Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 9.1892

Seite: 1250
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Götterdämmerung.

kennt die langverklnng'ne Näre
8om Wolfe, der die alte Welt.

Kl§ oö sie gute Äeute wäre.

Km jüngsten Tag im RaIen galt.

Und von dem neuen grünen Litand.
Geglänzt von goldnem ZonnenstraZt,
ZersDwindet all' die Notss. die weiland
Der NensIßeit «Stück und Frieden staßl. -

DoI kann den ZIluck er niDt verdauen,
Lr stießt - die Wett wird wieder jung:
Hell teuItet auf aus NaDt und «Krauen
Die junge «Kötterdämmerung.

Zo Alt auI Zeut'mit maFt'gen Fängen
Lin Ungekßüm die Welt umfaßt.

Ins Lisenkleid sie eimuzwängen
Und in die sZwere Waffenlast.

Was NensIen müßvoll siZ erwarben
Und fDufen mit der Hände Fleiß,

Das müssen opfern sie und darßen
Und Niemand noU ein Znde weiß.

DoI können sie's nWt messr ersDwingen
Und will Mllionen sonder Zassl
ZoG'.,Friede" immer niegr verfDIingen,
Dann dämmert es wossl auF einmal)

Lieber Jacob!

Berlin, zu Fingsten.

Sehste, lieber Jacob, uu iS det fröhliche Fest ooch wieder da. So
jcht det een Jahr wie alle Jahre, de Zeit verjeht, man wart't rcene druff.
Fingsten, ja nu is et Fingsten un Alles athmet Leben un Freide, un de
Natur, die überall jleich hinter de letzte Häuser anfangt, hat nu ihren präch-
tigsten Staat, ja ick möchte fast sagen, ihr Brauttleed aujczogen.

Na, ick hoffe doch von Dir, det De als jebildeter Mensch, vor den ick
Dir immer cstimirt habe, Dir nu Dein Haus ooch mit Maien jeschmickt
hast, det et überall bei Dir riecht, als hältst De Deinen Jesichtsvorsprung in
'ne Maikeeberschachtel rin.

Aber eenen juten Rath möchte ick Dir doch jeden. Bei uns hier näm-
lich in Spreeathen da is so'n richtijet Fingstfest ohne een Friehkonzcrt ieber-
haupt nich zu denken. Da muß man denn mit Kind un Kejel un Kuchen
un Kaffee — bat heeßt, der wird erst draußen jekocht — un wat Alles so
drum un dran bammelt, raus nach een Jartenlokal, wo denn nu verschiedene
Musikanten die beliebtesten sojenannten Volksstücke runtertuten. Na, sowat
is ja nu ooch soweit janz scheeu un janz jrien, aber det dickste Ende kommt
jeweehnlich nach. Denn der jebildete Mann kann bei'n besten Willen sich
det MorjenS fo jejen 'n Uhrener finfe nich mehr wie sieben Tassen Mokka
un höchstens so'n Sticker zwölf Nappkuchen runterhelfen. Un bei die Kälte,
die doch so, wie det eenmal Brauch un Sitte iz, det Morjens um finfe zu
Fingsten herrscht, da kriegt denn der jebildetc Mensch nach sonne Leistung
Hunger un Durscht, un damit fangt denn jewehnlich der Anfang von det

dicke Ende an. Man jenehmigt denn zuerst zur Stärkung un Erwärmung
von den inneren Menschen een kleenet Nordlicht, denn noch eens, na, un
aller juten Dinge sind drei. Ick habe eenen juten Freind, der nimmt sich
zu sonne feierlichen Jelejenheitcn jleich sonne kleene handliche Pulle mit,
damit det Jeloofe von den Kellner nich immer is. Na, un denn drängelt
man sich so langsam an det Bier ran. Un sechste, Jacob, det is jrade der
Verderb. Damit verplantscht De Dir denn so schluckzesstve die jesammten
Feierdage. Jloobe mir, lieber Jacob, un meine villseitije Erfahrung in
alle trinkbaren Anjelejenheiten, in sowat weeß ick nämlich Bescheed, un ick
habe mir ja ziemlich seit Anbejinn der Welt det Besuchen von Friehkonzerte
abjewöhnt.

Wenn ick Stöcker wäre, ick wirde jleich 'ne mächtije Agitation in de
Weje leiten wejen Abschaffung der Verjniejungsörter um Berlin rum. Wat
brauchen wir zum Beispiel so'n Ding wie Plötzensee? Ick bin zwar noch
nich dajewesen, aber ick jloobe, det die verdammten Sozialdemokraten, die
da hinter die eisernen Traillen sitzen, den janzcn lieben, langen ausjeschlagenen
Dag vor lauter Pläsirverjniejen jarnich wissen, wat se anfangen sollen. Ick
jloobe, die stehen Kopp vor lauter Langeweile.

Aber ick will mir vor lauter Aerjer drieber meine Fingstfreide nich
verderben. Ick bin woll 'ne putzige Kruke, det stimmt, aber manchmal be-
kimmere ick mir ooch um Sachen, die mir jarnischt anjchen. Et jiebt woll
kcen jrößeret Berjniejen uff de janze Welt als die Verjniejungszüje nach
.Außerhalb. Det mußt De sehen un staunen. De Stadtbahn wie de Spree,
blos mit den Unterschied, de Spree iS flissig, und de Stadtbahn an sonne

oo Die kranke Wett, sx->

^ie Welt ist siech, die Welt ist krank
aß' Und scheint mir schier gar verloren.
Wenn auch kuriren jeden Tag
An ihr viel tausend Doktoren.

Nit hochgelahrter Brille stolzirt
Linher der Allopathe;

Jedoch der Homöopath kurirt
Schon mehr mit großer Suade.

Ls will der gute Pfarrer Aneipp
Nit Barfuhlaufen kuriren;

Lin Andrer will den Nenfchenleib
Nasfiren und malträtiren.

Der Line preist an den Alkohol,

Der Andre thut ihn verfluchen,

Lin Dritter will es mit Sympathie,

Lin vierter mit wolle versuchen.

Die arme Menschheit badet und schwitzt
Und schluckt gar viele Mixturen;

Lin jeder Doktor erzählt der Welt
von seinen glücklichen Auren.

Stets nennt der Line Lharlatan
Laut oder leise den Andern;

Die arme Nenschheit, sie muß dabei
Im Siechthum weiter wandern.

Die letzte General-Versammlung.

Vorsitzender: Es erhebt sich demnach kein
Widerspruch. Der Antrag auf Entlastung ist mit
allen gegen eine Stimme angenommen.

Stimme auS dem Hintergründe: Ich
protestire auf das Entschiedenste gegen das selbst-
herrliche Vorgehen des Verwaltungsraths. Meine
Herren, der Gewinnanthcil, den die Leiter unserer
Gesellschaft in die Tasche stecken, ist ein schwin—

(Klingel des Borsitzenden, Lärm. Verschiedene Seidenhllte
werden zerbeult, der Sprecher wird hinausgeworfen.)

Aktionär Meyersohn ihat fünfhundert Alti-n
i soooo wart): Menne Herrn! Woßu der Lörm,
waS steht dem Herrn ßu Dünsten? Nebbich, macht
er ä Geschrai und was hot er? Nischt hot er,
öne Aktiö hot er. As wir hoben se a großartigen,
selten tüchtigen VerwaltungSrath — er soll lang
leben und gsünd sein — erthailen wür ühm
Decharge. Haißt ä Geschäft! Ist das der Dank,
was wür ühm sünd schuldig. Oßen, sagt Schüller.
War hat gehabt de graußc Jdö, ßu entwückeln de
politischen Szuständ, daß wir hoben , gegründet den
Mustcrstoot, der iS a Stoot, der sich kann sehen
lassen vor daLait? Wer hot gegründet den Stoot
auf Aktiön? Eppes Beßres soll nicht gedacht
werden. lBravoi Hört, hört» Der Verwaltungsrath
hot'S gethan. Wer Hot genummen de Szügel fest
in die Händ? Wer hot geschaffen ä Regierungs-
Trust, hast de nicht gefehlt? Ä mieße Meschume
kimm über den, as sich Hot geßaigt aufsässig! Nu,
was würd er sain? Ain verkappter Sozialdemokrat
würd er sain, Gott der Gerechte! (Sehr fain! Gut!
Bravissimo I)

Aktionär von Dunkeldorff: Statutenmäßig
scheiden auS dem Trust-Direktorium zwei Mitglieder
aus. Nachdem heute — parole ä'bonneur, es

war höchste Zeit — letzter Vertreter kleinbürger-
licher Rotüre ausgemerzt, ausgestoßen, mit schlichtem
Abschied — he! he! — entfernt ist aus distinguirter
Gesellschaft — reinliche Scheidung, ans Taille! —
können unter uns saus gfene sprechen, pyramidal
zwanglos, einfach schneidig. Habe, auf Sport!
kolossale Verdienste um Gesellschaft, immer thätig,
immer mobil, stets aus Posten. (Kellner, Fenster
aufmachen, riecht hier infernalisch nach Knoblauch.
Kollege von Blaßrödcr, auf Raffe, könnten sich
endlich rituelles Wurstessen abgewöhnen! Luft! Luft!)
Meine Herren! Erwarte, daß Einziger, äh! der
Rathgeber von bon seiw, verständnißvoll, bei
Neuwahl — verstehen, Bescheidenheit verbietet mir
mehr zu sagen. (Bravo! Zischen links.) Blaublütiger
Aristokrat hört nur Beifall, wofür dankend, ver-
achtet plebejische Gesinnung, die zischt wie Natter.
Zertrete Natter, eins, zwei, drei. (Es wird still im
Saale.) Habe süperbe Pläne, deren Verwirklichung
jottvoll. Wie liegen Dinge heute? Haben nu
Großbesitz hier, Proletarier dort. Grund und Boden,
Hüttenwerke, Gruben, Fabriken, Handel und Wandel,
Alles zusammengeschlagen zu riesigem Kartell. Parla-
ment Nonsens, veraltete Schrulle, dafür Generalver-
sammlung der Aktionäre. Leitung des Ganzen, das
politisch und wirthschaftlich ein Trust, wogegen
frühere Trusts, Petroleum-, Zucker-, Schienentrust
wie Steinschloßflinte zu Neunmillimetrigem, in Hand
des Direktoriums. Direktorium gewählt aus größten
Antheil-Besitzern, nur gerecht und zu billigen.

Vorsitzender: Das Wort hat Freiherr Still
auf Gruselberg.

Aktionär Freiherr v. Still auf Grusel-
be r g: Der Vorschlag des geehrten Herrn Vorredners
findet meine wärmste Theilnahme, er ist nothwendig,
er muß durchgeführt werden. Aber, meine Herren,
sind die Zeitläufte so günstig, daß er jetzt, gerade
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