Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 17.1900

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äs£ Die Geheime,

Die Polizei, der Fels ans Erz,

An dem -er Umsturz elend scheitert,
Hat besser, als der beste Scherz
Uns schon manch' liebes Mal erheitert.
Des Rechtes und der Sitte rvall,

Zum Lachen hat er uns gezwungen,

So aber, wie im Sternberg-Fall,

Ist es ihm doch noch nie gelungen.

So oft er es auch nöthig fand,

Mit allen Gaben, die ihn zieren,

Mit würde, Eifer und verstand
vor aller Welt sich zu blamiren,

So übel hat es doch bis jetzt
Me aus dem Hauptquartier gedriftet;
Die Maske, die marr aufgesetzt,
ward so noch rrie zuvor gelüftet.

Auch durch die „besten Kreise" geht
Lin ärrgstlich aufgeregtes Raunen;

In leserlichen Zügen steht
In jedem Angesicht das Staunen,

Denn daß so angefressen sei,

So Freund verdächtigen Geschenken,

So madig unsre Polizei,

Das giebt den Frömmsten selbst zu denken.

Kommt Sternberg schließlich doch noch frei?
Das kümmert nur noch feine Leute;

In Wahrheit ziert die Polizei
Das Armesünderbänkchen heute,

Und was man dabei hört und sieht,

Sirrd so xikante, rare Dinge!

In diesem bösen Falle zieht

Den Kopf sie schwerlich aus der Schlinge.

wie man es wendet auch und dreht
Durch list'ge und verschmitzte Sprüche —
Das letzte bischen Nimbus geht
Bei diesem Anlaß in die Brüche,
wir sagen: „Sternberg, habe Dank,

Dafür, daß Du so tief gesunken,

Denn wenn es auch schon manchmal stank,
So furchtbar hat's noch nie gestunken!"

Lieber Jacob!

Bei die jetzige klamme un naßkalte Witterung nimmt man jerne jede
Jelejenheet wahr, sich zu wärmen, un wenn et durch Zeitnngslcktire is.
Zum Beispiel an de Rede, die neilich der Kirchen-Mirbach an de Maurer
in Spandau jchalten hat, konnte man sich doch wirklich wärmen. Schon
bei 't lesen. Nu wissen wir ooch, wat wir sind. Lauter Rhinoeerosse.

Freilich, wenn ick in Mirbach'n seine Haut steckte, denn wirde ick über-
haupt dafor sorgen, det nich een Maurer, der Sozialdemokrat is, an

irjend eenen Kirchenbau beschäftigt wirde. Et wirde ja denn villeicht jar
keene neie Kirche mehr zu Stande kommen, aber ick ivirde det for 't kleenere
Jbel halten. Denn kann woll uff sonne von Sozialdemokraten jemauerte
Kirche 'n rechter Segen ruh'n?

Et is iberhaupt unbeireiflich, wie so et noch so ville Rhinoeerosse, ick
meine Sozialdemokraten, in unser deitschet Vaterland un speziell in den
jroßen Wasserkopp Berlin jeden kann. Wo man doch jerade jetzt wieder
beobachten kann, wat for Anstrengungen von die besitzenden Klassen je-

Inhalt der Unterhaltungs-Beilage.

Die Huttnenschlacht im Reichstage. Illustration. — Flug-
blattlied. — Offener Brief an den Reichskanzler. — Der Fall
Pofadowsky-Woedtke-Bueck in der Oeffentlichkeit und zu Hause.
Zwei Illustrationen. — Dem Gerechten dient Alles zum Besten.
Bon Eduard. — Den Chinakämpfern ins Stammbuch. — Ge-
dankenbalken. — Gescheitelte und Tonsurirte in China und
Deutschland. Zwei Illustrationen. — Hunnische Weihnachten.
— Das Arbeitspferd. — Amüsement in China. Illustration.

Winters Anfang.

„Dun ist des Jahre« beste Zeit vorbei
Und Sorgen kehren wieder mancherlei.

Ob ich auch diesmal wieder jeden Tag
Und jede Woche Arbeit stndrn mag?

Kommt Kälte noch uns ;u der Kvhlennoth
Und Krankheit gar? Wird thrurrr noch das
So steht voll Bangen hier Brot?"
Der Arbeitsmann
Und sinnt und sinnt:

Es hebt der Winter an!

„Nun, Gott fei Bank! nun wird es winterlich!
Des Herbstes lange, fade Zeit verstrich.

Auf offnem Koste, wie die Höher glühn!

Wie träumt stch's doch so traulich am Kamin!
Konzert, Theater, Ball und Eis und Flirt!
Wer diesmal wohl mein Herr, mein Tänzer
Die junge „Gnäd'ge" seufzt wird?"
Und sinnt und sinnt:

„Der Winter — endlich!

Die Saison beginnt!"

Fatale Folge.

Bueck: Am Schlimmsten bin i ch bei der Affaire
weggekommen I
Woedtke: Wie so?

Bueck: Seit die Geschichte von den 12000 Mk.
bekannt geworden ist, kann ich mich vor Fecht-
brüdern nicht retten.

f.$ UM bitter notb.

Die bürgerliche Presse schreit
tagaus tagein vom Ebinasfreit
Und deutschen Tjeldentbaten.

Zum halse bängt es bald heraus
Der ganze Kbaki--$aus und Braus
Im Lande der Asiaten.

So mancher schneidige Soldat
Reisst’s Man! jetzt auf im ßbinastaat
Und lässt „Alldeutschland" leben;

Rückt vor dann im Kolonnenlauf
Und spiesst ein Dutzend Boxer auf:

Pardon wird nicht gegeben!

Scblägt’s der Kultur auch ins Lesicht,
Bebietet's doch die Kriegerpflicbt,

Dass sich ein steder füge.

Deutschland voran! Die Waffe saust!

’s thät bitter Noth die Panzerfaust,

Die mal dazwischen schlüget m.

Aus dem Hunneu-Briefsteller.

Die deutsche Heeresverwaltung hat einen
eigenen „Soldaten-Briefsteller" ausarbeiten und
jeder Kompagnie in China ein Dutzend Exemplare
zustellen lassen, wonach von jetzt an die Briese
der Soldaten an die Verwandten in Deutschland
abzufassen sind.

Wir befinden uns in der Lage, einige Muster
unseren Lesern vorzulegen.

Muster I.

Peking den 30. Oktober 1900.

Liebe Eltern!

Ihr werdet mich wohl nicht mehr Wiedersehen,
denn ich habe mich entschlossen, ganz hier zu
bleiben. Als gestern der Feldwebel die Mann-
schaft befragte, wer in die Heimath zurück wollte,

meldete sich kein Einziger. Auch hat mir eine
Boxerwitwe einen Heirathsantrag gemacht, den
ich angenommen habe. Sie hat tausend Taels
Mitgift, die von den Großmächten noch ver-
doppelt ivird. In biefetn ausgezeichneten Klima
bin ich von meiner alten Verstopfung ganz geheilt
worden. Momentaufnahme mit meiner reizenden
Frau liegt bei.

Euer Euch liebender Sohn

August Huber.

Muster II.

Peking, Mitte November 1900.

Theure Großmutter!

Wenn Du diese Zeilen liesest, bin ich wahr-
scheinlich schon Oberst oder General in der Armee
der Verbündeten. Hier kommt man nämlich viel
schneller vorwärts als daheim. Die Behandlung,
die ich hier genieße, ist unbeschreiblich gut. Mein
Feldwebel schenkte mir heute einen Schinken und
zwei Blutwürste, die er von Waldersee erhalten
hatte; schicke mir bitte auch etwas von Deinem
Schwein, damit ich mich revanchiren kann. Die
Chinesen scheinen mit uns ganz zufrieden zu sein;
unsere Strafexpedition trifft ja nicht die chinesische
Bevölkerung, sondern nur die Boxer, die wir so
milde wie möglich bestrafen, aber Strafe muß
sein. Daß dabei Einer zufällig mal ums Leben
kommt, ist möglich, aber unser Elan ist manch-
mal nicht zu zügeln; und dann stinken die Boxer
mörderlich, mehr noch im Tode als im Leben.
Das ist gegen alle Kultur, die wir doch nun
mal hier verbreiten müssen.

Dein dankbarer

Friedrich Schultze.

Muster III.

Geliebter Vater!

Ich danke Dir für die Zeitungen ans der
Heimath. Was darin steht von den Straf-
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