Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 13.1896

Seite: 2311
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Zweite Vellage znm „Wahren Jacob" Lr. 268.

William Morris.

Eeboren 1(834/ gestorben den 3. Vktober 1(896.

und zwar im Sinne der Wiederbelebung des
Mittelalters und der Frührenaissance. Mit
seinen Genossen gründete er 1861 eine Werk-
statt. aus der später eine große Fabrik wurde,
zur Innendekoration von Wohnräumen, zur
Herstellung von Tapeten, Möbeln, Teppichen
und dergleichen.

Das Unternehmen hatte künstlerisch wie ge-
schäftlich großen Erfolg; es machte Morris zum

reichen Mann und trug viel zur Verbesserung
des architektonischen Geschmacks in England bei.
Morris dachte jedoch nicht besser von der Bour-
geoisie, weil ihre Mode zeitweise seinen Ge-
schmack angenommen hatte. Es war eben nur
die Mode und kein tieferes künstlerisches Em-
pfinden dabei im Spiel. Er pflegte gern da-
rüber zu scherzen: „Es giebt keine größeren
Narren, als die Leute, die meine Tapeten kaufen
— ausgenommen die Leute, die sie nicht kaufen".

In seinem mit Vorliebe für die Vergangenheit
gemischten Haß gegen die Bourgeoiszivilisation
hatte er Vieles mit Tolstoi gemein, den er auch
bis zum Erscheinen der „Kreutzersonate" sehr
verehrte. Diese aber zeigte ihm, welch' großer
Gegensatz zwischen ihnen beiden bestehe. In
seinem Haß gegen die Gegenwart, in seiner
Jdealisirung der Vergangenheit steckte bei Morris
keine Spur der Abwendung vom Leben. Lebens-
lust und Lebenskraft pulsirten mächtig in ihm
und drängten ihn auf den Markt des Lebens

und zur Theilnahme an den Kämpfen des Tages,
zur Theilnahme an dem Ringen der Gegenwart
für eine bessere Zukunft. Und so wurde Morris
trotz seiner mittelalterlichen Neigungen nicht
Asketiker und Mystiker wie Tolstoi, sondern
Sozialist.

England, das Mutterland der kapitalistischen
Produktionsweise, hat auch die erste mächtige
sozialistische Arbeiterbewegung gesehen, die
Chartisten. Die Niederlagen
des Jahres 1848 machten dieser
Bewegung ebenso wie den demo-
kratischen Bewegungen des übri-
gen Europa vorläufig ein Ende.
Als aber Anfangs der sechziger
Jahre der Sozialisinus auf dem
europäischen Kontinent überall
wieder sein Haupt erhob, entsprach
dem nicht ein ähnliches Wieder-
aufleben in England. Die Ur-
sachen davon auseinanderzusetzen,
würde zu weit führen. Es ge-
nüge, darauf hinzuweisen, daß
diese Erscheinung theils mit dem
Welthandelsmonopol Englands,
theils mit den Erfolgen der Ge-
werkschaftsbewegung und der Er-
theilung des Stimmrechts an
einen Theil der Arbeiterschaft zu-
sammenhängt, wodurch die Ar-
beiterschaft in zwei Theile, einen
privilegirten und einen anschei-
nend hoffnungslos verelendeten,
gespalten wurde.

Dank diesen Einflüssen kam
es, daß der moderne Sozialis-
mus in England zwei Jahrzehnte
später als auf dem Kontinent zur
Entfaltung gelangte. Die Krisis,
die in der zweiten Hälfte der sieb-
ziger Jahre wüthete und die dem
goldenen Zeitalter der englischen
Industrie ein- für allemal ein
Ende machte; das Unvermögen
der Gewerkschaften, allen Nothstäuden zu be-
gegnen, welche diese Krisis auch über die besser
gestellten Arbeiterschichten verhängte, und endlich
das politische und soziale Erwachen auch der
tiefer gelegenen Arbeiterschichten, alles das be-
wirkte, daß zu Beginn der achtziger Jahre die
überkommene Manchesterweisheit in weiten
Kreisen Bankerott machte und der Sozialismus
anfing, auch in England Anhänger zu finden.

Einer der ersten, die sich der neuen Lehre
anschlossen, war William Morris; einer der
ersten und einer der eifrigsten. Obwohl bereits
ein Fünfziger, warf er sich mit dem Feuereifer
eines Jünglings in die Bewegung, der er sein
Geld, seine Feder, seine ganze Person zur Ver-
fügung stellte.

Alles das brauchte man so nothwendig!
Wie immer, so erkannten auch diesmal Bour-
geoisie und die Regierung (namentlich die der
Tories, die eine rein kapitalistische Partei ge-
worden waren) früher, welch' gefährlicher Feind

Vor wenigen Tagen haben die englischen
Sozialisten einen ihrer besten und bedeutendsten
Genossen zu Grabe getragen, einen Mann, einzig
in seiner Art, den Dichter William Morris.
Nach keiner Richtung hin Schablonenmensch in
jeder Beziehung eigenartig und seine Eigenart
nnt Entschiedenheit verfechtend, erschien er doch
me abstoßend, sondern stets ungemein liebens-
würdig und völlig harmonisch. Sozialist durch
und durch, war er doch vor
Allem Künstler. Als Künstler
lernte er die gesummte Bourgeois-
zivilisation hassen, auch jene ihrer
Seiten, durch die sie die Vorbe-
dingungen für ein höheres Dasein
der Menschheit schafft. Sein Ideal
war die Handarbeit des freien
Künstlers. Nicht nur die kapita-
listische Anwendung der Maschine,
nein, auch diese selbst war ihm
ein Greuel.

Und ebenso war ihm ein
Greuel die Fachbornirtheit, die
einseitige Arbeitstheilung. Er
selbst gehörte zu den vielseitigsten
Menschen. Morris war nicht blos
Dichter. Gleich den Geisteshelden
der italienischen Renaissance ar-
beitete er aus den verschiedensten
Gebieten mit Erfolg. Nichts
weniger als ein weltfremder
Träumer, erwies er sich als ein
sehr kluger Organisator und Ver-
walter, als leidenschaftlicher Agi-
tator, als scharfblickender Kultur-
Historiker uitd als ein höchst fein-
sinniger bildender Künstler.

Aus der vorkapitalistischen
Zeit holte sich seine dichterische
Phantasie ain liebsten ihre An-
regungen, aus der Antike, na-
mentlich aber aus der germani-
schen Vorzeit, der Edda und
isländischen Sagenkreisen.

Seine Dichtungen stellten ihn in die erste
Reihe der englischen Dichter seiner Zeit. Wäre
er nicht Sozialist gewesen, dann hätte man ihn
nach Tennysons Tod zu den Kandidaten für
den erledigten Posten des Poeta laureatus, des
Dichterkönigs zählen dürfen, welche Würde in
England abgeschmackter Weise immer noch, und
zwar als Hofamt verliehen wird. Aber auch
bevor er Sozialist wurde — und Morris war
früher ein berühmter Dichter, ehe er Sozialist
war — hätte er zu dem Amt nicht getaugt.
2» seiner schlichten Geradheit und Rücksichts-
i°ßgkeit, in seiner Liebe für die Unterdrückten
und seinem Haß gegen jede Unterdrückung war
er stets das Gegentheil eines Höflings.

Als bildendem Künstler entsprach seiner In-
dividualität am meisten die Kunst des ausgehen-
den Mittelalters. In Gemeinschaft mit gleich-
gesinnten Künstlern unternahm er es, den eng-
lischen Geschmack, den die Alleinherrschaft des
Kapitals ganz heruntergedrückt, wieder zu heben,
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