- 1511 -
c Vle Maifeier in Hamburg.
Äurn dritten Male, seit dem internationalen Arbeiterkongresse
zu Paris im Jahre 1890, hat sich der Mai, der Wonnemonat, erneut.
Der „Wonnemonat", von Dichtern so genannt, für die Arbeiter ein
Monat der Frohnde gleich allen übrigen Monaten im Jahr. Erst
durch den Beschluß des Pariser Kongresses, den ersten Mai zu einem
Weltfeiertage der Arbeit zu erheben, hat der sogenannte Wonnemonat
für die Arbeiter eine ganz besondere Bedeutung erlangt. In manchen
Ländern gilt von Alters her der erste Mai noch als ein Volks-Festtag.
Die moderne Industrie mit ihrem gierigen Rennen und Jagen nach
Gewinn und Profit aber ist ein Feind der Volksfeste, ein um so grimmiger
Feind der jetzigen Maifeier, als diese vor allem eine Kundgebung dar-
stellt für die Verkürzung der Arbeitszeit. Der achtstündige Arbeitstag
soll die erste Hauptetappe sein auf dem Wege zur vollständigen Erringung
der materiellen und geistigen Emanzipation des Volkes der Arbeit!
Kein Wunder, daß das sogenannte Arbeitgeberthnm Hand in
Hand mit den Behörden, den Hüterinnen der jetzigen anarchischen
Produktionsform, in kleinlichen Maßregelungen die Maifeier der
Arbeiter in fast allen Gegenden Deutschlands zu hintertreiben trachten.
Dennoch aber läßt das Volk der Arbeit sich nicht abschrecken und fast
aus allen Gauen kamen auch in diesem Jahre die Nachrichten von
der allgemeinen Theilnahme der Arbeiter an der Feier des 1. Mai.
Am großartigsten jedoch gestaltete sich die Maifeier in Ham-
burg, der Hochburg unserer sozialdemokratischen Arbeiterbewegung.
Am 1. des Maienmondes hatten bereits in Hamburg, den Vororten
und nächstgelegenen Ortschaften an fünfzehn imposante Versamm-
lungen, in welchen die Bedeutung des Tages gewürdigt wurde, statt-
gesunden. Am 7., dem ersten Sonntag im Mai, sollte das eigentliche
Mai-Volksfest gefeiert werden.
Der Himmel machte am Morgen des Festtages nicht eben ein
freundliches Gesicht. Die Sonne hielt grämlich ihr leuchtendes Antlitz
verborgen, just wie die Hamburger Geldaristokratie hinter den Jalousien
ihrer gartenumkränzten Paläste. Als aber um die Mittagsstunde die
Arbeiterschaaren von allen Gegenden der Hansastadt zum Sammel-
plätze strömten, da zertheilte eine frische Brise das neidische Gewölk
und die Maiensonne strahlte im frohen Glanze nieder auf die Ba-
taillone der Arbeit.
Die Aufstellung der Massen erfolgte in der früheren Vorstadt
St. Georg. Zwei Züge A und B gruppirten sich „An der Alster";
die dritte Abtheilung C in der parallel laufenden Straße „An der
Koppel". Präzis 1 Uhr setzte sich der kolossale Zug in Bewegung.
Die Spitze des Zuges bildete die Abtheilung A, geführt vom sozial-
demokratischen Wahlverein des zweiten Hamburger Wahlkreises, mit
einem starken Musikkorps voran, die Marseillaise spielend. , Hierauf
die gewerkschaftlich organisirten Frauen und Mädchen, mindestens
3000 an der Zahl. Dann 26 gewerkschaftliche und andere Vereine
mit ihren Bannern und Fahnen. Allen voran wurde die alte, un-
scheinbare, rothe Hamburgische Parteifahne getragen, die unter dem
Sozialistengesetz viel gesucht, aber nie gesunden worden ist. Unter
ihr marschirte auch Genosse August Bebel rüstig mit hinaus zum
Festplatz. — Die Abtheilung B eröffnet? der sozialdemokratische Wahl-
verein des ersten Hamburger Wahlkreises, dem wiederum 25 ver-
schiedene Gewerkschaften folgten. Der Gruppe C marschirten die
Genossen des dritten Wahlkreises voran; 21 Gewerkschaften und
Vereine bildeten den Schluß. Jedem Winke der Festordner wurde
williger als auf einem Exerzierplätze Folge gegeben und so bot der
Festzug, in Reihen von 8 Personen, niit seinen zahllosen Bannern,
Fahnen, Emblemen und 19 Musikchören, ein wahrhaft großes, fast
überwältigendes Bild! Erst nach 3 Uhr konnten die letzten Gruppen
vom Sammelplatz sich in Bewegung setzen. Man kann sich schon
hieraus einen Begriff von der Größe des Zuges machen.
Der Festplatz befand sich am äußersten Ende des Vorortes
Barmbek auf einer umzäunten Wiese, die von der Verwaltung des
„Viktoriagartens" (wo sich früher „von Essens Garten" befand) in zuvor-
kommendster Weise zur Verfügung gestellt worden war. Als die Spitze
des Zuges um 2 Uhr auf dem Festplatze eintraf, waren dort schon
Tausende versammelt und der Raum, obgleich bedeutend größer als
in den vorhergehenden Jahren, erwies sich für die Massen fast zu
klein. Es mögen wohl gegen 100 000 Festtheilnehmer zu zählen
gewesen sein.
Bald nach 3 Uhr bestieg August Bebel die der Gelegenheit
gemäß würdig und sinnig geschmückte Rednertribüne, von ungeheurem
Jubel begrüßt. Markig schallte die Stimme des erprobten Kämpfers
über die Kopf an Kopf gedrängte Menge hin, oft von brausendem
Beifall unterbrochen. Er nahm besonders Bezug auf die Reichstags-
auflösung und die bevorstehende Neuwahl zum Reichstage und schloß
seine Rede ungefähr wie folgt:
„Hamburgs Arbeiterschaft, die Avantgarde der Sozialdemo-
kratie, wird, daran zweifle ich nicht, mit vollster Siegeszuversicht
in den Wahlkampf eintreten. Unerträgliche Opfer an Gut und
Blut werden ganz Europa zugemuthet, ein Krieg würde unsagbares
Elend über Alle heraufbeschwören. Mehr als je müssen wir darum
beweisen, daß nicht umsonst die Lehre uns gepredigt wurde:
„Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" Unsere Kraft,
unseren Willen müssen wir dadurch beweisen, daß wir bis zum
15. Juni unsere Schuldigkeit thun. Mit Daransetzung aller Kraft
laßt uns in den Kampf eintreten. Stimmt ein in ein Hoch auf
das siegende Proletariat, auf die deutsche Sozialdemokratie!"
Nachdem das begeisterte Hoch verhallt, fügte Bebel noch hinzu:
„Und nun Genossen an die Arbeit!"
Der zweite Festredner war Wilhelm Pfannkuch. Der Schluß
seiner begeisternden Ansprache lautete:
„Wir sind stets eingedenk des Wortes Lassalle's: Die
Arbeiter sind der Fels, auf welchem die Kirche der
Zukuust erbaut werden wird. Auf der Grundlage der Prole-
tarierbewegung wird der neue Gesellschaftsbau aufwachsen. Heute
sind wir zu vielen Tausenden zusammen, um zu zeigen, daß wir
gewillt sind, zu kämpfen und nicht zu ruhen, bis unser Ziel erreicht
ist. Der Achtstundentag soll die Arbeiter sichern, daß sie widerstands-
fähig bleiben. Wir haben die ehrliche Absicht, mit den Gegnern
in ruhiger, friedlicher Entwicklung zu ringen. Wollen sie aber den
Kampf, so sollen sie ihn haben."
Unser Bild stellt den Haupttheil des Festplatzes dar; auf der
Tribüne links steht Bebel und rechts Pfannkuch, beide durch Tausende
von Menschen getrennt.
Nach den Festreden entwickelte sich das eigentlich^ Mai-Volksfest
im schönsten Sinne des Wortes. Abwechselnd mit der Musik trugen
die Mitglieder des ArbeiterSängerbundes dem Tage angepaßte Lieder
vor. In den zahlreichen Erfrischungszelten trafen sich manche alte
Kameraden, „die sich lange nicht gesehen und doch wieder erkannten",
wieder erkannten darin, daß sie mit gleich heißer Sehnsucht nach
demselben Ziele streben!
Tadellos war auch die Art und Weise, wie sich die Arbeiter-
schaaren auf dem Festplatze bewegten. Die „geheiligte Ordnung"
gerieth nirgend in die allergeringste Gefahr! Selbst für eine Sanitäts-
wache mit einem Arzte und „weiblicher Hilfe" für jeden Noth-
fall hatte das umsichtige Festkomitee Sorge getragen. Ja, die Ham-
burgische sozialdemokratische Arbeiterschaft ist in ihrer Organisation
wirklich mustergiltig!
So verlief die Maifeier als ein wahrhaftes Volksfest auch in
diesem Jahre in der herrlichsten Weise und Hamburgs Arbeiterschaft
kann mit Recht singen:
Der Sonnenstrahl der Frühlingszeit
Hat uns den Staar gestochen
Im Mai, im strahlenden, leuchtenden Mai! 3. h.
c Vle Maifeier in Hamburg.
Äurn dritten Male, seit dem internationalen Arbeiterkongresse
zu Paris im Jahre 1890, hat sich der Mai, der Wonnemonat, erneut.
Der „Wonnemonat", von Dichtern so genannt, für die Arbeiter ein
Monat der Frohnde gleich allen übrigen Monaten im Jahr. Erst
durch den Beschluß des Pariser Kongresses, den ersten Mai zu einem
Weltfeiertage der Arbeit zu erheben, hat der sogenannte Wonnemonat
für die Arbeiter eine ganz besondere Bedeutung erlangt. In manchen
Ländern gilt von Alters her der erste Mai noch als ein Volks-Festtag.
Die moderne Industrie mit ihrem gierigen Rennen und Jagen nach
Gewinn und Profit aber ist ein Feind der Volksfeste, ein um so grimmiger
Feind der jetzigen Maifeier, als diese vor allem eine Kundgebung dar-
stellt für die Verkürzung der Arbeitszeit. Der achtstündige Arbeitstag
soll die erste Hauptetappe sein auf dem Wege zur vollständigen Erringung
der materiellen und geistigen Emanzipation des Volkes der Arbeit!
Kein Wunder, daß das sogenannte Arbeitgeberthnm Hand in
Hand mit den Behörden, den Hüterinnen der jetzigen anarchischen
Produktionsform, in kleinlichen Maßregelungen die Maifeier der
Arbeiter in fast allen Gegenden Deutschlands zu hintertreiben trachten.
Dennoch aber läßt das Volk der Arbeit sich nicht abschrecken und fast
aus allen Gauen kamen auch in diesem Jahre die Nachrichten von
der allgemeinen Theilnahme der Arbeiter an der Feier des 1. Mai.
Am großartigsten jedoch gestaltete sich die Maifeier in Ham-
burg, der Hochburg unserer sozialdemokratischen Arbeiterbewegung.
Am 1. des Maienmondes hatten bereits in Hamburg, den Vororten
und nächstgelegenen Ortschaften an fünfzehn imposante Versamm-
lungen, in welchen die Bedeutung des Tages gewürdigt wurde, statt-
gesunden. Am 7., dem ersten Sonntag im Mai, sollte das eigentliche
Mai-Volksfest gefeiert werden.
Der Himmel machte am Morgen des Festtages nicht eben ein
freundliches Gesicht. Die Sonne hielt grämlich ihr leuchtendes Antlitz
verborgen, just wie die Hamburger Geldaristokratie hinter den Jalousien
ihrer gartenumkränzten Paläste. Als aber um die Mittagsstunde die
Arbeiterschaaren von allen Gegenden der Hansastadt zum Sammel-
plätze strömten, da zertheilte eine frische Brise das neidische Gewölk
und die Maiensonne strahlte im frohen Glanze nieder auf die Ba-
taillone der Arbeit.
Die Aufstellung der Massen erfolgte in der früheren Vorstadt
St. Georg. Zwei Züge A und B gruppirten sich „An der Alster";
die dritte Abtheilung C in der parallel laufenden Straße „An der
Koppel". Präzis 1 Uhr setzte sich der kolossale Zug in Bewegung.
Die Spitze des Zuges bildete die Abtheilung A, geführt vom sozial-
demokratischen Wahlverein des zweiten Hamburger Wahlkreises, mit
einem starken Musikkorps voran, die Marseillaise spielend. , Hierauf
die gewerkschaftlich organisirten Frauen und Mädchen, mindestens
3000 an der Zahl. Dann 26 gewerkschaftliche und andere Vereine
mit ihren Bannern und Fahnen. Allen voran wurde die alte, un-
scheinbare, rothe Hamburgische Parteifahne getragen, die unter dem
Sozialistengesetz viel gesucht, aber nie gesunden worden ist. Unter
ihr marschirte auch Genosse August Bebel rüstig mit hinaus zum
Festplatz. — Die Abtheilung B eröffnet? der sozialdemokratische Wahl-
verein des ersten Hamburger Wahlkreises, dem wiederum 25 ver-
schiedene Gewerkschaften folgten. Der Gruppe C marschirten die
Genossen des dritten Wahlkreises voran; 21 Gewerkschaften und
Vereine bildeten den Schluß. Jedem Winke der Festordner wurde
williger als auf einem Exerzierplätze Folge gegeben und so bot der
Festzug, in Reihen von 8 Personen, niit seinen zahllosen Bannern,
Fahnen, Emblemen und 19 Musikchören, ein wahrhaft großes, fast
überwältigendes Bild! Erst nach 3 Uhr konnten die letzten Gruppen
vom Sammelplatz sich in Bewegung setzen. Man kann sich schon
hieraus einen Begriff von der Größe des Zuges machen.
Der Festplatz befand sich am äußersten Ende des Vorortes
Barmbek auf einer umzäunten Wiese, die von der Verwaltung des
„Viktoriagartens" (wo sich früher „von Essens Garten" befand) in zuvor-
kommendster Weise zur Verfügung gestellt worden war. Als die Spitze
des Zuges um 2 Uhr auf dem Festplatze eintraf, waren dort schon
Tausende versammelt und der Raum, obgleich bedeutend größer als
in den vorhergehenden Jahren, erwies sich für die Massen fast zu
klein. Es mögen wohl gegen 100 000 Festtheilnehmer zu zählen
gewesen sein.
Bald nach 3 Uhr bestieg August Bebel die der Gelegenheit
gemäß würdig und sinnig geschmückte Rednertribüne, von ungeheurem
Jubel begrüßt. Markig schallte die Stimme des erprobten Kämpfers
über die Kopf an Kopf gedrängte Menge hin, oft von brausendem
Beifall unterbrochen. Er nahm besonders Bezug auf die Reichstags-
auflösung und die bevorstehende Neuwahl zum Reichstage und schloß
seine Rede ungefähr wie folgt:
„Hamburgs Arbeiterschaft, die Avantgarde der Sozialdemo-
kratie, wird, daran zweifle ich nicht, mit vollster Siegeszuversicht
in den Wahlkampf eintreten. Unerträgliche Opfer an Gut und
Blut werden ganz Europa zugemuthet, ein Krieg würde unsagbares
Elend über Alle heraufbeschwören. Mehr als je müssen wir darum
beweisen, daß nicht umsonst die Lehre uns gepredigt wurde:
„Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!" Unsere Kraft,
unseren Willen müssen wir dadurch beweisen, daß wir bis zum
15. Juni unsere Schuldigkeit thun. Mit Daransetzung aller Kraft
laßt uns in den Kampf eintreten. Stimmt ein in ein Hoch auf
das siegende Proletariat, auf die deutsche Sozialdemokratie!"
Nachdem das begeisterte Hoch verhallt, fügte Bebel noch hinzu:
„Und nun Genossen an die Arbeit!"
Der zweite Festredner war Wilhelm Pfannkuch. Der Schluß
seiner begeisternden Ansprache lautete:
„Wir sind stets eingedenk des Wortes Lassalle's: Die
Arbeiter sind der Fels, auf welchem die Kirche der
Zukuust erbaut werden wird. Auf der Grundlage der Prole-
tarierbewegung wird der neue Gesellschaftsbau aufwachsen. Heute
sind wir zu vielen Tausenden zusammen, um zu zeigen, daß wir
gewillt sind, zu kämpfen und nicht zu ruhen, bis unser Ziel erreicht
ist. Der Achtstundentag soll die Arbeiter sichern, daß sie widerstands-
fähig bleiben. Wir haben die ehrliche Absicht, mit den Gegnern
in ruhiger, friedlicher Entwicklung zu ringen. Wollen sie aber den
Kampf, so sollen sie ihn haben."
Unser Bild stellt den Haupttheil des Festplatzes dar; auf der
Tribüne links steht Bebel und rechts Pfannkuch, beide durch Tausende
von Menschen getrennt.
Nach den Festreden entwickelte sich das eigentlich^ Mai-Volksfest
im schönsten Sinne des Wortes. Abwechselnd mit der Musik trugen
die Mitglieder des ArbeiterSängerbundes dem Tage angepaßte Lieder
vor. In den zahlreichen Erfrischungszelten trafen sich manche alte
Kameraden, „die sich lange nicht gesehen und doch wieder erkannten",
wieder erkannten darin, daß sie mit gleich heißer Sehnsucht nach
demselben Ziele streben!
Tadellos war auch die Art und Weise, wie sich die Arbeiter-
schaaren auf dem Festplatze bewegten. Die „geheiligte Ordnung"
gerieth nirgend in die allergeringste Gefahr! Selbst für eine Sanitäts-
wache mit einem Arzte und „weiblicher Hilfe" für jeden Noth-
fall hatte das umsichtige Festkomitee Sorge getragen. Ja, die Ham-
burgische sozialdemokratische Arbeiterschaft ist in ihrer Organisation
wirklich mustergiltig!
So verlief die Maifeier als ein wahrhaftes Volksfest auch in
diesem Jahre in der herrlichsten Weise und Hamburgs Arbeiterschaft
kann mit Recht singen:
Der Sonnenstrahl der Frühlingszeit
Hat uns den Staar gestochen
Im Mai, im strahlenden, leuchtenden Mai! 3. h.


