Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 17.1900

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Wintersonnenwende.

Klingt nicht froh die alle Lage,
Prolrkar, dir in die Ohren,

Von dem Kindlrin in der Krippe,

Dem die Könige sich beugken,

Dem die Hirten Huld'gung brachten,
Das empor aus Nacht und Nrmukh
Sich erhob, umzu vernichten
Dir Grivali'gen feiner Zeit?

Hörst du nicht die Meihnachksglvcken?
Schaust du nicht den Glan; der Kerzen?
Siehst du nicht das bunte Treiben
Einer froh bewegten Wenge?

Wirft die allgemeine Freude
Keinen lichten Sonnenfchimmrr
In das Dunkel deiner Seele,

Dir mit Welt und Menschen hadert?

Aber mit gefurchter Stirne
Schüttelt ernst fein Haupt der alte
Knorrig stolze Proletarier.

„Heute feiern str die Weihnacht,

Morgen jauchzen ste im Fasching,
Daraus folgt der Ostrrjubel,

Dann der Pfingsten Offenbarung.

Und dazwischen geht die riv'ge
Unabänderliche Knechtschaft
Meiler ihren eh'rnrn Gang.

All' die weichen Glockenklänge

Inhalt der Unterhaltungs-Beilage.

Im Khakisumpf (Gedicht mit Illustration). — Die Ma-
schine. Gedicht. — Sein Geburtstag. Von Detlev Noberty.
(Mit Illustration.) — Friede auf Erden. Von Dr. (Gedicht
mit Illustration.) — Arbarn. Eine Geschichte aus dem Erz-
gebirge. Von E. Parll Eichhorn. (Jllustrirt.) — Die Hampel-
männer. Von M. K. (Mit Illustration.) — Die beste Schule.
(Jllustrirt.) — Sparsame Rache. (Jllustrirt.) — Feine Re-
klame. (Illustration.) — Bewährte Methode. — Briefkasten.
— Anzeigen.

„(Lin Nörttein kann ste fällen."

Als man das versaffungs„öruchlein" beralljen,
wie sie posirtrn, wie sie sich Halen
Die Richter, Richert und andre Helden,

Die sich »och „Liberale" schelten!

Da lljät mit Ravaliersmanieren

Graf Bülow die „Indemnität" präsentsten,

Und plötzlich wurden die Helden stumm
tlnd zahm und sielen vor Rührung um.

Die muthigcn „Rebellen"!

Ein wörllein kunnt' sie fällen.

Und würde dereinst man auch mehr proliiren,

Die Verfassung einfach gleich ganz liassiren,

Dann würden wieder dieselben Helden
Ein wenig maulen, ein wenig schelten.

Doch kam' man nach einigem Schelten und Fluchen
Rur hübsch, sie «in „Indemnität" zu ersuchen,

Dann — hören sie nur das eine Wort,
verraucht und verstummt aller Hader sofort,
pagodengleich sie sich bücken und biegen:
„Indemnität? — (D, dann mit Vergnügen."

Ede: Wat meenste denn zu Posadowsky'n,
det er in'n Reichstag nischt zu de Zwölftauseud-
mark-Affaire sagte?

Lude: Na, besser als Bilow det besorgte,
konnte er sich ooch uich rausquasseln.

Ede: Ne, ick jlobe, er dachte Reden is Silber,
Schweigen is Jold.

Lude: So, Du meenst von wegen det Buecksche
Jold! Da kaunste recht haben.

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Brechen nicht das Cis des Winkers,
All' die Millionen Kerzen
Scheuchen nicht dir Wacht von hinnen,
Die uns kalk und schwarz umlagert,
Und der Rausch der heitern Feste
Scheucht die Sorge nicht, dir grimme,
Die auf unser« Lebens Pfaden
Allvrks uns rnkgrgenstarrt!"

Wohl, fo kehr' dem Fest den Kücken.
Last' die Stadt, dir bunt belebte,
Ihren Wrihnachtsreigen tanzen,
last' dir Klänge und dir Lichter
Ferne in die Wacht verwehen —
Schreite mit mir durch dir Fluren
Wach dem dunklen, dichten Walde,

Wo dir Tannen ihre Schneelast
Aechzend tragen, wo gleich Seufzern
Naben um die Wipfel kreisen. —
Nacht und Tod im stillen Forste,
Sternlos düster wölbt der Himmel
Wie rin Leichentuch sich drüber,

Und du schaust allhier den Spiegel
Deiner hoffnungslosen Seele.

Doch verweile noch am Orte.

Last' des Geistes Blick durchdringen
Diese Nacht und dieses Grauen,

Und es wird dir die Erkenntnis;

Bald rin andres Bild enthüllen,
Sonnig strahlend, Licht entflammend,
Wie der Hoffnung Morgenfchimmrr
Nach des Leidens langer Nacht.

Der weihnachtsmarkt.

Liebe Rinder, kommt und schaut.

Was die Weihnacht bringt an Schätzen,

Herrlich sind sie aufgebaut

Schon auf Straßen und auf Plätzen.

Und zum Raufen froh bereit
Drängt sich auf dem Markt die Nasse,
Daß sie all' die Herrlichkeit
prüfend in das Auge fasse.

Ja, es weiß das Publikum,

Wo die feinsten Händler sitzen —

Dort die Herren Rrupp und Stumm
Raufen sich Berliner Spitzen.

Heuer sind ja billig sie.

Sind als schöne Kestesgaben
§ür die „Schleifstein"-Industrie
Unterm Einkaufspreis zu haben.

Sternberg kauft sich Zungfräulein,

Rauft sich Zeugen, kauft sich Schelme,
Raust sogar — weeß Rnebbchen — ein
Manchmal Polizistenhelme.

Und die Ldlen der Nation,

Die so fromm und „harmlos" wandeln.
Standen oft am Spieltisch schon,

Ihre Ehre zu verhandeln.

Bülow kaust den Lieber sich
Wohlfeil, ach! mit glatten Worten;
Nimmer sind ihm fürchterlich
Nun der Zentrumsmacht Rohorten.
Während Deutschland mit Verdruß
Aachfrag' hält nach Boxerköpfen,

Raust die Nandschus sich der Aufs'

Schon mit Stumpf und Stiel und Zöpfen.

Auch der „Wahre Jacob" strich
Durch die Narktreih'n ohne Basten,
Hurrahschreior kauft' er sich.

Und die Rhaki-Enthusiasten,

Rauft sich die gewalt'gen Herrn,

Die Besieger der Lhineser —

Und dafür den „Jacob" gern

Raufen sich die lieben Leser. M. K.

Sieh', die Wintersonnrnivrudr
Hak soeben sich vollzogen,

Und es ist zum Licht gewendet
Wiederum der Lauf der Tage;

In des Winters tiefster Oedr
Ward der Frühling neu geboren.

Die Natur, die güi'ge Mutter,
Wandelt ihre rw'gen Bahnen
Und erlöst zu rechter Stunde
Ihre zagenden Geschöpfe
Aus des Winters Tyrannei.

Doch dir Menschheit auch ist ewig,
Und sie stirbt nicht untcrm Drucke
Einer Zeit, die schwer und düster
Sir umschattet und brdräuek.

In der Völker trübsten Tagen
Wird die Freiheit neu geboren,

Und sie wecket schon die Geister,

Und sie flammt schon in den Herzen,
Wenn sich ihrer Allmacht rühmt
Thörichl noch dir Neaklion.

Darum fort das bange Zagen,

Fort die Wolken von der Stirne!
Darum auf, dem Licht entgegen,
Neuem Frühling, neuem leben!

Und so freu' dich auch der Weihnacht,
Proletarier, stark und truhig,

Denn sie soll dir Kunde bringen,

Daß vorbei die' Sonnenwende
Und die Völker wieder schreiten
Vorwärts auf des Lichtes Bahn.

Dir Nlever.

Von einem unserer Berliner Lokalreporter wird
uns berichtet:

Eine auserlesene Gesellschaft war vorgestern
Abend im Reichskanzlerpalais in der Wilhelms-
straße zu einem glänzenden Souper vereinigt.
In wie hohen: Maße nicht nur dies, sondern
der ganze Abend sich des ungetheilten Beifalls
der Gäste zu erfreuen hatte, geht wohl aus fol-
gender kleinen Episode hervor, über die andere
Blätter unseres Wissens nicht berichtet haben.
Es war bereits 12 Uhr vorüber und der Schwarm
der Gäste hatte sich verlaufen, als Graf Bülow
noch einmal einsam die leeren Festräume durch-
wanderte. Da war es ihm, als ob von einem
entfernten Zimmer her Stimmen an sein Ohr
drangen. „Sollte noch immer Jemand da sein?"
dachte er bei sich und ging dem Geräusch nach,
tlnd wirklich, wie er die Thüre öffnet, wen er-
blickt er? Mit einigen Sektpullen und einem
Kistchen Havannas ausgerüstet saßen noch da, zu
fideler Tafelrunde vereinigt, sein lieber Staats-
sekretär von Posadowsky, Herr von Woedtke,
Herr von Meerscheidt-Hüllessem, und wie aus
einem Munde tönte dem hohen Gastgeber der
bekannte, feuchtfröhliche Sang entgegen:

„Wir gehn noch lange nicht.

Wir gehn noch lange nicht!"

Trost.

And ob Millionen auch verschlingt
Der Moloch Militär,

Wir haben noch zu jeder Zeit
Von Gelb den Beutet schwer.

Doch hinkt ein armer Invalid
An seinem Stab daher,

Herr Thietmann zuckt die Achseln gleich;
Da ist der Beutel leer.

Tin altes Wort geht wieder mir
Dabei im Kopf herum:

„Bruder, du bist Soldat gewest,

Wun häng' den Gchnapxsack um."
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