Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 14.1897

Seite: 2385
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Vetlagc zum „Magren Aacoü" Lr. 276.

Lies der Selötaglöhner. "S---

von Lrnest Iones.

schärfet die Sichel! Das Korn ist reif,

Und die Ernte ist endlich zur Hand!

Schnitter, steht auf mit des Irühroths Streif
Eh' der Schimmer des Morgens verschwand!

Was lungert ihr hoffend und harrend am Zaun,

Lines Sommertags Arbeit in Licht;

Wollt ihr ewig dem Rufe der Herrschaft vertrau'n? —
<$>, die brauchet und rufet euch nicht! —

Schärfet die Sichel! Die Aehren stehn
Lo strotzend in goldiger Pracht!

And wie viel könnte heute noch niedermähn
Ansres Hungers schneidige Macht!

Tb der Zaun auch hoch, und der Graben auch breit -
Ls hilft uns hinüber die Sucht:

Der Gott, der zur Arbeit uns Kraft verleiht —

Er verleiht uns das Recht auf die Hrucht!

Schärfet die Sichel! Die Aehren sind schwer,

And die Kinder schreien nach Brot!

Das Seid hat bewässert ihr Thränenmeer,

And gedüngt ihrer Väter Tod! —

Die Hoffnung, die starb, und das Herz, das brach.
Sie haben den Samen gestreut:

So mäht euch das Korn wie mit Blitzesschlag —

2m Rainen der Menschlichkeit!

George Julian Harney.

Die Meisten, die dieses Blatt zur Hand
nehmen, werden den Namen, der da oben steht,
zum ersten Mal lesen. Und doch bezeichnet
er einen der Ersten und der Besten unter den J
Vorkämpfern des Proletariats. Einen, der
schon ein Vorkämpfer war vor 1848; und der
heute — denn er lebt —, wenn
Z auch die schwere Krieger-
rüstung nicht mehr trägt, noch
immer mitarbeitet am Befreiungs-
werke und leuchtenden Auges dem
Kampf der neuen gegen die alte
Welt folgt, mit Geist und Herz
mitten drin, sehnsüchtig der Zeit
gedenkend, da er selbst in der vor-
dersten Reihe stritt — als Haupt-
mann und Schlachtdenker wie
Schlachtlenker.

Bei mir ist es nun nahezu ein
halbes Jahrhundert, daß ich den
Namen zum ersten Mal hörte. Es
war anfangs der fünfziger Jahre,
und ich war noch nicht lange in
London. Von der Chartistenbewe-
gung hatte ich zwar in der vor-
märzlichen Zeit sehr viel gehört
und gelesen, allein seit der verun-
glückten Kundgebung oder rich-
tiger Erhebung des 10. April 1848
war ich durch die Ereignisse in
Deutschland und anderen Festland-
staaten so stark in Anspruch ge-
nommen worden, daß ich mich um
England, das für die revolutio-
näre Bewegung vorläufig verloren
schien, sehr wenig kümmerte. Und
von den Vertretern des Chartis-
mus waren mir nur O'Connor,
der bereits in vollem Verfall war,

Lovett, Frost, Stephens und
andere der älteren Führer dem Namen nach
ekannt. Den Namen Harney hatte ich nicht
®2017' e{>e Marx mir eines Tages sagte:
,,>pcu e Abend spricht Harney in einein Char-
tistenmeeting! Da müssen wir hingehen!"

ltn nun erkundigte ich mich. Harney war, 1
neben Ernest Jones*, der damals seine zwei-
jährige Gefangnißstrafe wegen einer Rede im

* Wir drucken oben -in Gedicht non ErnestJvneS ab,
das im Jahre 1849 im Westminster-Gefängmß, wo Jones
seine „Strafe" verbüßte, versaßt worden ist. Das Gedicht
ist von Andreas Scheu ins Deutsche übertragen und befindet
sich im V. Band der „Arbeiter-Dichtung". (Berlag von Dietz
in Stuttgart. Preis gebd. Wk. I.—)

April 1848 noch nicht völlig „verbüßt" hatte,
der Tüchtigste unter den jungen Chartisten. Er
war Sozialist, hatte das Kommunistische Mani-
fest zum Programm erwählt und stand mit
Engels schon seit 1842, mit Marx seit 1848
in Verbindung. Marx, Engels, Schramm und
andere der engeren Freunde wußten nicht genug
des Guten von ihm zu erzählen, von seiner
journalistischen Begabung, von seiner Beredt-

samkeit, seiner Begeisterung, seiner Charakter-
stärke und Prinzipienklarheit.

Das Meeting war in einer der Halls, welche
die englischen Oweniten errichtet hatten — wenn
ich nicht irre in Denmarkstreet, jedenfalls ganz
nahe dem Flüchtlingsviertel oder gar in ihm.

Es war das erste englische Meeting, dem
ich beiwohnte. Die Versammlung hatte noch
nicht begonnen; und als wir eintraten, kam
ein Mann mittlerer Größe, anscheinend ein
Dreißiger, einfach gekleidet, mit scharf ge-
schnittenen Zügen, auf uns zu, schüttelte Marx
die Hand und auch mir, während Marx ihm
meinen Namen nannte und mir „Mr. Harney!"

vorstellte. Der Saal war gefüllt, zum Plaudern
nicht mehrZeit; wir verabredeten ein Zusammen-
sein nach dem Meeting, und Harney begab sich
auf die Platform, um sofort, unter warmen
Sympathiebezeugungen — cheering — seinen
Vortrag (lecture) zu beginnen. Er sprach über
die politische Lage und die Nothwendigkeit, die
Trümmer des chartistischen Heeres unter der
rothen Fahne des Sozialismus und der Re-
publik zu sammeln und eine neue
revolutionär-proletarische Partei
in England zu schaffen.

Ich war ganz Ohr und Auge.
Dieser nüchtern aussehende Mann
hatte sich plötzlich vor mir um-
gewandelt: die Augen sprühten
Feuer, leidenschaftlich bewegten
sich die Arme und die Gestchtszüge
spiegelten die Gefühle und Gedan-
ken des Redners so lebendig wieder,
daß die Wirkung der stammenden,
hinreißenden Worte zur Unwider-
stehlichkeit erhöht ward. Harney
war ein glänzender Redner, und
damals stand er in der höchsten
Blüthe seiner Kraft. Klar, ohne
Phrasenschwall und phantastische
Rhetorik, aber reich an schlagenden
Wendungen und treffenden Bil-
dern, besaß er in ungewöhnlichem
Maße jene echt englische Beredt-
samkeit, die namentlich in der
Arbeiterklasse zu Hause ist.

Auf die Engländer und alles
Englische wird jetzt in Deutschland
sehr viel geschimpft. Wenn man
sich aber das Volk betrachtet, das
auf sie schimpft, so muß jeder an-
ständige Mensch eine sehr gute
Meinung von den Engländern be-
kommen. Ich will ihnen hier kein
Loblied singen, allein das sage ich:
Männer wie Harney gedeihen nur
auf englischem Boden. Diese Mischung von
Idealismus und praktischem Sinn, von gesun-
dem Menschenverstand und Opfermuth, von
Adel der Gesinnung und zäher, durch nichts zu
| erschütternder Entschlossenheit — das ist eng-
lischer Typus. Dieser englische Typus: die
kräftigen Kinnbacken, die zusammengebissenen
Zähne und der feste, auf ein Ziel gerichtete Blick
fielen mir sofort auf, als ich nach London kam
und meine physiognomischen Studien begann.
So prägt sich jene Bulldoggen-Natur aus, die
nicht losläßt, die keine Furcht kennt und keinen
Schlag empfindet — und die Napoleon am Abend
- von Waterloo, ehe die rettenden Preußen auf
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