Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 29.1912

Seite: 7670
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7670 —

Husaren müssen reiten
Beherzt durch Feld und Flur,
Die Sporen in den Flanken,
von Danzig bis Langfuhr;
Trompeten müssen schmettern
In kriegerischem Ton,

Denn an der Spitze galoppiert
Der junge Raiserschn.

Neues Reiterlied.

Der Dolman weht im lvinde,

In Flocken fliegt der Schweiß,

Und auf des Sattels Leder
Reibt feurig sich der Steiß:
fieut gilt's die höchsten Ehren
Zu ernten, denn es rief
Die Filmfabrik G. m. b. fi.

Sie vor ihr Objektiv!

vier Stunden exerzieren
Ist eine harte Zeit,

Doch winkt dafür zum Lohne
Euch die Unsterblichkeit;

Die Feinden und Gefahren
Ihr ernst ins Auge saht,

Seht, bitte, heut recht freundlich an
Den Ulann am Apparat!

Denn wenn im Grab einst schlummern
Der Reiter und sein Pferd,

So hält er eure Taten
Noch frisch und sehenswert:

Ullabendlich dann reitet
vor froher Rinderschar
Im Rientopp für zehn Pfennige
Der Totenkopfhusar!

Tobias.

Der unzufriedene Bürger.

Die rote Woche ging vorüber,

-Die so viel Schönes mir verhieß,

Und ich gestehe, daß sie leider
Mich durchaus unbefriedigt ließ.

Wo wilde Zwietracht ich erwartet
And heiße Kämpfe, Schimpf und Lohn,

Da gab es friedliche Beratung
Und keine einz'ge Sensation.

Und jene Loffnung, die schon lange
Zm stillen Busen ich genährt,

Daß endlich die verhaßte Rotte
Zn links und rechts sich spalten werd':

Auch diese Loffnung ward zuschanden.

Für immer jetzt begrab' ich sie;

Denn, ach, in allen Fragen herrschte
Durchaus die schönste Larmonie!

Die Knappen Ullsteins, Scherls und Mosses
Bestät'gen: „Dieses Chemnitz war
Löchst ennuyant und unbedeutend
And jedes feinern Reizes bar;

Kein Zwischenfall, kein fettgedruckter.

Steht in den Spalten des Berichts,

Und von den sachlichen Debatten
Verstehen unsre Leser nichts."

Aus alledem kan» man ersehen.

Daß diese undankbare Brut
Aus purer Bosheit und Gemeinheit
Uns Bürgern nichts zuliebe tut;

And unter uns — ich sag's euch flüsternd.
Diskret und leise nur ins Ohr —:

Der rote Fels steht unerschllttert

And dräuender als je zuvor! Max.

Glossen.

Der Panamakanal reift sich offenbar zum nächsten
großen Zankapfel der Weltmächte aus. „Habt einst
Ihr gestohlen, können wir's jetzt auch!" so belehrte
ein führendes amerikanisches Blatt die Mächte Eu-
ropas.— Aber in der hohen Politik kommt es ganz
und gar nicht daraus an, wer's auch kann! Meister
ist und bleibt nur, wer's am besten kann!

In der Republik des rollenden Dollars wurde
ein Trustpräsident verhaftet, weil er durch bezahlte
Agenten Dynamit hatte legen lassen, um aus diese
Weise den Gewerkschaften „eins anzuhängen".

Solche Streiche sind weiter kein Wunder; denn in
einem Lande, wo die Polizei sich Kapitalverbrechen
leistet, wird auch das Kapital nicht lange zaudern,
Polizciverbrechen zu begehen.

Hans Rollwagen.

Einem tragischen Geschick ist am 28. September der baye-
rische Landtagsabgeordnete Hans Rollwagen aus Augsburg
zum Gpfer gefallen. Er suchte auf einer kurzen Bergtour
Kräftigung und Erholung von körperlichem Unbehagen zu
finden und ist dabei durch einen Absturz vom Schartschrofen
tödlich verunglückt.

Hans Rollwagen wurde am 21. April 1868 in Schleusingen
geboren. Lr erlernte nach Ablauf der Schulzeit den Zchrift-
setzerberuf. Die Wanderjahre führten ihn nach Augsburg. Hier
bekleidete er in der sozialdemokratischen Bewegung bald eine
führende Stellung, war Mitbegründer des dortigen Partei-
organs, zugleich Leiter der Druckerei und später Redakteur
dieses Blattes. Seit 1905 war er ein eifriges Rlitglied der
sozialdemokratischen Vertretung im bayerischen Landtag; er
gehörte seit 1908 dem Rollegium der Gemeindebevollmächtigten
Augsburgs an. Organisatorisches Geschick, große rednerische
Befähigung und treue Eingabe an die Partei, in der er groß
geworden, setzten ihn in den Stand, hervorragendes im
Dienste der Arbeiterbewegung zu leisten. Alle, die ihn kann-
ten, werden sein frühes hinscheiden betrauern. Die Partei
wird ihm ein treues Andenken bewahren.

Von der Teuerung.

In Juliansdorf bet Waldenburg im niederschle-
sischen Kohlenrevier war ei» Pferd krepiert, das der
Besitzer einem armen Besenbinder auf dessen Wunsch
zum Abledern übergab. Als sich die Kunde davon
im Orte verbreitete, strömten die Nachbarn in

Scharen herbei und baten sich Stücke von dem Pferde-
fleisch aus. So konnten sich nicht nur der Besen-
binder, sondern auch seine Freunde mehrere Tage
lang dem seltenen Genuß des Fleischessens hingeben.

Als das Gerücht von diesem entsetzlichen Vor-
gang zu den Ohren der Obrigkeit kam, erkannte
diese sofort, was in dem Falle zu tun nötig war.
Die Staatsanwaltschaft erhob gegen den Besen-
binder Anklage wegen Übertretung des Flcisch-
bcschaugesctzes, und die Schweidnitzcr Strafkammer
verurteilte den Missetäter zu zehn Mark Geldstrafe.

Man kann daraus erkennen, wie grundlos und
gewissenlos die Vorwürfe der Nörglerpressc sind,
die noch immer zu behaupten wagt, die Behörden
wüßten gegen die herrschende Tepcrung nichts zu
unternehmen und sähen der täglich wachsenden
Hungersnot ratlos und untätig zu. Max.

Grenzschlagbäume und Zollschranken sind gleich-
sam agrarische Gnillotinen, mit deren Hilse Vater
Staat höchsteigenhändig jede Möglichkeit eines all-
gemeinen Wohlstandes „köpft".

In Deutschland kann »tan selbst heute noch allerlei
Märchen erleben; bloß, sie taugen nicht viel! Man
denke beispielsweise nur mal an die märchenhaften
Fleischpreise, die uns die holde Fee der junkerlichen
Raffgier vor die Nase gezaubert hat.

Der „grüne Tisch" markiert gern den brüllenden
Löwen. Durch seine Bockbeinigkeit aber gibt er stets
sehr bald zu erkennen, daß bloß ein Esel hinter ihm
steckt.

Was die Negierenden durch aufmarschierende
Zahlen nicht gut widerlegen können, das versuchen
sie dann wenigstens durch den Aufmarsch nume-
rierter Schutzleute zu widerlegen.

Fcttgemästete Schweine gibt's schließlich auch heute
noch in Deutschland mehr als genug; allerdings
muß man hierbei die zweibeinigen mit hinzurechnen.

Vom Balkan.

Die Pfaffen Bulgariens erleben herrliche Zeiten;
denn sie dürfen Mordwerkzeuge einsegncn und einen
strammen kleinen „itatienisch-türkisch-bulgarisch-scr-
bisch-gricchisch-montenegrinischen" Weltkrieg aus der
Taufe heben, der vielleicht noch ganz bedeutend größer
werden kann. Auch muß die christliche Religion, die
dem Machtkoller als Deckmantel dient, mit einem
geweihten Patronengürtel umschnürt werden, weil
sie sonst nicht den richtigen militärischen Sitz hat.

Rußland bekommt einen preußischen Orden für
seine Tüchtigkeit als Kriminalschutzmann am Balkan.
Denn nur ein solcher hat ja den Kniff heraus,
Polizeihunde auf einen „kranken Mann" zu hetzen,
ohne scheinbar selbst etwas damit zu tun zu haben.
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