Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 18.1901

Seite: 3633
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li( ttterfkiltmgs -Beilage

des wahren Jacob

Dßxmo Schönlank.

So ist er tobt, der bewegliche kleine Freund
mit dem narbenvollen Gesicht, dem Andenken
seiner Studentenjahre, der glanzende Jour-
nalist, dessen scharfe Feder von den Feinden
der Arbeiterbewegung so sehr gefürchtet war,
der treffliche Parlamentarier und Agitator,
der stets in der vordersten Linie der Partei
gekämpft, der bedeutende Gelehrte, dem weite
wissenschaftliche Kreise ihre Hochachtung nicht
versagten. Ein ungewöhnlich
reiches Leben hat hier der Tod
vernichtet, ein schöpferischer und
starker Geist hat seine frucht-
bareThätigkeit einstellen müssen.

Ganz ein Kind seiner Zeit, er-
lag er auch einer Zeitkrankheit,
einem Nervenleiden.

Bruno Schönlank wurde ge-
boren am 16. Mai 1859 in
Mühlhausen in Thüringen, der
ehemaligen alten Reichsstadt,
wo einst Thomas Münzer seine
„christliche Republik" errichtet.

Nachdem er mit Auszeichnung
das Gymnasium absolvirt, be-
suchte er mehrere Universitäten,
um Nationalökonomie und Ge-
schichte zu stndiren. Später, als
er erst einige Stellungen als
Hauslehrer innegehabt, wandte
er sich der Politik und Jour-
nalistik zu und widmete seine
Talente der sozialistische» Be-
wegung. In München und
Nürnberg war er publizistisch
thätig, gerade während unter
dem Sozialistengesetz die Strö-
mung der Bismarckschen Re-
aktion am höchsten angeschwollen
war. Wer mit so viel Mnth
und Schärfe anftrat, wie Schön-
lank, der mußte mit Polizei und
Justiz bald in Konflikt kommen;
er hatte niehrere längere Ge-
fängnißstrafen zu bestehen.

Seine Arbeitskraft schien un-
erschöpflich; während der auf-
reibenden journalistischen Thä-
tigkeit gab er seine wissenschaft-
lichen Arbeiten heraus, die ihm
die Aufmerksamkeit der Gelehrtenwelt erwarben.

1893 wurde er von Breslan-West in de»
Reichstag gewählt, deni er bis zuletzt angehörte.
Als geistreicher Redner, dem stets eine Fülle
von Material zu Gebote stand, als fleißiger
und geschickter Arbeiter in den Kominissionen
hatte er sich bald einen Namen auch als Parla-
mentarier gemacht; seine Angriffe waren der
Regierung wie den bürgerlichen Parteien oft
sehr unbequem.

Seine glänzende Veranlagung für die Jour-
nalistik konnte aber erst voll und ganz ihre
Bethätignng finden, als 1894 die Leipziger
Parteigenossen ihn zum Chefredakteur der »en-
begründeten „Leipziger Volkszeitung" ernannten.
In diesem Blatte schuf er ein Organ, das von
allen Zeitungen der Sozialdemokratie am besten

de» Bedürfnissen der Zeit angepaßt war und
das man als das journalistisch hervorragendste
Blatt der Partei bezeichne» konnte. Die Zierde
des Blattes waren die von ihm selbst geschriebenen
Leitartikel mit ihrem brillanten Stil, ihren
tiefen Gedanken, ihrer schneidenden Satire und
ihrem beißenden Witze. Unterstützt von einem
reichen Stab von wohlgeschnlten Mitarbeitern,
die er sich geschickt ausznwählen wußte, führte

er in seinem Blatte den Kampf gegen Reaktion
und Klassenherrschaft in so wirkungsvoller
Weise, daß man wohl sagen kann: Er wird
schwer oder gar nicht zu ersetzen sein.

Auch wir verlieren an ihm einen geschätzten
und fleißigen Mitarbeiter, der uns eine Reihe
trefflicher satirischer Skizzen und sonstige Bei-
träge geliefert hat. Bis zur Uebernahme der
Redaktion der „Volkszeitung" hat er regelmäßig
für den „Wahren Jacob" gearbeitet.

Sein erfolgreiches Wirken wird in der deut-
schen Arbeiterwelt so bald nicht vergessen wer-
den. Es hat in der Sozialdemokratie nur
wenige Personen gegeben, die so viele hervor-
ragende Eigenschaften in sich vereinigten.

Sein nie versiegender Humor half ihm über
manche Widerwärtigkeiten hinweg. Diesen

seinen Humor brachte er auch in der Politik
zur Geltung und mit vielem Vergnügen er-
zählte er öfters, wie er an jenem famosen
Schelmenstreich der Münchener Parteigenossen
betheiligt gewesen, bei dem man einen angeb-
lichen erzbischöflichen Hirtenbrief an einer Kirche
im zweiten Münchener Wahlkreis anschlng.
In diesem Hirtenbrief, der in die Wahlakten
des Reichstags kam, wurde der ultramontane
Kandidat zur Reichstagswahl
anfgefordert, dem Reichstag fern
und in München bei seinen Schäf-
lein zu bleiben. Der Hirten-
brief, bei dessen Anschlag Schön-
lank persönlich mithalf, erregte
bei den Schwarzen ebensoviel
Entrüstung, wie Heiterkeit bei
den anderen Parteien.

Rasch und unvermuthet ist
das Leiden hereingebrochen, das
diesen seltenen Geist zum Opfer
forderte. Noch im Sommer des
vorigen Jahres befand er sich
mit dem Schreiber dieser Zeilen
wohl und munter im Franken-
land und machte große Fuß-
touren durch die dortigen Wäl-
der. Erst auf dem Mainzer
Parteitag begann er zu klagen;
er hätte gerne die Alterthümer
der interessanten Stadt gesehen,
aber eine unüberwindliche Mü-
digkeit in den Beinen hinderte
ihn daran. Als er den Winter
darauf im Reichstag erschien,
hatte die unheimliche Krank-
heit sichtbare Fortschritte ge-
macht. Er hielt seine letzte Rede
bei Gelegenheit der 12 000 Mark-
Affaire, welch letztere er be-
kanntlich in seinem Blatte an
die Oeffentlichkeit gezogen hat.
Nur mit äußerster Anstrengung
konnte er die vortreffliche Rede
zu Ende führen und verließ nach
dieser Sitzung Berlin und den
Reichstag für immer. Wir sahen
ihn noch am Tage vor der
ersten Katastrophe und über-
redeten ihn, sich in eine Heil-
anstalt zu begebe». Die unverkennbare Ver-
wirrung seines Geistes ließ das Schlimmste
befürchten und gleich darauf verfiel der Be-
danernswerthe in völlige geistige Umnachtung,
aus der es keine Rettung mehr gab.

Nur zweiundvierzig Jahre hat Bruno Schön-
lank erreicht. Was hätte dieser geniale Mensch,
wenn er gesund geblieben, noch alles vollbringen,
welche bahnbrechende Arbeit für den Sozia-
lismus hätte er noch leisten können!

Er erlag den Anstrengungen seines Berufes
und seiner Thätigkeit, wie der Krieger in der
Schlacht bleibt. Und er war ein tapferer
Krieger in dem großen Kampfe des nach Be-
freiung ringenden Proletariats.

Halten wir das Andenken dieses bedeutenden
Menschen stets in Ehren! w. b.

i

Beilage zum »Tvahren Jacob" Är. 4OO24, 1901.
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