine ungemein fruchtbare
schriftstellerische Thätigkeit entfaltet.
Seiner Beiträge in deutschen sozia-
listischen Revuen ist bereits gedacht
worden, ebenso schrieb de Paepe
für französische Revuen und war
in seiner engeren Heimat, den
Niederlanden, ein geschätzter Mit-
arbeiter sowohl der Arbeiterpresse
als verschiedener Fach- rc. Zeit-
schriften. In neuerer Zeit hat
de Paepe bemerkenswerthe Arbeiten
über die Fabrikgesetzgebung und
Arbeiterhygiene geliefert.

„Um 1875—76 waren die
Brüsseler Arbeiterorganisationen
ungeheuer zurückgegangen. Nur
einige widerstandsfähige Vereine
hatten den Zusammenbruch der
Internationale und die zahlreichen
Streiks von 1872—73 überdauert.
Da unternahmen die Brüsseler
Sozialisten es mit de Paepe's
Hilfe, eine neue Vereinigung unter
dem Namen Arbeitskammer zu
schaffen. Konferenzen, Versamm-
lungen, Unterrichtsstunden wurden
abgehalten und stets war de Paepe
der Thätigste von allen. Er allein
hielt zwei Kurse ab, den einen
über Hygiene und Physiologie, den
anderen über Gesellschaftswissen-
schaft; und beide werden uns als
ausgezeichnet geschildert. Denn
de Paepe hatte ein großes Lehr-
talent, und er liebte es, die Schätze
seines Geistes und ausgebreiteten
Wissens auf das Freigebigste aus-
zutheilen, selbst seine gemüthlichen
Plaudereien waren von höchstem
Nutzen."

De Paepe war, wie es im „Le Peuple" heißt, „ein Mann von der
äußersten Duldsamkeit, und dies verschaffte ihm die Liebe und Achtung nicht
blos seiner Freunde, nein, auch seiner Gegner; ja, man kann sagen, daß
de Paepe die Achtung und Liebe Aller, die ihn kannten, besaß, so daß
sein Tod, der in Cannes in Süd-Frankreich seinen langjährigen Leiden
ein Ende machte, weit über Belgiens Grenzen hinaus Schmerz und Trauer
hervorrief."

Das Leichenbegängniß de Paepe's am zweiten Weihnachtsfeiertage
gestaltete sich zu einer großartigen Kundgebung. Dem Todten folgten die
Familie, der Generalrath, die Abordnungen der Freidenker- und sozialdemo-
kratischen Vereine, zahlreiche fremde Delegirte und Freunde des Verstorbenen,
die Krankenwärterinnen aus dem Laienelcmente, dann alle Arbeiter-, Ratio-
nalisten- und Demokratenvereine, ungefähr 8—9000 Mann. Dem Zuge
voran gingen zirka 4000 Leidtragende. Als der Sarg auf den Friedhof
getragen wurde, bildeten die Trägerinnen der Kränze und die Deputationen
Spalier. Nach einigen einleitenden Worten Volkers hielt Leon Defuiffeaux
die erste, von Schmerz und Rührung eingegebene Rede, die mit großer Be-
wegung ausgenommen wurde. Nach ihm sprachen der Bürger Basin im
Namen des Nationalkomites der sozialistischen Arbeiterpartei Frankreichs,
der Bürger Baschwitz im Namen der Sozialdemokraten Deutschlands und
Belgiens. Tie Nacht sank langsam herab und auf Bitten Volkers verzich-
teten die übrigen Redner auf das Wort. Nach einigen Abschiedsworten
Laurent Verrychenswied's, denen Seufzer und Thränen aus der Menge ant-
worteten, wurde der Sarg in die Gruft gesenkt und die Anwesenden zogen
lautlos wieder der Stadt zu.

Redaktion Georg Baßler; Druck und Vertag: I. H. W. Dietz, beide in Stuttgart.
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