Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 26.1909

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Der Nachfolger Philipp H.

ös ftoüelfpäne. eT

Wie sie trefflich renomierten
Seit der Hottentottemvahl!
Das; zu Boden wir geritten,
Hörten wir wohl tausendmal.

Schön ist's, so iin Rausch zu leben
Bei des holden Wahnes Schein;
Einmal doch muß er verfliegen,
Katzenjammer stellt sich ein.

Koburg auch, die alte Veste,
Nahm ein Sozialist gar keck,

Hub den Hottentottensiegern
In die Glieder fuhr der Schreck.

Übt euch nur im Trübsalblasen Denn es wird noch besser kommen,
Eh' die Zukunft sich enthüllt, Wenn die Zeit sich erst erfüllt.

„Der Satan war der erste Liberale!" sagte der Pastor Grothe
in Siegen. Da hatte der Liberalismus doch einen Anhänger, der
Kourage hat. * . *

Es war der lebendige Ferrer
De» Pfaffen gefährlich sehr;

Nu», da sie ihn getötet,

Ist er's noch tausendmal mehr.

Europa hat zwei Pfähle im Fleisch: von Asien her die Despotie
Väterchens und vom Mittelalter her den Pfaffenstaat Alfousos.

Die Kirche entfaltet nur selten die Engelsfittiche der christlichen
Liebe. Um so eifriger schlägt sie aber das Pfauenrad ihres Tyranneu-
talents. Ihr getreuer Säge, Schreiner.

Neueste politische Nachrichten.

Stuf Verlangen der notleidenden Junker soll
dem mangelhaften Branntweinkonsum durch
ein zu errichtendes „Reichsschnapsamt" wieder
auf die Beine geholfen werden. Man beab-
sichtigt, amtliche Klebemarken für regelmäßigen
Fuselgenuß zu verteilen, die auf behördlich
gestempelte „Schnapsinvalidenkarten" aufzu-
kleben sind und den Inhaber bei eintretendem
delirimn tremens zum Empfang einer staat-
lichen Leib- und Magenrente von wöchentlich
dreißig Kokspötten bis in sein hohes Alter
hinein berechtigen. *

Durch zahlreiche Wahlstichproben wurde er-
mittelt, daß der heurige gärende Most des
Volkszorns überall bereits zu einem klaren,
roten Wein der Erkenntnis heranreift. Der
1909er scheint ein besonders kräftiges und
feuriges Gewächs zu sein und dürfte politischen
Rekonvaleszenten oder Beamten, die den Staat
„im Magen" haben, als stärkendes Getränk
noch recht nützliche Dienste leisten. Im Schädel
der Regierung, die ja ohnehin nicht viel ver-
tragen kann, haben freilich die ersten paar
Kostproben schon erhebliches Übelbefinden an-
gerichtet. -14-. .

Splitter.

Wer in der Jugend für das Vaterland
streitet, muß im Alter für sich fechten gehen.

Durch den Boykott des Schnapses wird den
schnapsbrennenden Junkern ihre schönste gei-
stige Waffe aus der Hand geschlagen.

In lobenswerter Weise kämpft die Sanitäts-
polizei gegen den Geheimmittelschwindel ge-
wisser Apotheker. Sie würde sich den Dank
weiter Kreise erwerben, wenn sie auch die „Ge-
heimmittel" der Polizei bekämpfen wollte.

Spanien beweist so recht, waS ein Volk er-
leben kann, das seinen Kopf in die Schlinge
eines Rosenkranzes gesteckt hat.

Der Zündholzriecher.

InBerlin werden zurzeit dieKolonialwarengeschäfte von
Beamten nach unversteuerten Streichhölzern durchsucht.

„Juten Tag! Mein Name is Schnüffelmeier.

Ick komme, von wejen die Zündholzsteier
Ihren Koofmannsladen zu revidieren
An nachzusehn, wat Sie for Streichhölzer führen.

»Een eenzijek Päckchen? Sie sind woll doll?
Woll'n Sie vielleicht, det ick nachsuchen soll?
Meine Neese, die is uff Schwefel jeeicht.

An wer mogeln will, der wird anjezeigt!"

„Aber lieber, verehrter Kerr Schnüffelmeier,

Ich habe, ich schwör's Ihnen hoch urd teuer.

Nur dieses Paketchen mit Schwefelfadeu
And sonst keinen Schwefel in meinem Laden.

„Doch lagert in meinem Lintergelaß
Etwas Vorrat von Schwefelwasserstoffgas.
Dient dieses auch zu Steuerzwecken??

Dann bit«' ich, die Rase hineinzustecken." Ano.

Lieber Jacob!

Wat meinen Standpunkt zu Ferrern seine
Abmurksung betrifft, so kann ick weiter nischt
tun, als mir dadrieber freien, det Berlin ooch
in diese Hinsicht de scheenste Stadt von die
Welt is. Wenn een Schulmeester, wat Ferrer
ja doch in sein Hauptamt jewesen is, die
kleenen Kinder zu jebild'te Mensche» mache»
will, ohne det sie nach det Berliner Schul-
rejulatif siebenundreißig Jesangbuchlieder ler-
nen, so jetzt det allerdings ieber det Bohnenlied,
un deswejen hat Ferrer ja ooch blaue Bohnen
in den Kopp jekriegt. Det is in det dunkle Spa-
nien die Strafe dafor, det er die heranwach-
sende Jugend Raupen in den Kopp jesetzt hat.

Wie weit sind wir dajejen in die jeistije
Erleichtung vorjeschritten! Wen aber verdan-
ken et wir, det bei uns so een Mord nich
meeglich is? Det verdanken wir eenzich die
als reakzionär verschriene preußische Rejie-
rung; un det det so is, dafor Hab' ick meine
Beweise. In Berlin da sind Dir alle Staats-
birjer vor det Jesetz jleich; aber die Umstirz-
ler stehen unter eenen janz besonderen Schutz
von det Jesetz. Alle Dage sorgt die Rejierung
dafor, det keener von die Staatsfeinde mit det

Achtmilliineterkaliber Bekanntschaft zu machen
braucht; un bloß um so'n Unjlick zu verhieten,
derf et hier keene umstirzlerische Jugendbil-
dung un ooch keene sozialdemokratisch ver-
seuchten Spreeiväldlerinnen nich jeden. Da
war hier in Schlorrndorf so eene, die hat
voricht Jahr kleene Jöhren mit ordnungs-
feindlich infizierte Milch llffpäppeln wollen.
Aber da kam die Polizei un verbot ihr die
Kleenkinderbewahranstalt; un wenn sie det
nicht verboten hätte, denn wäre et jekonnnen
wie in Spanien, un die Spreewäldlerin hätte
sich nach Veriebung von ihre Schandtaten nich
uff's Sofa, sondern in den Festungsjraben
zur Ruhe betten können. Damit aber so 'ne
Unbequemlichkeiten verhietet iver'n, erklärt die
Rejierung lieber blutenden Herzens alle So-
zialdemokraten for unwirdig un unsittlich un
leidet ooch nich, det een von die rote Jesell-
schaft in'n Turnverein die kleenen Stepkes
Klimmzieje beibringt. Ebenso hält se deswejen
en roten Privatdozenten nioralisch for unfähig,
Dir ieber den Jang von eene Elektrisier-
maschine uffzuklären.

So sind ivir, siehste, in det Helle Berlin UN
bilden daher den denkbar jrößten Jejeusatz
zu det dunkle Spanien. Un man bloß in
so 'ne rickstündije Jejend wie Madrid is et
meeglich, det der Volkszorn een konservatives
Ministerjunl himvegfegt, daniit die Welt-
jeschichte wieder vorwärts sehen soll. Bei uns
in det erleichtete Berlin heeßt et so'ne neben-
sächliche Erscheinung wie den Volkszorn jejen-
ieber: Nu jerade nich! Wenn aber mal een
Minister zuricktritt, denn behält die Logik ihr
Recht, un et jetzt bei diese Jelegenheet uff
keenen Fall vorwärts, sondern immer noch
mehr rickwärts. Jeberhaupt braucht hier nie-
mals een neiet Ministerium jebildet zu wer'n,
iveil et Majestätsbeleidijung is, en Ministe-
rjum nich for jebildet zu halten.

Womit ick verbleibe mit ville Jrieße Dein
jetreier Jotthilf Rauke,

an'n Jörlitzer Bahnhof, jleich links.
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