Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 22.1905

Seite: 4628
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Von Friedrich Wilhelm Fritzsche.

Auf, ihr Frauen, helft uns bauen
An der Liebe Wettenreich,

Ls zu krönen; aus den Söhnen
Zieht uns Männer, Helden gleich!

Wenn ihr nach des Tages Mühen,
nach dem Sklavendienst um Brot,
An der Wiege eures Kindes
weint ob seiner bittern Not,

Sich das Schlummerlied in Schluchzen
und in Zarnmer aufgelöst,

Wenn ihr mit der Milch die Träne
eurem Kinde eingeflößt,

Denkt, es ist an euren Leiden
eurer Männer Feigheit schuld;
Darum lehret eure Knaben
nicht Ergebung und Geduld,

Lehrt sie den Gefahren trotzen,
füllt ihr Herz mit Heldenmut.
Gießet Haß in ihre Seele
gegen die Tyrannenbrut!

Nicht mit weichen Schmeichelliedern
finget in den Schlaf sie ein,

Singt, wie sich die Unterdrückten
aus dem Sklavenjoch befrein;

Nicht Legenden frommer Dulder
flüstert leise in ihr Dhr,

An Nebellen-Heldensagen
ranke sich ihr Geist empor;

Nicht Gebete lehrt sie stammeln,
die umnachten die Vernunft,

Lehrt sie nicht den Nacken beugen.

dem Gebot der pfaffenzunst,

Sinn für Wahrheit, Necht und Tugend,
Mannesstolz impft ihnen ein,

Lehret sie, als treue Kämpen
sich dem Dienst der Freiheit weihn

An der Hand der Weltgeschichte,
die da trieft von Menschenblut,
Zeiget, daß den Unterdrückten
fehlte jener Todesmut,

Der das Leben läßt verachten,
wenn es Sklaven fesseln trügt.

Der selbst Weib und Kind als Dpfer
auf der Freiheit Altar legt:

Wie ein Brutus seine Söhne
selbst dem Sühnetode weiht,

Wie der Gracchen edle Mutter
stolz erträgt ihr Herzeleid,

Wie ein Winkelried die Speere
in die treue Brust sich drückt.

Wie der Kämpe der Kommune
stolz dem Tod ins Auge blickt.

Führt sie an die Prachtpaläste,
wo der faule Schlemmer ruht,

Sagt: der Mörtel, der die Mauern
bindet, ist der Armen Blut;

Wie der Geier dem Prometheus
täglich neu zerfleischt die Brust,
Wühlt' im Lingeweid' des Volkes
Wuchergier mit frecher Lust;

Sagt, daß das Gestirn des Tages
blutigrot der Nacht entsteigt,

Daß das Not der Bruderliebe
uns den Weg zur Freiheit zeigt,
Sagt, daß ihr, die priesterinnen
heil'ger Liebe, nicht erschreckt,
Wenn der weg zum Neich der Liebe
sich mit Blut und Leichen deckt.

Hört ihr's rauschen in den Lüften,
über euren Häuptern ziehn?

Seht ihr. wie der Berge Gipfel
blutigrote Flammen sprühn?

Fühlt ihr eure Brust durchzittern
Wehen voller Lust und Schmerz,
Die mit ahnungsvollem Hoffen
füllen euer Mutterherz?

Glaubt's, es sind die Frühlingsboten
einer neuen goldnen Zeit,

Ihr die Stätte zu bereiten,
auserkürt ihr Frauen seid.

Laßt uns nicht vergeblich hoffen,
denkt an eure Mutterpflicht,

Laßt euch von der Liebe leiten,
holde Frauen, zaudert nicht!

U

Auf, ihr Frauen, helft uns bauen
An der Liebe Weltenreich,

Ls zu krönen; aus den Söhnen
Zieht uns Männer, Helden gleich!

Friedrich Wilhelm Fritzsche.

Einer der Ältesten aus der deutschen Ar-
beiterbewegung, ein Mitbegründer der An-
fänge ihrer Organisation, hat ausgelebt,
Friedrich Wilhelm Fritzsche ist am Sonntag
den 5. Februar 1905 in Philadelphia gestorben.
Seit er unter den deutschen Arbeitern gelebt
und für sie gestritten hat, ist eine neue Gene-
ration herangewachsen, und nur wenige wer-
den noch vorhanden sein, die diesen Veteranen
des deutschen Sozialismus persönlich kannten.
Aber auch nachdem Fritzsche aus der Mitte der
deutschen Kampfgenossen geschieden ist, hat er
immer noch aufs lebendigste mit ihnen em-
pfunden, an ihrer Bewegung, an ihren Erfolgen
den regsten Anteil genommen und in seiner
neuen Heimat nach seinen besten Kräften der
Sache der Arbeiter gedient, für die er bereits
in seinem Vaterland mit der größten Hingabe
eingetreten war. Ehre seinem Andenken!

Im nachfolgenden bringen wir eine auto-
biographische Skizze, die unser verstorbener
Freund vor jetzt bald fünfundzwanzig Jahren
als Einleitung zu einer von ihm herausge-
gebenen Sammlung seiner Gedichte verfaßt hat:

F. W. Fritzsche wurde geboren den 27. März
1825 zu Leipzig. Eine langwierige Krankhett,

die für mehrere Jahre seine Unterbringung
im „St. Jakobs-Hospital" daselbst notwendig
machte, war auch die Veranlassung, daß er nur
ein halbes Jahr lang die Schule besuchen
konnte. Im Alter von vierzehneinhalb Jahren
wurde er zu Michaeli 1889 in die Armenschule
ausgenommen und, schon zu Ostern 1840 zur
Konfirmation zugelassen. Sein Wunsch war,
Buchdrucker oder Schreiner zu werden. Da
aber seine Mutter zu arm war, als daß sie
seine Unterstützung hätte entbehren können
(einen gesetzlich für seine Erziehung verpflich-
teten Vater hatte er nie gehabt), mußte er das
Zigarrenmachen erlernen. Schon im Alter von
neun Jahren hatte er in der Zigarrenfabrik ar-
beiten müssen, und dies war der Grund, warum
er dies Geschäft als Beruf wählen mußte.

Nach dem Tode seiner Mutter bereiste Fritzsche
als Zigarrenarbeiter Deutschland, die Schweiz,
Frankreich und Italien. In Biel, Kanton Bern,
arbeitete er längere Zeit bei dem daselbst als
Flüchtling lebenden Johann Philipp Becker,
dem die sozialdemokratischen Arbeiter als
einem ihrer treuesten Vorkämpfer ein Denk-
mal errichtet haben. Durch einen Reisekollegen
wurde Fritzsche in die Prinzipien des Kom-
munismus eingeweiht und beteiligte sich an

der kommunistischen Bewegung der Schweiz.
1848 kämpfte er unter v. d. Tann, späteren
Generals der bayerischen Armee, in Schleswig-
Holstein als Freischärler und wurde beiHoptrup
leicht verwundet. 1849 kämpfte er während
der Maiereignisse in Dresden und wurde da-
selbst an der ersten Barrikade in der Schloß-
gasse gefangen genommen. Drei Tage lang
mußte er die Tortur in der Frauenkirche da-
selbst ertragen, worauf er fünf Wochen im
Gewandhaus inhaftiert war und dann mit
Ketten beladen und unter militärischer Eskorte
nach Leipzig abgeführt wurde. Seine Ge-
fangenschaft dauerte ein volles Jahr, nach
welcher Zeit die Untersuchung gegen ihn nieder-
geschlagen wurde.

Kein Fabrikant wollte jetzt den Aufwiegler
in Arbeit nehmen, der als Mitglied der Ar-
beiterverbrüderung (der ersten sozialistisch an-
gehauchten Arbeitervereinigung Deutschlands)
für die Interessen der Mitarbeiter eingestanden
war. Dies zwang ihn, abermals den Wander-
stab zu ergreifen. In Frankenberg in Sachsen
erhielt er eine Vormannsstelle, und dort lernte
er seine Gattin kennen, mit der er über acht-
unddreißig Jahre Freud und Leid geteilt hat.

Die Reaktionsperiode in Deutschland zwang
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