6596 •-
Zeichnung von A. Fiebiger.
Straßensäuberung bei Wahlrechtsdemonstrationen mittels Motorbetrieb.
Zum Patent angemeldet vom Wahren Jacob.
Der vuez-5kanäal.
Fürwahr, man möcht' es glauben kaum,
Eiest man im Zeitungsblatt,
Was da in Frankreich wieder mal
Sich jetzt ereignet hat.
Die Haare stehen mir zu Berg,
6s schaudert mir die Baut,
Hör' ich, wie dieser Lumpenhund
Millionen hat geklaut!
Wie als Beamter er — man denk’!
Dies alles frech vollführt
Und manchen Ehrenbürgersmann
Fatal kompromittiert.
Das ist so recht und voll und ganz
Ein welsches Gaunerstück,
Und so etwas passiert auch bloss
ln einer Republik!
In uns’rer ehrenfest und stramm
Regierten Monarchie
Hört man denn doch Gott Loh und Dank!
Uon solchen Dingen nie!
Blitzblank strahlt unser Ehrenschild
Und rein bleibt unser Haus:
ln unserm deutschen Uaterland
Häm’sowas niemals'raus! Balduin.
Frühlingswehen.
Sonntagmorgen! Die Sonne lacht übers
ganze Gesicht. Ich atme die frische Märzluft
in tiefen Zügen.
Die Wellen des kleinen Sees glitzern und
tanzen vor Lust. Mit aufgeplusterten Flügeln
jagt ein Schwan hinter seiner Schwänin her.
Entenpaare schnattern verliebt und schnabu-
lieren am Rande des Gewässers.
Wie alles aus der Lethargie des Winters
erwacht! Der Frühling zieht ein. Die silberigen
Weidenkätzchen künden ihn, und die nickenden
Haselschäfchen bestätigen es. Erinnerungen an
die fröhliche Knabenzeit blitzen durch meine
Seele.
Ich schreite den Hang hinauf, den schnee-
weiße Birkenstämme säumen und lausche dem
Kling-klang-kling der Meisenmännchen. Auch
eine Schwarzamsel sendet aus der Villenkolonie
ihren jauchzenden Minneruf herüber. Mit ur-
alten Lauten der Lust läuten sie die neue Runde
des Lebensreigens ein, den die Glieder der
Art innig verschlungen dahintanzen durch die
Jahrhunderttausende.
Nun empfängt mich der hohe dunkle Kiefern-
wald. Kein Laut ringsum. Ich bleibe stehen
und lasse die Sinne ausruhen in dem tiefen
Schweigen der Natur. Wie wohl das tut nach
all der lärmenden Hast und Hetze des städtischen
Lebens!
Monate der Gefangenschaft zwischen hohen
Mauern, in dumpfer Wohnung, voll ruhlosem
Arbeits- und Wirtshausdasein liegen hinter
mir. „Kulturleben" nennt man das. Mit ver-
giftetem Blut, überreizten Nerven, herabge-
setzter Lebensenergie wird's erkauft. Ein
schlechter Handel.
Aber alle Jahre machen wir ihn wieder.
Jeder Winter zermürbt uns ein Stück mehr.
Und jeder erste Frühlingsausflug läßt es uns
härter fühlen, was für arme gefangene Narren
wir wiedereinmalwaren. Narren der „Kultur"!
Ich kreuze die Landstraße. Ein einsamer
Wanderer trottet daher. Die zerlumpte Ge-
wandung, ba§’ schmutzige Bündel auf dem
Rücken, der selbstgeschnittene Heckenstock in der
rotblauen rissigen Hand kennzeichnen ihn als
einen der Ärmsten unter den Armen. Das er-
loschene Auge in dem mageren, verwüsteten
Gesicht leuchtet dankbar auf, als ich ihm ein
Almosen hinreiche.
Einen Winter in der „Natur", ohne Ob-
dach, ohne zureichende Kleidung und Nahrung
— ich sehe, das ist noch viel, viel schlimmer
als die Leiden der Kulturgefangenschaft. Das
ist keine Lösung. Nein, die Natur ist grausani
in unserer Breite, und die Tiere des Waldes
wissen auch, warum sie dem Frühling ent-
gegenjubeln.
Mein Pfad führt durch einen jungen Kiefern
schlag. Die weiche Moosdecke verschluckt das
Geräusch meiner Tritte. Da, zehn Meter vor
mir tritt ein Rehbock aus dem Dickicht. Das
prächtige Tier steht regungslos wie ich selber
und läßt die großen dunkeln Augen forschend
auf mir ruhen. Ich kann den schönen Kopf,
den eleganten Gliederbau, die edle Form des-
ganzen Geschöpfes eine Minute lang bewundern.
Plötzlich hämmert ein nahes Glockengeläute
mit brutaler Härte in die heilige Waldesstilie
hinein. Das Tier macht einen erschreckten Satz
und ist verschwunden.
Auch ich möchte davon laufen. Aber was
würde das helfen? Die Kirche bleibt. Es ist
das neue „Gotteshaus" der Villenkolonie, das
heute eingeweiht wird. Der Glockenlärm ist
noch das wenigste. Eine Stätte mehr, an der
Unwahrheit und Heuchelei gepflegt werden!
Der Rehbock ahnte nur die Menschen hinter
dem Lärm und ergriff die Flucht. Er glaubt
seine Pappenheimer zu kennen. Ach, wenn er
erst wüßte, wie gefährlich diese zweibeinigen
Herren der Schöpfung sind, wenn sie in „Re
ligion" machen.
Daß sie die Tiere des Feldes abschießen und
abschlachten ist ein Kinderspiel, mein lieber
Rehbock, im Vergleich zu der raffinierten Grau-
samkeit, mit der sie einander verfolgen und
martern, kreuzigen, rädern und verbrennen,
wenn's um die „Ehre Gottes" und den „einzig
wahren Glauben" geht.
Was will das tierische Töten und Auffresseu
im naturgebotenen, harten Kampf ums Da
sein bedeuten gegen das übertierische Wüten
gegeneinander um der „höchsten Ideen" willen.
Die Religionsgeschichte der Herren Zweibeiner
ist eine Geschichte des Entsetzens. Das Blut
würde dir erstarren, verehrter Rehbock, wenn
du eine Ahnung davon hättest! lForts. S. 6598.)
Zeichnung von A. Fiebiger.
Straßensäuberung bei Wahlrechtsdemonstrationen mittels Motorbetrieb.
Zum Patent angemeldet vom Wahren Jacob.
Der vuez-5kanäal.
Fürwahr, man möcht' es glauben kaum,
Eiest man im Zeitungsblatt,
Was da in Frankreich wieder mal
Sich jetzt ereignet hat.
Die Haare stehen mir zu Berg,
6s schaudert mir die Baut,
Hör' ich, wie dieser Lumpenhund
Millionen hat geklaut!
Wie als Beamter er — man denk’!
Dies alles frech vollführt
Und manchen Ehrenbürgersmann
Fatal kompromittiert.
Das ist so recht und voll und ganz
Ein welsches Gaunerstück,
Und so etwas passiert auch bloss
ln einer Republik!
In uns’rer ehrenfest und stramm
Regierten Monarchie
Hört man denn doch Gott Loh und Dank!
Uon solchen Dingen nie!
Blitzblank strahlt unser Ehrenschild
Und rein bleibt unser Haus:
ln unserm deutschen Uaterland
Häm’sowas niemals'raus! Balduin.
Frühlingswehen.
Sonntagmorgen! Die Sonne lacht übers
ganze Gesicht. Ich atme die frische Märzluft
in tiefen Zügen.
Die Wellen des kleinen Sees glitzern und
tanzen vor Lust. Mit aufgeplusterten Flügeln
jagt ein Schwan hinter seiner Schwänin her.
Entenpaare schnattern verliebt und schnabu-
lieren am Rande des Gewässers.
Wie alles aus der Lethargie des Winters
erwacht! Der Frühling zieht ein. Die silberigen
Weidenkätzchen künden ihn, und die nickenden
Haselschäfchen bestätigen es. Erinnerungen an
die fröhliche Knabenzeit blitzen durch meine
Seele.
Ich schreite den Hang hinauf, den schnee-
weiße Birkenstämme säumen und lausche dem
Kling-klang-kling der Meisenmännchen. Auch
eine Schwarzamsel sendet aus der Villenkolonie
ihren jauchzenden Minneruf herüber. Mit ur-
alten Lauten der Lust läuten sie die neue Runde
des Lebensreigens ein, den die Glieder der
Art innig verschlungen dahintanzen durch die
Jahrhunderttausende.
Nun empfängt mich der hohe dunkle Kiefern-
wald. Kein Laut ringsum. Ich bleibe stehen
und lasse die Sinne ausruhen in dem tiefen
Schweigen der Natur. Wie wohl das tut nach
all der lärmenden Hast und Hetze des städtischen
Lebens!
Monate der Gefangenschaft zwischen hohen
Mauern, in dumpfer Wohnung, voll ruhlosem
Arbeits- und Wirtshausdasein liegen hinter
mir. „Kulturleben" nennt man das. Mit ver-
giftetem Blut, überreizten Nerven, herabge-
setzter Lebensenergie wird's erkauft. Ein
schlechter Handel.
Aber alle Jahre machen wir ihn wieder.
Jeder Winter zermürbt uns ein Stück mehr.
Und jeder erste Frühlingsausflug läßt es uns
härter fühlen, was für arme gefangene Narren
wir wiedereinmalwaren. Narren der „Kultur"!
Ich kreuze die Landstraße. Ein einsamer
Wanderer trottet daher. Die zerlumpte Ge-
wandung, ba§’ schmutzige Bündel auf dem
Rücken, der selbstgeschnittene Heckenstock in der
rotblauen rissigen Hand kennzeichnen ihn als
einen der Ärmsten unter den Armen. Das er-
loschene Auge in dem mageren, verwüsteten
Gesicht leuchtet dankbar auf, als ich ihm ein
Almosen hinreiche.
Einen Winter in der „Natur", ohne Ob-
dach, ohne zureichende Kleidung und Nahrung
— ich sehe, das ist noch viel, viel schlimmer
als die Leiden der Kulturgefangenschaft. Das
ist keine Lösung. Nein, die Natur ist grausani
in unserer Breite, und die Tiere des Waldes
wissen auch, warum sie dem Frühling ent-
gegenjubeln.
Mein Pfad führt durch einen jungen Kiefern
schlag. Die weiche Moosdecke verschluckt das
Geräusch meiner Tritte. Da, zehn Meter vor
mir tritt ein Rehbock aus dem Dickicht. Das
prächtige Tier steht regungslos wie ich selber
und läßt die großen dunkeln Augen forschend
auf mir ruhen. Ich kann den schönen Kopf,
den eleganten Gliederbau, die edle Form des-
ganzen Geschöpfes eine Minute lang bewundern.
Plötzlich hämmert ein nahes Glockengeläute
mit brutaler Härte in die heilige Waldesstilie
hinein. Das Tier macht einen erschreckten Satz
und ist verschwunden.
Auch ich möchte davon laufen. Aber was
würde das helfen? Die Kirche bleibt. Es ist
das neue „Gotteshaus" der Villenkolonie, das
heute eingeweiht wird. Der Glockenlärm ist
noch das wenigste. Eine Stätte mehr, an der
Unwahrheit und Heuchelei gepflegt werden!
Der Rehbock ahnte nur die Menschen hinter
dem Lärm und ergriff die Flucht. Er glaubt
seine Pappenheimer zu kennen. Ach, wenn er
erst wüßte, wie gefährlich diese zweibeinigen
Herren der Schöpfung sind, wenn sie in „Re
ligion" machen.
Daß sie die Tiere des Feldes abschießen und
abschlachten ist ein Kinderspiel, mein lieber
Rehbock, im Vergleich zu der raffinierten Grau-
samkeit, mit der sie einander verfolgen und
martern, kreuzigen, rädern und verbrennen,
wenn's um die „Ehre Gottes" und den „einzig
wahren Glauben" geht.
Was will das tierische Töten und Auffresseu
im naturgebotenen, harten Kampf ums Da
sein bedeuten gegen das übertierische Wüten
gegeneinander um der „höchsten Ideen" willen.
Die Religionsgeschichte der Herren Zweibeiner
ist eine Geschichte des Entsetzens. Das Blut
würde dir erstarren, verehrter Rehbock, wenn
du eine Ahnung davon hättest! lForts. S. 6598.)