Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 28.1911

Seite: 6922
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Scharfmachers Gebet.

Nach bekannter Melodie.

Belbmann, ich rufe c!ich!

Dich, den von Gott uns gefandten Hüter
Unterer hehrsten, heiligsten Güter,
Kanzler des Reiches, ich rufe dich!
Tbeobald, rette mich!

Tbeobald, rette mich!

Gib uns, den biederen Junkern und ftnoten,
Gib ein Gefetz uns wider die Roten,

Die uns bedrohen ganz fürchterlich!
Betbmann, ich kenne dich!

Betbmann, ich kenne dich!

Der du mit gläubig frommem Gemüte
Sorgest für Steigerung untrer Profite,
Gerne bist du uns förderlich!

Tbeobald, hör' auf mich!

Tbeobald, hör' auf mich!
willst du nicht 'ran an die Unifturzgefetze,
Stellt dir der tzepdebrand tückische Hetze,
Trifft dich des Zentrums giftiger Stich!
Theo, ich warne dich!

Theo, ich warne dich!

Tust du nicht bald, wie wir dir befohlen,
wird noch vor Ostern der Teufel dich holen!
fllfo, mein Bester, beeile dich!

Hoch einmal bist' ich nich'!

Tobias.

mu

Wir wissen wohl, ein stürmisch Jahr
Ist nunmehr angebrochen,

Wir sehen, wie in ihrer Wut
Die Feinde alle Kochen,

Durch aUe Welt geht eine Pest,

Greift um sich immer toller

Und steckt auch sonst Vernünft'ge an:

Der SozialistenKoller,

Die Krücke von dem alten Fritz,

Die schwingen hoch die Junker,

Sie schlagen damit uns nicht tot
Trotz allem ihrem Gessunker.

Mit Weihrauch und mit Skapulier
Beschwören uns die Pfaffen,

Doch werden sie den roten Geist
Nicht aus der Welt mehr schaffen.

Ja, wenn die Bourgeois uns gleich
verhungern taffen könnten!

Doch schafft der proletar nicht mehr,
Dann geht's an ihre Renten.

Die Generale richten sich
Schon ein auf Straßenschlachten,

Doch eines Tags, da sehen sie:

's kommt anders, als wir dachten!

Derweilen schwingt das Rad der Zeit
Herum sich rasch und munter,

Ls schwemmt der große Strom hinab
So manchen alten Plunder.

Und wie ihr schreit und wie ihr tobt
In närrischem Gewimmel,

Ls wachsen eure Bäume doch
Lmpor nicht in den Himmel! ftan; fluf.

Das Kapitel von den Karolinen.

Die Karolinen waren früher lange Zeit hindurch
eine überaus lebhaft umstrittene Kolonie, indem sich
der Streit nämlich darum drehte, wer sic eigentlich
definitiv ain Halse behalten sollte.

Das Deutsche Reich blieb Sieger; und es war
ein großer diplonialischer Erfolg. Spanien verkaufte
uns zähneknirschend diese letzten Perlen aus seiner
überseeischen Krone für luinpige 25 MillionenPesetas!

Es sind das, wie hier nebenbei bemerkt sei, jene
selbigen Perlen, die Onkel Sam ganz übersehen
und vergessen hatte, als er 1898 im Laden der
spanischen Wcltniacht so gewissenhaft anfränmte.

Vorher schon mal hatte Bismarck ein Auge auf
sie geworfen und nach ihnen gegriffen. Aber weil
der Ladeninhaber zuviel nationalen Spektakel machte,
war Bismarck gleich wieder ausgekniffen.

Heute aber, wie gesagt, kann sie uns niemand
mehr entreißen.

Die einzige Gefahr, durch die das Deutsche Reich
in ihrem ruhigen Besitz gestört zu werden droht, ist
die Undankbarkeit der noch vorhandenen eingeborenen
Bevölkerung.

Die umfangreichen Segnungen einer pflichttreu
und sorgfältig um alles sich kümmernden Vcrival-
tnng, die väterliche Strenge und der sanfte Druck,
mit der sie die Gerechtigkeit ausübt, Stenern ein-
treibt und den gern faulenzenden Insulaner zu einer
gleichmäßig-selbstlosen Arbeitsamkeit erzieht — das
alles ist dieser unglaublich ticsstehcnden Rasse gegen-
über sozusagen „rein für die Katz".

Man hat zwar versucht, sie auf den Pfaden der
Religion zu einer höheren und mehr staatsbürger-
lichen Dcnkungsweise emporzugcleitcn; leider aber
hat es dabei so bedeutende konfessionelle Balgereien
zwischen den Missionaren gegeben, daß die erschreckten
Schäften; sich meist ganz verlassen vorkamen und im
Galopp zu den Niederungen ihres inoralischen Ur-
zustandes zurückkehrten.

Die enttäuschte Reichsregierung hofft jetzt bloß
noch auf die Wirkung eines sie kräftig daraus ver-
scheuchenden Bombardements! T.

Ein neues Schimpflexikon.

„Verfluchter Hund!" — „Du olle Sau!"
„Raus hier, ihr lausige Bagage!" —

„Du dumme Trine, wenn ick hau.

Denn färb' ick rot dir die Visage!" —

„Weg, Junge! Mach' die Beene lang!" —
„Willste jleich rin in deine Türe!

Sonst hau' ick kräftig mitten mang.

Wozu ick ja den Säbel führe!" —

Wo Hab' dies Schimpfen ich gelernt?

Ich kann mich darauf kaum besinnen;

Die Worte liegen mir entfernt.

Mir ist ganz fremd sonst solch Beginnen.

Doch halt, da kommt mir ins Gemüt,
Woher ich Hab' dies Teufelswesen:

Bei dem Prozeß von Moabit
Lab' ich den guten Ton gelesen.

Wen jetzt einmal der Laber sticht.

Der braucht kein Schimpfwort lang zu suchen:
Er lese den Prozeßbericht!

Dann lernt er echt „behördlich" fluchen.

,, Maxe.

Vom Magen der Kirche.

Vom Throne bist du gestürzt, o Goethe,

Und abgesägt und blainiert ganz schnöde;

Wie konntest du auch das Wort nur wagen.

Die Kirche hätt' einen guten Magen!

Ganz falsch hast du ihre» Zustand ermeffe».
Denn trotz dem berühmte» „Länderfressen"

Und trotz allem Gut, so ungerecht«.

Ist ihre Verdauung eine geschioächte.

Die Kirche hat eine» schlechten Magen!

Sie kann ja nicht mal die Wahrheit ertragen!
Denn Wahrheit, ob in Wort oder Schrift,

Wirkt auf ihren Magen wie eitel Gift. E.Kl.

Loheit aus Reisen.

Nach der Frühstücksschokolade
Macht er eine Promenade;

Ist das Dejeuner serviert.

Wird ein wenig wettkutschiert;

Um die Vesperzeit herum
Längt er sich die Flinte um.

Schießt den Panther, Luchs und Wolf,
Und am Abend spielt er Golf;

Später dann, nach dem Souper,

Setzt er sich vergnügt zum Jeu,

Lange erst nach Mitternacht
Wird der Schlummerpunsch gebracht.

Und so geht's, fidel und heiter.

Stets in diesem Stiebe! weiter:

Bei dem Volke niedrer Art

Nennt man das 'ne Buinmelsahrt-

Doch bei Lerren höchster Kreise
Leißt es eine „Studienreise". Tobias.

Zur Entlastung. EmuErk

„Ick wer' nnrJagow'n doch noch als Zeije anbieten."
„Aber, Ede, du warst doch damals in Sonnenbnrg!"
„Na, da kann ick doch beschwören, bet ick nischl je-
sehen habe."
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