Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 10.1893

Page: 1527
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Bom mim mlernalionalen Kökitkk-Kongrkß in Vase! im Jahre lS69.

(Liehe hierzu das Doppelbild.)

Der Basler Kongreß — 5. bis 12. September 1869 — bildet
für die deutsche Arbeiterbewegung einen bedeutsamen Abschnitt. Von
dein Augenblicke an. wo wir „Ehrlichen" uns gegenüber dem
„Allgemeinen deutschen Arbeiterverein" organisirten. stellten wir uns
zwar ausdrücklich auf den Boden der Internationalen Arbeiter-
Organisation. allein zwischen uns und der bürgerlichen Demokratie
war noch keine reinliche Scheidung gemacht. Es galt Farbe zu
bekennen und jeglichen Zweifel zu zerstreuen. Das geschah auf dem
Basler Kongreß, den wir offiziell beschickten, durch den Beschluß in
der Grund- und Bodenfrage. Derselbe, am 10. September 1869 mit
großer Mehrheit gefaßt, lautet:

1. Der Kongreß erklärt, daß die Gesellschaft das Recht hat.
das individuelle Eigenthum an Grund und Boden abzuschaffen
und Grund und Boden in Gemeineigenthum zu verwandeln.

2. Der Kongreß erklärt, daß es im Interesse der Gesellschaft
nothwendig ist. den Grund und Boden in Gemeineigenthm»
zu verwandeln.

Damit war das freilich schon sehr verschlissene Band zerschnitten,
das uns noch mit der bürgerlichen Demokratie vereinigt hatte. Wie
zu erwarten war. gab es ein höllisches Zetergeschrei, mit der im
polizeifrommen Deutschland unvermeidlichen Begleitung von mehr und
weniger verhüllten Denunziationen. Und die bürgerliche Demokratie,
deren Unterstützung gegen die Bismarck'sche Politik uns bis dahin sehr
nützlich gewesen, jedoch nicht mehr nöthig war. klagte öffentlich und
geheim über Undank — nach Art der Muttergans, der die aus'
gebrüteten Schwäne davonfliegen. Nicht daß wir von der bürger-
lichen Demokratie als Partei ausgebrütet worden wären, allein Einiges
hat sie jedenfalls zu unserem Gedeihen beigetragen, und in Wirklich-
keit haben wir die Demokratie auch niemals als unsere Amme ver-
leugnet. und bilden uns sogar ein. weit demokratischer zu sein als
die bürgerliche Demokratie, die längst aufgehört hat. Demokratie zu
sein. Ohne wirthschaftliche Gleichheit keine staatliche Freiheit, ohne
ökonomische keine politische Unabhängigkeit. Und darum keine Demo-
kratie ohne Sozialismus. Oder mit anderen Worten: die Demokratie
ist heute Sozialdemokratie, oder sie ist Schwindel, Phrasennebel
und Trug.

Der Basler Beschluß machte jeglicher Unklarheit ein Ende. Die
rothe Fahne, die wir bisher noch mit dünnem Flor umhüllt hatten,
war entrollt und flatterte lustig im Winde. Sie zog aber das feind-
liche Feuer an; ein wahres Kesseltreiben begann und wir hatten uns
unserer Haut zu wehren. Wir warfen uns alle auf die „Landfrage",
und ich mußte eine eingehende Rede ausarbeiten, die dann als Schrift
veröffentlicht und später erweitert wurde. Die Geister beruhigten
sich allmälig. die Denunziationen waren jedoch auf fruchtbaren
Boden gefallen, und ein paar Jahre später, im „Leipziger Hochver-
rathsprozeß". ging Bebel und mir die Saat auf. Wer die Verhand-
lungen dieses deutschen Justizschauspiels — damals eine Neuheit,
seitdem aber so häufig aufgeführt, daß es kein Interesse mehr erregt —
mit etwas Aufmerksamkeit durchblättert, der wird finden, welche
Nylle die Landfrage in unserem Prozeß gespielt hat, und daß wir
schon zu jener Zeit die volle Bedeutung dieser Frage würdigten und
auch die praktischen Konsequenzen zu ziehen verstanden.

Das photographische Gruppenbild, welches am letzten Tage des
Basler Kongresses aufgenoinmen wurde, ist sehr wohl gelungen und
sicherlich der Wiedergabe werth. in der es den Genossen hiermit ans
mehrfach geäußerten Wunsch hin geboten wird.

Der Basler Kongreß war von allen Kongressen der inter-
nationalen Arbeiterassoziation wohl derjenige, welcher die Arbeiter-
bewegung seiner Zeit am vollständigsten zurückspiegelt. Die englischen
Trades-Unionisten. die französischen Arbeiterführer, die schon mit
einem Fuß in der Kommune standen. Bakunin mit seinen Freunden,
die Philanthropen der Friedensliga, durch CowellStepney vertrete».
Moritz Heß. Eccarius — die Veteranen und der junge Nachivuchs —
sie waren alle zusammen gekommen.

Wenige Stunden nach Aufnahme der Photographie trennten
wir uns und nie werde ich vergessen, ivie die feurigen Franzose»,
Varlin voraus, uns beim Abschied zuriefen: Au revoir! A Paris!

In Paris sollte der nächste Kongreß sein — und zwar im fol-
genden Jahre. Zwar saß Napoleon der Dritte und Kleine noch auf
dem Thron und wurde von der Bourgeoisie aller Länder, die deutsche,
stets speichelleckerischste, voran, als Ausbund aller politischen Weisheit
verhiinmelt — ähnlich wie später sein gröberer und roherer Abklatsch
Bismarck —. allein der sichere Revolutions-Instinkt des Proletariats
witterte Morgenluft, und Varlin meinte lachend: II n’y sera plus,
et nous y serons! — Er — der Napoleon — wird nicht mehr da
sein, und lvir werden da sein.

Es war ei» prophetisches Wort. Ein Jahr später >var Napoleon
nicht mehr da — und das französische Proletariat war da.

Der ritterliche Varlin mit den blitzenden, heiteren, kampfsrohen
und lebenslustigen Augen, wurde im Rothen Mai 1871, bei der
Bluthochzeit des triumphirenden Kapitalismus, von den verhetzten,
toll und voll gemachten Versailler Ordnungssoldaten — ein wehr-
loser Kriegsgefangener — durch die halbe Stadt hindurch geschleift,
gestoßen, gestochen, geschlagen, bis er als beivußtlose. unförmliche
Masse an der Stätte, wo drei Monate vorher die zwei Generale
Leconipte und Thomas dem Zorn ihrer eigenen vor Brudermord
zurückschreckenden Soldaten zum Opfer gefallen waren, von Kugeln
durchlöchert wie ein Sieb, endlich einen Ruheplatz fand.

Seit dem sonnigen Vormittag, da die Kongreß-Theilnehmer sich
vor dem Cafe National in Basel zu dem Gedenkgruppenbild ordneten,
sind vierundzwanzig Jahre verstrichen — fast ein Vierteljahrhundert.
Die Jungen sind alt. die Männer zum Theil Greise geworden. Und
wie Mancher tobt! Von den 59 Figuren auf dem Bilde habe ich,
unterstützt von Greulich. Bürkli und einigen Basler Theilnehmcrn.
nur 43 seststellen können. Vielleicht wird von Anderen noch Dieser
und Jener erkannt. Und nun betrachte man die Gruppe. Ich beginne
links: Der Dritte nach rechts ist Moll in (1). Metalldrücker, einer
der Pariser Delegirten. Der Fünfte Aubry (2), Lithograph von Rouen
(Frankreich). Der Siebente Ehemals (3). Architekt aus Paris.
Der mit 4 Bezeichnete ist Bohny aus Basel. Kaufmann. Gastwirth
und Mitglied des Großen Raths von Basel, seit einigen Jahren
todt. 5 Lucraft, Stuhlmacher. Mitglied des Generalraths der
Internationalen. 6 Cameron. Vertreter der amerikanischen Gruben-
arbeiter. jetzt Geschäftspolitiker. 7 R o b i n. Professor in Lüttich. 8 G r e u -
lich, jetzt Leiter des schweizerischen Arbeitersekretariats. 9 Ritting-
hausen, der Verfechter der direkten Gesetzgebung, später sozialistischer
Reichstagsabgeordneter; starb am 29. Dezember 1890. 10 Neumayr,
ein österreichischer Gelegenheits- und Eintagspolitiker, verschollen,
ll Bürkli. der streitbare schweizerische Geschichtsschreiber und Poli-
tiker. (Bereiste als Gerbergeselle Frankreich. England und Deutsch-
land. wurde Fourierist. gründete 1850 den ersten Konsumverein auf
dem Festlande (vor Schultze-Delitzsch), ging 1856 mit BictorConsiderant
nach Texas, später nach Zentralamerika, seit seiner Rückkunft, 1860.
Hauptvorkämpfer der direkten Gesetzgebung, des Referendums und
der Volksinitiative — geb. 1823.) 12 Murat, Mechaniker aus

Paris. 12 Brosset. Schlosser aus Genf. 14 Gut. Schneider aus
Lausanne. 15 Perret, Graveur aus Genf. 16 Liebknecht.

17 Goegg. Mitglied der provisorischen Regierung in Baden (1849),
alter Freiheitskämpfer, aktiver Demokrat und Sozialdemokrat.

18 Sentinon. spanischer Arzt und Journalist, rcdigirte Jahre lang
die Revista Sociale in Barcelona. 19 Grosselin. Monteur aus Genf,
seit einigen Jahren todt. 20 Schwitzgusbel. Graveur aus dein
Jura, eifriger „Bakunist" („Jurassier"), jetzt im schweizerischen Arbeiter-
sekretariat thätig. 21 Leßner. aus dem Kölner Kommunistenprozeß
bekannt, in London lebend und thätig. 22 Dereure. Schuhmacher,
später Mitglied der Kommune, jetzt Verwalter des „Socialiste".
23 Farga. Buchdrucker aus Barcelona. 24 Bakunin, Anarchist,
nach erfolglosem Versuch, die Internationale zu sprengen, 1876 in
Bern gestorben. 25 Heng, Graveur aus Genf.. 26 Guillaume,
Professor aus Locle. Chef des „Jurassier", rechte Hand Bakunins. Jetzt
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