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Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 30.1913

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https://doi.org/10.11588/diglit.7671#0110
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7866

was geht durch alle Lande
wie Frühlings Sturmgebraus?
was drängt in dichten Scharen
Zum Kampfe sich heraus?
was leuchtet gleich demFrührotschein
Sn diese dunkle Welt hinein?

Vas ist der Arbeit Jugend,

Der Freiheit junges Volk.

Nun treten wir zur Seite
Den Alten im Gefecht,

Nun ziehen wir zum Streite
Fürs alt' und junge Necht.

Nun kommen wir im Schritt und Tritt
Und reißen auch die Feigsten mit:
wir sind der Arbeit Jugend,

Der Freiheit junges Volk.

Die Väter und die Mütter,

Gehetzt von bittrer Not,

Sie standen schon im Kampfe
Für Freiheit, Necht und Brot.

So wurden wir auch kampfbereit
Sn dieser Welt voll Nrieg und Streit:
wir sind der Arbeit Jugend,

Der Freiheit junges Volk.

Nun muß das Werk gelingen,

Dem Kampfe leuchten Sieg;

Nun muß den Frieden bringen
Tin letzter heil'ger Nrieg.

Nun steigen wir aus Not und Nacht
Empor zur großen Freiheitsschlacht:
wir, wir der Arbeit Jugend,

Der Zukunft freies Volk. n°b°rt seit*,.

Der Freiheit junges Volk.

Sn öden Mietskasernen,

Sm Schatten der Fabrik,

Sm Nauch und Müll der Gruben
Empfing uns das Geschick.,
wir wurden stark, wir wurden groß
Sn schwerer Arbeit hartem Schoß:
wir sind der Arbeit Jugend,

Der Freiheit junges Volk.

Schlimme Zeiten.

Nach bekannter Melodie.

Preisend mit viel schönen Reden
Ihrer Schätze Wert und Zahl,

Saßen viele deutsche Fürsten
Froh vereint beim Frühstücksmahl.

„Mein Besitz hat keine Grenzen,"
Sprach der erste hochgemut,

„Zwanzig Schlösser sind mein eigen
Und so manches Rittergut!"

„Lächerlich!" so rief ein andrer,

„Mir gebührt der erste Rang,

Mehr als hundert Millionen
Lab' ich auf der Lond'ncr Bank!"

„Ich bin," sprach darauf der dritte,
„Unter euch der reichste Mann,

Denn in zwölfprozent'gen Aktien
Legt' ich meine Gelder an."

„Alles, was ihr mögt besitzen,"

Lörte man den vierten schrein,
„Tauscht' ich nicht für die Brillanten
Meiner Frau Gemahlin ein!"

Größ're Summen nannt' der fünfte
And der sechste noch viel mehr,

Bon Millionen und Milliarden
Schwirrt's am Tische hin und her.

Weh, da naht die Schreckenskunde,
Wie aus heit'rer Luft der Blitz:

Zehn pro Mille sollt ihr Edlen
Steuern vom Privatbesitz!

Düster saßen da die Fürsten,

Jeder blickte stumm ins Glas,
Manche Lippe zuckte schmerzlich.
Manches Auge wurde naß.

„Wohin schwand," so rief der erste,
„Unsrer Kronen Glanz und Ruhm,
Wenn man Steuern schon erhebet
Bon dem Gottesgnadentum?"

„Ach, wie war doch," klagt der zweite,
„Wonniglich der Fürsten Los,

Als ihr Laupt getrost sie legten
Jedem Untertan in Schoß!"

„Leut' dagegen," seufzt der dritte,
„Darf man ohne Lerzensweh
Dieser Bande anvertrauen
Nicht einmal sein Portemonnaie!"

Manches Wort »och ward gesprochen
Bon den Fürsten, ernst und schwer.

Aber ihre Schätze preisen

Lörte man sie nimmermehr. Phlii.

Der große Wurf.

Alljährlich im Sturm und Drang des Frühlings
kam es mit sieghafter Gewalt auch über Zipperlein,
den Volksschullehrer! Und dann machte er Gedichte,
die sich voll Leidenschaft und Feurigkeit rund um das
Thema einer wunschlos-keuschen Liebe drehten.

Auf der Redaktion des Kreisblatts lehnte man
die Kinder seiner Muse zwar mit angemessener Energie
wieder ab; doch versäumte man niemals, sehr höflich
dabei zu Werke zu gehen und lediglich „Raummangel"
vorzuschützen. Auch war man ehrlich bemüht, das
Interesse des Dichters von seiner brotlosen Kunst
weg ans praktischere Dinge zu lenken.

„Schauen Sie sich doch bei Ihren Streifen durch
Feld und Wald mal ein wenig nach dem allerersten
Maikäfer um!" so riet man ihm wohlwollend: „Für
den haben wir stets Verwendung und honorieren
ihn auch kolossal nobel!"

Den echten Dichter Zipperlein vermochte aber selbst
dies glcißncrische Angebot nicht aus dem Sattel seines
Pegasus zu heben. Er gab ihm vielmehr zehnfach
starken Schenkeldruck und ließ ihn gradezu brutal

die Sporen fühlen! Man lebte ja im „Jubeljahr",
und Zipperlein war fest entschlossen: „diesmal sieg'
ich ... oder ich steck's auf!!"

Eines Tages erschien er wieder freudestrahlend
ans der Redaktion des Kreisblatts und legte statt des
sehnsüchtig erharrten März-Maikäfers einen ganzen
Stoß Gedichte ans dem Tisch des Hauses nieder.

„Sind Sie verrückt geworden, Zipperlein??"
schrie der entsetzte Herr des Feuilletons: „Drciviertel
Pfund Gefühle haben Sie da hingeschmissen! Bilden
Sie sich etwa ein, daß wir auch nur zehn Gramm
davon gebrauchen können...?"

Zipperlein erwiderte mit jener Seelenruhe, wie
sie im Bewußtsein eines nahen Sieges zu entstehen
pflegt: „Ich bitte... prüfen Sie, und dann erst reden
Sie! Es sind zwar bis auf weiteres nur 36 Stück;
sie alle aber richten sich in tiefster Ehrerbietung an
die unvergeßliche Luise, Königin von Preußen!"

Anfang Mai bereits war der geniale Zipperlein
in der beneidenswerten Lage, sich für den Ertrag
seiner jetzt nicht mehr brotlosen Dichtkunst ein leben-
diges Schwein kaufen zu können, wie es schon seit
langem sein heimliches Ideal war! T.

Iubiläumsgedanken.

Treu und brav hoppst der Besitz auf die Leimrute
des „Jubiläums". Nur ist noch nicht recht hcrans-
znhören, ob er dort mehr als Rohrspatz oder als
Nachtigall gewürdigt werden will.

Die Zeichen nnscrer Zeit sind von der Reichs-
leitnng gut begriffen worden. Nach Prüfung der
Bilanz hat „man" darauf verzichtet, noch weiter
Theater der Zukunft zu spielen, und ist zum histo-
rischen Kientopp übergegangen.

Die geistige Verdauung der hundertjährigen Er-
eignisse wird dadurch sehr gefördert werden, daß
ein preußischer Professor sich bereits zur Lebensauf-
gabe gesetzt hat, hierüber ein unzerreißbares Bilder-
buch zu verfertigen.

Der Weg zum Altar des Vaterlandes ist trotz
aller obrigkeitlichen Wegweiser für den Besitz offen-
bar immer noch nicht deutlich genug erkenntlich.
In den konservativen Kreisen übt man dagegen das
patriotische Lied ein: „Hannemann, geh' du voran,
du hast die größten Stiebeln an!" T.
 
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