Der wahre Jakob: illustrierte Zeitschrift für Satire, Humor und Unterhaltung — 33.1916

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Uriegssorgen.

3u Faschingslust und Faschingsscherzen
Fehlt leider, leider es zurzeit
Kn der ddzu durchaus notwend'gen
Urwüchs'gen Herzensfreudigkeit;

Und dies erscheint mir sehr verständlich,
Les' ich in meinem Zeitungsblatt,

Mit welchen wirklich ernsten Zargen
Ein Teil des Volks zu kämpfen hat.

Es fühlt in ihrem Gottesglauben
Sich die Frau Uätin stark beirrt,

Dieweil zu ihrem Kaffeebrötchen
Die Butter immer knapper wird;

Und seufzend fragt beim Frühstücksportwein
Der Herr Rentier sich kummervoll,

Gb er wohl Schifsahrtsaktien kaufen,

Gb Kriegsanleihe zeichnen soll!

Den einen drückt und quält und martert
Die Frage, wie mit Geist und Kraft
Man eine wahrhaft nationale
Urdeutsche Hosenmode schafft,

Dem andern raubt den Schlaf der Nächte
Die Sorge, wie es möglich wär',

Nus Schrift und Rede auszurotten
Der Fremdwörter verderblich Heer.

Und in der „Deutschen Tageszeitung"

Wird nimmer seines Lebens froh
Der Heiland aller Stammtischkämpfer,

Der kühne Graf von Reventlow:

Denn wenn, und dies geschieht fast täglich,
Rn Frieden irgendeiner denkt
Und an des Krieges Reizen mäkelt,

Fühlt er persönlich sich gekränkt.

Ich aber, wenn ich so was sehe,

Bin stets beruhigt und erfreut,

Und mich erfaßt, ich kann's nicht ändern,
Im tiefsten Herzen stiller Neid:

„Wenn" - also spreche ich zu jenen -
„In dieses Weltbrands Sturm und Dräun

Euch keine andern Sorgen drücken-

Wie wohl muß euch, ihr Lieben, sein!"

Sulla.

Das Äber-Parlament

Zu der von der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" zu-
rückgewiesenen Kundgebung des preußischen Landtags.

Wer sei der Lenker vom Deutschen Reich?
Der Kanzler? Nein, der ist zu weich.

Der Reichstag? Der ist demokratisch
Und war uns niemals sehr sympathisch,
Da redet die Linke zuviel hinein,—

Der Lenker muß viel strammer sein!

Wer ist es, der den Lenker uns nennt?
Das ist das preußische Parlament,

Das, ausgesucht und durchgesiebt.

Die richtige Meinung widergibt.

Am das uns beneidet der Kontinent —
Das preußische Äberparlament!

Wer sei der Lenker vom deutschen Land?
Das sei der Mann mit der starken Land,
Den» aller Friede und Fortschritt Wurscht,
Der nur beseelt vom Kriegesdurscht
Am jeden Preis. Lerr Äeydebrand —

Der sei der Lenker vom deutschen Land!

Feldpostbriefe.

XL.

Geliebte Rieke! Also Deine FreilndinKlemen-
tine hat Dir die Briefe von ihren Bräutigam,
den Friseurgehilfen aus die Linienstraße, zu
lesen gegeben, der ein so sehr poetisches Gemüt
hat. Du beschwerst Dir, daß in meine Briefe
von Poesie nie nichts drin zu finden ist, son-
dern bloß immer von zerrissene Socken, Dreck,
Grog, Rippenstöße und augefrorene Füße die
Rede ist und das Wort „Liebe" höchstens in die
Verbindung mit Liebesgaben vorkomme» tut.

Geliebte Rieke! Ich kann nichts dafür, daß
mir die Natur nicht hat als Friseurgehilfe
aus die Linienstraße zur Welt kommen lassen.
Aber damit Du Dir vor Klementine nicht
mehr zu schämen brauchst, will ich Dir heute
auch einmal einen poetischen Brief schreiben.
Allerdings kann ich Dir die Poesie nicht aus
die dienstlichen Vorkommnisse herauspolken,
denn da sticht nun einmal leider keine nicht
drin, sondern ich muß mir in dem Reiche der
Träume bewegen.

Also vorige Woche dachste ich nachts in
unserem Unterstand, und da war mir mit einen,
Male so, als wie wenn ich fliegen könnte.
Die Luft war warm und der Himmel war
blau, und ich arbeitete mir immer höher, und
es wurde immer wärmer und immer blauer,
und ich fühlte mir knollig wohl und glaubte,
daß ich im Himmel wäre. Es muß wohl auch
so was gewesen sind, denn ich fühlte auf ein-
mal, wie ich mitten in ein weiches Blumen-
beet zu liegen kam, und eine halbe Korporal-
schaft Engel hob mir sachteken auf und trug
mir durch die Wolken an einen anderen Ort, wo
es noch feiner war. Da sah ich lauter wun-
derschöne Blumen, deren Kelche wie Schling-
gewächse an kilonieterlauge Stengel schwebten.
Und ich hörte Glocken bimmeln, und aus die
Blumenkelche tönten liebliche Stimmen, und
wie ich mein Ohr daran hielt, da vernahm
ich deutlich, wie Du, geliebte Rieke, mir in
sanfte Worte Deine ewige Liebe beschworst.

Bis hierher, liebe Rieke, kannst Du diesen
Brief Deine Freundin Klementine vorlesen.
Was von jetzt ab noch kommt, ist aber weniger
poetisch. Ich bin ja nicht abergläubisch, aber
wie mein obiger Traum fast wörtlich in Er-
füllung gegangen ist, das könnte auch einen
gebildeten Mensche» wie mir beinahe auf über-
übernatürliche Gedanke» bringen. Also höre zu!

Den Tag, nachdem ich jenen poetischen Traum
gehabt hatte, lief ich mir auf einem langen
Marsch einen Wolf an. klm mir schonen zu
können, bekam ich einen Talglappeu und die
Erlaubnis, mit die Feldküche mitfahren zu
dürfen. Ich saß also vergnügt auf unsere
Hungerabwehrkanone, in die gerade blauer
Heinrich drin war. Da kam uns ein breiter
Graben in die Quere, den wir in schnelles
Tempo mit einem Anlauf zu nehmen hofften.
Also Galopp los! Rums! Bums! Da lagen
wir im Dreck! Ich flog in hohen Bogen durch
die Luft und um mir herum flog der kochende
blaue Heinrich, so daß alles um mir blau war
und mir ganz siedend heiß zu Gemüte wurde
und der erste Teil von meinen hinnnlischen
Traum i» unverhoffte Erfüllung ging. Daun
fühlte ich bloß noch, wie ein paar Kameraden

mir aus den tiefen Dreck, in dem ich wie in
ein weiches Blumenbeet gebettet lag, hoch-
hißten und ein Ende weit trugen. Als ich
wieder zu mir kam, lag ich ich in eine Stube,
ivo ich mir noch nie befunden hatte. Ich er-
fuhr, daß sie mir in das Quartier von eine
Fernsprechabteilnng geschafft hatten. Auch
stellte sich heraus, daß mir außer den be-
sagten Wolf nichts ernstlicheres fehlte, nnd
da dieser Körperteil bei die Fernsprecherci
nicht mitzuwirken braucht, so mußte ich hier
gleich Dienst tun. Der Unteroffizier instruierte
mir mit die Apparate, und da sah ich denn
auch die geträumten schönen Blumenkelche an
die kilometerlangen Stengel vor mir. Ich hörte
eine Glocke bimmeln und nahm den Hörer an
meine Horchlappen in die selige Hoffnung,
daß auch der Schluß von meinen poetischen
Traum in Erfüllung gehen möchte. Aber es
war leider nicht Deine Stimme, geliebte Rieke,
sondern der Wachtmeister von die benachbarte
Batterie, der zuerst fragte, was für ein brägen-
klietrigerHornochse jetzt eigentlich demApparat
bediente, und ob ich Dreck in meine Löffel
hätte, dann sollte ich es man ruhig melden
und in fünf Minuten würde er persönlich da
sein und mir kurieren, und in diese Art ging
es weiter. Das war keine Liebeserklärung von
eine abwesende teure Braut, sondern ich fühlte
mir tief gekränkt. Nach zwei Tage wurde ich
glücklicherweise von diesen beleidigenden Dienst
abgelöst und bin jetzt wieder bei meine recht-
mäßige Kompagnie und der Wolf ist ganz
ausgeheilt, denn ein Talglappen ist ein sehr
sicheres Heilmittel, welches ich auch Dir, ge-
liebte Rieke, vorkommenden Falles dringend
anrate.

In diese beruhigende Gewißheit zeichne ich
mir als Dein getreuer Bräutigam

August Säge jun., Garde-Grenadier.

NB. Damit ich mir die Poesie noch etwas
besser auslernen kann, schicke mir doch einen
recht schönen Roman aus den reichen Vorrat
Deiner Freundin Klementine. Aber nicht den
„Blutigen Knochen von Tempelhof oder Der
Massenmord am Franzosenpfuhl", denn den
kenne ich schon.

Hctoriselw Kmnmlssltn zu Berlin
Inv.-Nr.
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