Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 30.1913

Seite: 7838
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Am Dienstag den 11. Februar dieses Jahres
wurde in Wien der Reichsratsabgeordnete und
Gemeinderat Franz Schuhmeier durch einen
aus unmittelbarer Nähe abgegebenen Sch ns;
aus einer Browningpistole getötet. Er hatte
in Stockerau bei Wien in einer Wählerver-
sammlung gesprochen, um den sozialdemokra-
tischen Reichsratskandidaten zu unterstützen.
Während er die Gepäckrevisionshalle des Nord-
westbahnhofes allein ohne Begleitung durch-
schritt, näherte sich ihm der Mörder von rück-
ivärts. Er muß die Pistole fast direkt unter
das linke Ohr augesetzt haben.

Schuhmeier fiel, ohne einen Laut
von sich zu geben, nach vorne auf
das Gesicht. Er war sofort tot.

Nicht das geringste von dem gan-
zen Vorgang ist ihm zum Bewußt-
sein gekommen.

Der Mörder Paul Kunschak
wurde sofort festgenommen und
sagte völlig ruhig, er habe sich an
Schuhmeier rächen wollen. Es ist
der Bruder des christlichsozialen
Landtagsabgeordneten und Wie-
ner Gemeinderats Leop. Kunschak.

Als nun am Mittwoch den
12. Februar die Wiener Zei-
tungen über den Mord berich-
teten, verurteilten zwar auch die
beiden christlichsozialen Partei-
blätter, die „Reichspost" und das
„Deutsche Volksblatt", wie nicht
anders möglich, die Tat, aber sie
suchten sie sofort als eine Tat der
Verzweiflung hinzustellen. Sie be-
haupteten, daß Paul Kunschak,
der seines Zeichens ein Metall-
arbeiter war, durch den Terroris-
mus der gewerkschaftlich organi-
sierten Arbeiter arbeitslos gewor-
den sei. Die Wiener Parteigenossen
erhoben sofort den Tatbestand, und
es gelang, festzustellen, >vo und wie
lange jedesmal Paul Kunschak seit
ungefähr zwanzig Jahren in Ar-
beit gestanden sei. Ein einziges-
mal wurde er durch die Arbeiter
gezwungen, einen Betrieb zu ver-
lassen: das war — man merke
wohl — im Jahre 1905. Im Juni
dieses Jahres war er in den Wie-
ner Schuckertwerken als Metall-
dreher ausgenommen worden. Zwei Ver-
trauensmänner der in den Werken beschäftig-
ten Arbeiter erklärten ihm, daß alle Arbeiter
in der Fabrik gewerkschaftlich organisiert seien
und daß sie auch von ihm forderten, der Or-
ganisation beizutreten. Als Paul Kunschak sich
hartnäckig weigerte, dem Begehren der Ver-
trauensmänner zu willfahren, beschlossen die
sämtlichen Arbeiter, daß die Vertrauensmänner
der Fabrikleitung mitzuteilen hätten, entweder
müsse Paul Kunschak entlassen werden oder
sie würden insgesamt die Arbeit niederlegen.
Kunschak wurde entlassen. Nu» klagte er die
beiden Vertrauensmänner, die ihm zugeredet
hatten, der Organisation beizutreten, auf Er-
pressung, und sie wurden beide am20.November
1905 zu je vierzehn Tagen Kerker verurteilt.
Es war dies in Österreich der erste Fall dieser
Art. Er verursachte nicht bloß in der Arbeiter-
schaft großes Aussehen. Erst von diesem Zeit-
punkt. an wurde der Name des Paul Kunschak
weiteren Kreisen bekannt. Es ist aber nach-

Franz Schuhmeier.

Von Engelbert Pernerstorfer.

gewiesen, daß er nach dieser Zeit wiederholt
in verschiedenen Betrieben tätig war, ohne
weiter von den organisierten Arbeitern be-
achtet worden zu sein. Die „Arbeiter-Zeitung"
hat den Nachweis durch Anführung aller Daten
lückenlos erbracht.

Daß der Mann übrigens auch in der letzten
Zeit keine Not gelitten hat, hat er selbst zu-
gegeben. Er sagte aus, daß er die letzten zwei
Jahre von seinen Ersparnissen (2000 Kronen)
gelebt habe. Bei seiner Verhaftung hatte er
über 100 Kronen bei sich. Übrigens liegt es

auf der Hand, daß Pauls Bruder, Leopold,
der ein einflußreicher Führer der Christlich-
sozialen ist, ihm jederzeit hätte Arbeit ver-
schaffen können, wenn Paul nur gewollt hätte.
Dieser aber schien sich in der Rolle eines Ver-
folgten zu gefallen. Es kennzeichnet den Cha-
rakter der christlichsozialen Partei, daß ihre
Blätter sich weniger des Mordes wegen ent-
rüsten, als vielmehr nach einem Gesetz zum
Schutze der Arbeitswilligen rufen, ganz so,
als hätte nicht ein sogenannter „Arbeitswil-
liger" eine» Sozialdemokraten, sondern ein
Sozialdemokrat einen „Arbeitswilligen" er-
schossen.

Daß der Mörder sich Schuhmeier als Opfer
seiner „Rache" ausersehen hat, dürfte doch
nicht bloßer Zufall sein. Zwar hat der Mörder
bei seiner ersten Vernehmung ganz im allge-
meinen ausgesagt, daß er einen Führer der
sozialdemokratischen Partei, gleichgültig ivel-
chen, habe erschießen wollen. Daß seine Wahl
aber auf Schuhmeier gefallen ist, kann nicht

wundernehmen. Schuhmeier hat den Arbeiter-
verrat der christlichsozialen Arbeiterführer und
des hervorragendsten unter ihnen, des Leopold
Kunschak, bei jeder Gelegenheit in den Ver-
tretungskörperu und Volksversanunlungen aufs
schärfste gegeißelt. Auf seinen Bruder Leopold
>var aber Paul besonders stolz.

Der Eindruck der Erinordung Schuhmeiers
läßt sich nicht schildern. Man darf, von der
niedrigen Haltung der beiden genannten christ-
lichsozialen Blätter abgesehen, sagen, die Empö-
rung darüber war allgemein. Man kann sich
aber als Nichtwiener schwer eine
Vorstellung von der Popularität
Schuhmeiers machen. Trotz aller
Schärfe seiner Angriffe hat er
weder im Parlament noch sonst-
ivo einen persönlichen Feind ge-
habt. Er war eine eigenartige Per
sönlichkeit schon dadurch, daß er
die liebenswürdige Weichheit des
Wieners, die leicht zur Schlaffheit
und Grundsatzlosigkeit ausartet,
mit sozialdemokratischem Ernste
so zu legieren wußte, daß er schon
dadurch Aufmerksamkeit erregte.
Sein Lebenslauf in seinen An-
fängen ist der des typischen Prole-
tariers. Aber seine Begabung und
sein Eifer führte ihn an die Spitze
seiner Klasse.

Er wurde am 11. Juli 1864 in
Wien geboren. Sein Vater war
Bandmachergehilfe, seine Mutter,
die, siebenundsiebzigjährig, ihren
Franzl zum Grabe begleiten mußte,
verdiente durch Wäscherei. Im An-
fang der Ehe ging es ganz leidlich.
Es war noch für die Bandmacher
eine ziemlich gute Zeit. Aber als
Franzl heranzuwachsen begann,
ließ der Vater, der auch ei» echter
Wiener gewesen zu sei» scheint,
seiner Leichtlebigkeit die Zügel
schießen und die Hauptlast der Er-
haltung der Familie lag auf der
Mutter. Sie trug sie mit jenem
Heroismus der Mütter im Volke,
den nur jener ganz würdigen kann,
der ihn selbst gesehen hat. Es ist
ein wortloser,Heroisuius härtester
Arbeit, einer jede Stunde voll-
brachten Aufopferung. Die tapfere
Mutter brachte ihre Kinder zur Not durch,
mehr konnte sie ihnen nicht geben. Nach
dem Besuch einer sechsklassigen Volksschule,
ein Knabe noch, mußte er in die Fabrik, was
es gerade zu tun und zu verdienen gab. Es
war natürlich, daß er da frühzeitig mit der
Arbeiterbewegung bekannt wurde. Freilich war
sie damals in ziemlicher Unordnung. Aber er
gehörte einem der so vielfach existierenden ge-
heimen Zirkel an, in denen ernsthafte Arbeiter
über den Sozialismus diskutierten. Gewiß ist
auch der Bildungseifer, der ihn immer beseelt
hat, schon damals stark in ihm lebendig ge-
wesen. Auf jeden Fall gehörte er zu jenen,
die an der Neubildung der Partei Ende der
achtziger Jahre den stärksten Anteil genommen
haben, denn schon 1888 absolvierte er eine
wocheulange Untersuchungshaft und oft wun-
derte er dann immer und immer wieder ins
Gefängnis.

Schuhmeier hat sich schon in sehr jungen
Jahren der Partei in der tätigsten Weise an
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