Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 20.1903

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»Lieber Petrus, es haben sich in letzter Zeit so viel verdächtige Ele-
mente in den Himmel eingeschmuggelt, — wir wollen doch mal sofort
aus den „Vorwärts" abonnieren!"

W OobeWäne. IT

Nun sehn die Fahne der Partei
Wir wieder frei im Winde wallen.

Frisch auf zum Kampfe! und cs sei
Der Sieg von neunzehnhundertdrei
Der schönste, stolzeste von allen!

Nun steht, ihr Wähler, auf der Wacht!
Das nur verbürgt des Sieges Krone.
Vorüber ist die lange Nacht,

Es ziehen in die Junischlacht
Der Arbeit rote Bataillone.

Das Blumen-Medium Anna Rothe hat nach
eigener Aussage dem Herrn Hofprediger a. D.
Stöcker ganze Blumensträuße aus dem Busen
gezogen. Eine nähere Untersuchung dieser Sträuße hat ergeben, daß cs
sich um Wolfsmilch handelte.

»Ich habe im Zusammenkoppeln gute Praxis", sagte der Schutzmann,
als er sich um den Standesamtsposten bewarb.

Der Staat beteiligt sich jetzt lebhaft am Kampfe gegen die Bleikrank-
heite». Die früheren Bleigcschosse bekommen einen Stahlpanzer, damit
kein Verwundeter mehr unter Bleikolik zu leiden braucht.

Oft waren die Kanonenschüsse bei der Geburt eines Prinzen noch das
beste, was man von ihm hörte.

Mancher steckt nur deshalb seine Orden vor, um die Aufmerksamkeit
vom Gesicht abzulenken.

Ihr getreuer

Säge, Schreiner.

Lisenbahn-Id^ll.

Endlich wird es hell. Herr Budde hat
Uns den weg gezeigt zum Friedenslichte,

Und es leuchtet fürder fctixc Tat
Strahlend ob des Vaterlands Geschichte.

wo bis jetzt so himmelweit geklafft
Unsrer Staatsgesellschaft Gegensätze;

Hat er plötzlich Einigkeit geschafft. —

Lohnen solche Taten Goldesschätze?

Früher speiste jedermann allein,

Hier der Arbeitsmann, dort der Beamte,
waren sie verehlicht, auch zu zwei'n,

Niemals aber alle insgesamte.

Dieses wird jetzt anders. Eng gesellt
Sitzen jetzt die höchsten Vorgesetzten,
wie auch die, die niedrer angestellt,

Bei dem Zlrbeitsmann, dem allerletzten.

Gegenseitig unterstützt man sich
Aus gemeinschaftlicher Vorschußkasse.

Ja, das steuert endlich sicherlich
Allem schnöden proletarierhasse.

Heil! Die Eisenbahn fährt frank und frei.
Doch der Enkel lernt an fernem Tage
Aus dem Jahre *903:

Budde löste die soziale Frage! Erich Mühsam.

Piefke: Die Anna Rothe sollte eejentlich die
Redaktion von eene ajrarische Zeitung ieber-
nehmen» wenn se ihre Strafe abjesessen hat. Det
wäre der richtige Posten vor ihr.

Lehmann: Warum meenste det?

Piefke: Na, die is doch daran jewöhnt, alles
aus die Luft zu jreifen.

Lehmann: Daß die Konservativen sich immer
»och nich ieber die Dunkelkauimer beruhigen
können!

Piefke: Det is janz bejreiflich, se möchten sich
ooch jern 'mal als Lichtfreinde zeigen.

Geschäftsbericht an meine Wähler.

Von höchsten Wünschen ungerührt,

Ward in den Reichstag ich bugsiert
Als schneid'ger Volksvertreter;

Nachdem ich oft inich dort blamiert,

Hat man mich schimpflich exmittiert
Schon wen'ge Wochen später.

v. Oldenburg-Januschan,
M. d. R. a. D.

Lieber Jacob!

Unser Amtsrat, der konservative Abjeorntc aus
Ostpreißen, der bei meine Schwester in't Vorder-
haus zwei mecblierte Zimmer hat, is in Bezug
uff de Wahlen sehr juter Hoffnung un sagte, er
bejreife jarnich, worum de Rejierung sonne Bange
hätte. Wenn die Leite 'n bisken pfiffijer wären
— sagt er —, denn könnten se mit Leichtigkeit
de janze Sozialdemokratie in'n Reichstag unmcg-
lich machen. Zunächst müßte de Rejierung den
Wahltermin icberhaupt nich öffentlich bekannt
machen, sondern ihn bloß durch 'n jeheimet Zir-
kular den Bund der Landwirte, Eugen Richtern,
den Papst un ’» paar andre sichere Leite anzeijen.
De Sozialdemokraten wirden sich denn scheen
ärjern, wenn se eenes Morjens uffwachten mt
hörten, det der Reichstag in alle Heimlichkeit
hinter ihren Ricken jewählt is. Un se kennten
sich nich mal beklagen, weil sc doch immer so
sehr for de jeheimen Wahlen sin. De Rejierung
hätte ja ooch ivoll so wat ähnlichct jeplant, aber
se ließ sich schließlich durch den „Vorwärts" ins
Bockshorn jagen un hat nu den Wahltcrniin
doch wieder ausjeplaudert. Jetzt is nischt weiter
zu machen, sagt der Amtsrat, als daß sich de
Rejierung den Amtsvorsteher Gnerich un det
Landjericht von Beuthen zum Vorbild nimmt.
Der erstere hat seine Jemeiudemitjlieder verboten,
Sozialdemokraten bei sich zur Miete wohnen zu
lassen, un det letztere spunnt alle die, die kcene
Wohnung nich finden können, uff zwelf Wochen

in. Wenn de Pollezei un de Jerichte sich zu-
sammentäten, denn kennten kurz vor de Wahlen
alle Sozialdemokraten in janz Deutschland von
ihre Hauswirte exmittiert un als Obdachlose
in't Kittchen beijesetzt werden. Uff diese Weise
wirde ohne Rechtsbeujnng 'n jescgneter Reichstag
zustande kommen. Ick habe den Amtsrat meine
Bewunderung for seine Ansichten ausjedrickt.

Anna Rothe, det berühmte Blumenmedium,
haben se richtig zu anderthalb Jahre „jesicherte
Existenz" verknaxt. De Spiritisten werden des-
halb doch nich alle werden. In Jejenteil, det
jlorreiche Beispiel von die sächsische Bliemchenfee
hat schon ville talentvolle junge Damen in Berlin
zur Nachahmung bejeistert. In unser Hans unten
wohnt 'n Jrienkramhändler namens Lehmann,
dessen Tochter jetz mit eenmal entdeckt hat, det
se eejentlich 'n Jemiesemedium is. Jeden Abend
jibt se ihre Vorstellungen un der janze Keller is
jeproppt voll. Det feinste Publikum verkehrt jetz
da un det Mächen soll ihre Sache janz vorzicg-
lich machen. De Sitzungen werden von den
ollen Lehmann mit 'ne jcistliche Ansprache in-
jeleitet, un dann fliejen de sauren Jurken un
de Bollen man so in de Lust rumm. Eene
seit fimf Jahren leider verwitwete Jräfin wurde
neilich aus'» faulet Ei jeweissagt, det se in den
nächsten Monat 'n kleenet Kind kriejen wirde,
un et is ooch richtig injetroffen. Bei 'ne andre
Jelegenheit wurde eenen pensionierten Hofpredijer
een mächtijer Kohlkopp direkt aus'» Jenseits jo
jeschickt vor't Maul jeschmissen, det der Mann
vier Wochen lang keen eenzijet Wort nich ieber
de Lippen bringen konnte, un wie er später je-
heilt wurde, stellte sich heraus, det allens, wat
er sagte, jelogen war. Det jottbejnadete Mächen
hat sich ooch eenen Schutzjeist zujelegt, mit den
se immer in Verbindung steht un der uff den
Namen Ludewig heert.

Womit ick verbleibe mit ville Jricße Dein jetreier
Jotthilf Nanke,
an'n Jörlitzer Bahnhof, jleich links.

wir ersuchen die karteigenojfen, eine recht kräftige Agitation für den wahren Jacob zu entfallen, C)yg$\

»i: • « « l’robenummern werden auf vorhergehende Bestellung gratis und franko geliefert. *«•
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