Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 33.1916

Seite: 8894
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Mutter Erde.

Sie wollten nicht Freunde, nicht Vriider sei»,
Deutsche, Franzosen und Brite»,

Wild schlugen sie aufeinander ein,

Laben wie Löwen gestritten.

sind als zu Ende die blutige Schlacht,
Lagen sie tot in den Gräben,

Dem blutigen Lasse zum Opfer gebracht.
Junges, blühendes Leben.

Man senkte sie in ein tiefes Grab,
Die miteinander gerungen.

Gab noch Gebet und Segen hinab —
Lat wie Schluchzen geklungen.

Nun liegen sie still in der Erde Schoß,

Alle die Kampfesmüdcn,

Fragt keiner, ob Deutscher, Brite, Franzos —
Ruhen in tiefem Frieden.

Sind alle nun einer Mutter Sohn,

Lält sie mit klammernden Armen,
illnd löset sie von des Lasses Fron,

Mütterlich voll Erbarmen. Ernst Klaar.

o

Als am 14. Juli 1889 im Saal Petrelle zu
Paris der Internationale Sozialistenkongreß
zusammentrat, der die erste infolge der Nach-
wirkungen des deutsch-französischen Krieges
von 1870/71 zusainuiengebrocheue Jntcrnatio-
nale wieder neu aufrichten sollte, wurden der
Deutsche Wilheln, Liebknecht und der Franzose
Eduard Vaillaut zu Präsidenten gewählt,
lind Vaillaut sagte in der Ansprache, die er
aus Anlaß dieser Wahl hielt:

„Sie bestimmen uns also beide zugleich, im
Namen des internationalen Sozialismus die
Delegierten zu begrüßen, die aus allen Län-
dern gekommen sind, um i>» Namen der Völker
den sozialistischen Einigungsvertrag zu
besiegeln, welcher den Anfang ihres gemein-
samen Handelns und ihrer Befreiung bilden
»>»h; Sie beauftragen mich, im Sinne aller
revolutionären Sozialisten Frankreichs die
Brüder willkommen zu heißen, die aus der
Fremde herbeigeeilt sind, uiit uns die Hand
zu reichen dieselben zu beglückwünschen,
weil sie so zahlreich entschlossen gekommen
sind , ganz besonders aber zu beglück-
wiinsehe» diese imponierende Send-
botenschar aus Delitschlaild, ivelche hier
die größte organisierte Sozialistenmacht der
Erde vertritt. Im Angesicht der sreiheitmörde-
rischen und kriegerischen Vorbereitungen der
Könige und der herrschenden Klassen haben
wir die Notwendigkeit des internatio-
nalen Friedens zu betonen, unfern Willen,
diesen Frieden aufrecht zu- erhalten und an
die Stelle des Militarismus, an die Stelle
der Politik des Beutemachens und Eroberus
zu setzen die demokratische Verteidi-
guilgspolitik von Völkern, ivelche bewaff-
net organisiert sind, um lieben ihrer ttn-
a b h ä u g i g k e i t n a ch außen d i e S i ch e r h e i t
und die Entwicklung ihrer Freiheit im
I n n e r n z u s ch ü tz e n g e g e n j e d e S t ö r u n g."

Mit diesen klaren und knappen Sätzen be-
gründete Vaillaut gleich zu Beginn des Kon-
gresses die dringende Notwendigkeit eines
freundschaftlichen Verhältnisses zivischeu dem
französischen und dem deutschen Volke und
zeichnete in großen Umrissen die wichtigste und
erhabenste Aufgabe der neu zu errichtenden
Internationale? Es hat etwas Tragisches aii
sich, daß dieser Mann, der solche Ideale ans
der Höhe seiner Manneskraft entrollte, am
Abend seines Lebens alle auf ihre Erfüllung

* Aus der Zeit dieses Kongresses stammt auch das
wohlgelungene Porträt Vaillants. das diesem Artikel
beigegeben ist.

Eduard Vaillaut.

abzielenden Bestrebungen zusaninienbrechen
sehen und selbst im Kampf der Völker i» einer
die Gegensätze nur noch verschärfenden Weise
Partei ergreifen mußte.

Eduard Vaillaut, der am 19. Dezember als
Sechsundsiebzigjähriger in Paris gestorben ist,
ivollte Ingenieur iverdeu, lag jedoch nach
Abschluß seiner Ausbildung in Heidelberg,
Tübingen und Wie» medizinischen und philo-
sophischen Studien ob und trat hier mit deut-
schen Sozialisten soivie mit dem Philosophen
Ludivig Feuerbach in Verbindung. Der Aus-
bruch des Krieges zivischen Deutschland und
Frankreich führte ihn ivieder in die Heimat,
—-———>

ivo er vordem ein Anhänger Proudhons ge-
wesen war. Jetzt aber schloß er sich Blanqui
an, dessen Auffassung vom politischen Kainpf
seiner Natur in iveit höherem Maße entsprach.
Die Pariser Kommune bot ihm Gelegenheit,
sich persönlich zu betätigen, und mit Leiden-
schaft trat er für den Kampf bis zum Äußersten
gegen die feindliche Invasion und die drohende
Zerstückelung Frankreichs ein. Als Mitglied
des Exekutivkomitees der Kommune leistete er
Erhebliches auf dem Gebiet des Schulwesens.
Als die Bewegung zusammengebrochen war,
floh er nach England, ivo er bis zur Amnestie
von 1880 verblieb und auch mit Marx und
Engels Beziehungen anknüpfte.

Wieder znrückgekehrt beteiligte sich Vaillaut
an der Neuaufrichtung der Blanquislischen
Partei, die 1898 den bisherigen Namen „Re-
volutionäres Zentralkomite" ablegte und sich
„SozialrevolutionärePartei"nannte. Seit 1884
gehörte er ferner dem Pariser Gemeinderat

und seit 1893 dem Parlament an. Als der
französische Sozialismus während derTreyfus-
Affäre seine schwere Krisis durchmachte, war
Vaillaut der Gegner Jaurös'und kämpfte leiden-
schaftlich gegen die Beteiligung der Sozialisten
am antiklerikalen Block Waldeck-Rousseaus.
Noch auf dein Internationalen Sozialiste»-
kongreß zu Amsterdam 1904 rief er Jaurös
zu: „Wir wollen nicht den Klassenkampf auf-
gebe» und uns nicht mit der Bourgeoisie ver-
bünden." Er übersah dabei völlig, daß cs
der Zusammenfassung aller republikanischen
Kräfte bedurfte, um der Staatsstreichgelüste
des Generalstabs und des Klerus überhaupt
Herr zu werden. Auch in der französischen Ge-
lverkschaftsbeiveguug ivar Vaillaut nicht immer
ans dem richtigen Wege und hat manches Mal,
so auch auf dem Stuttgarter Jnternationalcii
Sozialistenkougreß den anarchistelnden und
syndikalistischen Elcinenten Vorschub geleistet.

Als der Weltkrieg ausbrach, nahm er be-
kanntlich in einer Weise, deren Schroffheit kaum
zu Überbielen >var, gegen Deutschland und
gegen die deutsche Sozialdemokratie Stellung,
iveil diese sich nach den Grundsätzen, die er
selbst auf dein Kongreß von 1889 verkündet
hatte, mit allen Kräften an der Verteidigung
der Unabhängigkcit ihres Landes und an dein
Schutz gegen jede Störung seiner inneren Ent-
wicklung beteiligte. Er selbst, der sein Vater-
land glühend liebte, ivar außer stände, den
deutsche» Sozialisten das Recht, im gleichen
Sinne ivie er zu Handel», zuzugestehen. Er
erblickte in der Tatsache, daß die deutsche
Sozialdemokratie die oppositionelle Stellung
gegen ihre Regierung in dem Augenblick auf-
gab, als ihr Vaterland in Gefahr geriet, einen
Verrat der Grundsätze, hatte aber selbst nichts
gegen dieTeilnahme seiner eigenen französischen
Parteigenossen an einer Regierung, die sich
niit dem russischen Zarismus fest zusammen-
geschlossen hatte, einzuwende». Man wird
es bedauern müssen, daß ein Mann, der früher
so oft Beweise seines Verständnisses und seiner
Sympathie für das deutsche Volk an den Tag
gelegt hat, in dieser Weise Stellung nahm und
dadurch der Verständigung der Völker, die er
vordem selbst als vornehmste Aufgabe des
Sozialismus bezeichnet hatte, schwere Hinder-
nisse bereitete. Aber die deutschen Sozialisten
werden gerecht genug sein, trotz alledem das
historische Verdienst des Mannes anzuerkennen,
der ein reiches Leben hindurch der Sache des
Sozialismus treu und mit Hingebung ge-
dient hat.
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