Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Deutsche Kunst- und Antiquitätenmesse [Editor]
Die Weltkunst — 4.1930

DOI issue:
Nr. 46 (16. November)
DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.44979#0112
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
W E L T K U N S T

Jahrg. IV, Nr. 46 vom 16. November 1930

Drei berühmte Firmenschilder

Von Kurt Karl Eberlein

In der schönen Ausstellung der Berliner
Akademie, die uns „Meisterwerke aus den
preußischen Schlössern“ zusammenstellte,
war dem Kunstfreund wie dem Kunstkenner
der größte und reinste Genuß Watteaus be-
rühmtes Firmenschild des Kunsthändlers
Gersaint, das zum erstenmal wieder die bei-
den Teile in gemeinsamem Rahmen ver-
einigte und dem Berliner Schloß entliehen
war. Die Harmonie und Schönheit dieses
Bildes lassen leicht vergessen, daß es eigent-
lich ein Firmenschild, ein Werk des Handels,
der Reklame, der Straßenwirkung war, und
dies um so mehr, als gewiß unserer Zeit nichts
ferner liegt als Nuß und Schönheit zu ver-
binden und Firmenschildern Wert und An-
sehen eines Kunstwerkes zu geben. Ich will
deshalb drei berühmte Firmenschilder be-
sprechen, die alle drei im 18. Jahrhundert in
Paris von Künstlerhand geschaffen wurden
und durch ihren Erfolg eine eigene Geschichte
haben, möchte also dem Gersaintschilde
Watteaus Geschwister geben und dazu an-
regen, die Geschichte des künstlerischen
Firmenschildes oder Firmenbildes nicht zu
vergessen, die ja auch für Deutschland
wichtig ist.
In Paris hatte in der Zeit der Regence
das Affichenwesen überhand genommen und
man sah in ihm gerade den Geist dieser neuen
Zeit verkörpert. Die armen jungen Künstler,
die, zu jeder Art des Broterwerbs gezwungen,
Lohnsklaven der Kunst- und Bilderhändler
waren und nicht nur auf der Place Dauphine
ihre Bilder und Kopien feilhielten, waren froh,
wenn sie alle Arten der Malerei üben durften
und also auch für den Kaufmann arbeiten
konnten, besonders wenn er selbst Kunst-
händler war. So war also die Schild- und
Reklamemalerei gewiß nichts Neues, die schon
die Antike in den „dipinti“ und „insignia“ geübl
und geschäht hatte. Solche Firmenschilder,
die zumeist im Freien über der Türe des Ge-
schäfts, teilweise aber auch im Innern des
Ladens zu finden waren, nannte man in Paris
„plafond“, und es gab ihrer in Paris so viele,
daß man eine eigene kleine Chronik solcher
plafonds zusammenstellen könnte. Es war
also nichts Neues, als Watteau seinem
Freunde, dem Kunsthändler Gersaint, den be-
rühmten plafond malte. Hören wir, was uns
Gersaint selbst erzählt.

„Bei seiner Rückkehr nach Paris, die in
das Jahr 1721, eines der ersten Jahre nach
meiner Niederlassung, fiel, kam er zu mir,
um mich zu fragen, ob ich wohl die Güte
hätte, ihn aufzunehmen und ihm zu erlauben,
daß er sich „die Finger wieder gelenkig
machen könne“ (es sind dies seine eigenen
Worte), ob ich ihm, wie gesagt, wohl erlauben
möchte, einen plafond zu malen, den ich dann
draußen ausstellen sollte. Es widerstrebte
mir etwas, ihm zu willfahren, da ich ihn lieber
mit etwas Gediegenerem beschäftigt hätte,
da ich aber sah, daß ich ihm einen Gefallen
tun würde, so willigte ich ein. Der Erfolg des
Stückes ist bekannt: es war vollständig nach
der Natur gemalt, die Stellungen waren so
naturwahr und gefällig, die Anordnung so un-
gezwungen, die Gruppen so kunstvoll gestellt.

nach Watteaus Hingang in den zwanziger
Jahren Erfolg und Berühmtheit, und wieder
ist es ein großer Name, der den Kunst-
freunden nicht unbekannt ist. Chardin, der
Pariser Tischlersohn, kannte Watteaus
plafond sehr gut, als er, ein junger unbe-
kannter Maler, für einen Freund seines Vaters,
für einen Chirurgen, unten am Pont Saini-
Michel das nicht hohe, aber sehr breite
Firmenschild malte, das durch eine packende
Pariser Szene aus der Gegenwart das größte
Aufsehen erregte und dem zuerst entseßten
Chirurgen einen großen Zulauf brachte. „Er
malte,“ wie uns Goncourf. erzählt, „einen
Barbierchirurgen, der einem im Duell ver-
wundeten und vor die Tür seines Ladens ge-
brachten Mann Hilfe leistet. Es findet ein
Auflauf statt, und in der Menge herrscht Un-
ruhe und Bewegung. Der Wasserträger hat
seine Eimer auf die Erde gestellt. Die Hunde
kläffen. Ein Straßenverkäufer läuft herbei;
durch den Vorhang neigt sich eine Frau, viel-
leicht dieselbe, für die man vom Leder gezogen
hat, mit verstörter Miene nach vorn. Im Hinter-


Cornelis Troost, Szene aus: Der eingebildete Kranke
Scene du „Malade imaginaire" •— Scene from Molicre's „Le malade imaginaire"
Holz — Bois — Panel, 23 : 36,5 cm •— Collection Tony Straus-Negbaur — Kat. Nr. 17
Versteigerung — Vente — Sale: P. Cassirer u. H. Helbing, Berlin, 25.—26. November 1930

Inhalt
Dr. Eckart v. Sy do w :
Die Kunst der Primitiven (m. 7 Abb.) . . 1,12
Dr. K. K. E b e r I e i n :
Drei berühmte Firmenschilder.2
Dr. F. Eckhardt:
Museumspropaganda.3
Auktions-Vorberichte (m. 8 Abb.) 4,8/10
Smlg. Castiglioni (m. Abb.) —> Smlg.
Hloucha (m. 4 Abb.) — Menzel - Smlg. —
Antike Münzen (m. Abb.) — Smlg. J.
Doucet — Smlg. Andrässy (m. 2 Abb.)
Auktions-Kalender.5
Preisberichte — Rundfunk.6
Auktions-Nachberichte . • . . 1C/11
Einbliatthotachnitte bei Hollstein & Puppel
— Amerikanische Auktionen
A u s s t e 11 u n g e n d er W 0 ch e .... 10
Ausgrabungen am Kapitol.12
Literatur .1-
AussteMungen (m. Abb.).13
Barlachs-Bronzen — Kult und Form — Fr.
Masereel (m. Abb.) — G- Grosz — M. Vollm-
berg (m. Abb.)
Nachrichten von Überall — Unter
Kollegen ..W

daß es die Blicke aller Vorübergehenden an-
zog und selbsf die geschickteslen Maler wie-
derholt kamen, um es zu bewundern. Es war
das Werk von acht Tagen, und obendrein
arbeitete er nur des Morgens daran, da ihm
seine zarte Gesundheit, oder richtiger gesagt,
seine Schwäche nicht erlaubte, sich länger zu
beschäftigen. Es ist das einzige Werk, das,
wie er mir ohne Umschweife gestand, seine
Eitelkeit ein bißchen gekißelt hat. Monsieur
de Julienne besißt es zur Zeit in seiner Samm-
lung, und es ist auf seine Verantwortung ge-
stochen worden."
Uber die Schicksale und Wanderungen
dieses bekannten Firmenschildes will ich hier
nicht weiter berichten. Jedenfalls gehört es
zu den schönsten Erwerbungen Friedrichs
des Großen und ist ein Glanzpunkt des preu-
ßischen Kunstbesißes. Selbstverständlich muß
man die beiden gewaltsam getrennten Stücke
zusammen als ein Ganzes sehen, und nach der
neuen Reinigung blüht nun die köstliche
Malerei in alter Pracht wieder auf, die aller-
dings einmal schmerzlich verleßt wurde.
Ein zweites Firmenschild fand nicht lange

gründ wimmelt eine murmelnde und gaffende
Menge; Neugierige drängen sich mit Rippen-
stößen vor, und hier oder dort versuchen
manche, über die Köpfe der anderen hinweg-
zuschauen. Die Polizei fällt gegen die Zu-
dringlichkeit der Neugier schüßend die Flinte.
Der bis an den Gürtel nackte Verwundete mit
dem Degenstoß in der Flanke wird von einer
barmherzigen Schwester gestüßt und von dem
Chirurgen mit seinem Gehilfen verbunden. Der
Kommissar in großer Perrücke schreitet mit
der würdevollen Langsamkeit der Justiz her-
an; ihm folgt ein ganz schwarz gekleideter
dürrer Geistlicher. Alles das kommt und geht
und atmet in einer kühnen und schwungvollen,
schnell und sicher hingeworfenen Malerei, in
einem Durcheinander von Gebärden und
Lauten, in dem Tumult und Lärm der packend
wirklichen Szene." Durch diesen plafond
wurde der bescheidene Chardin auch schließ-
lich den Akademikern bekannt, die dann in
seinem „Rochen“ auf der Ausstellung der
Place Dauphine den bedeutenden Maler er-
kannten, den sie baten, sich der Akademie
vorzustellen. — Auch dieser plafond hat seine

Geschichte und ging von Hand zu Hand. 1783
erwarb ihn des Malers Neffe, der Bildhauer
Chardin, weil er „auf diesem Bilde alle Por-
träts der Hauptmitglieder seiner Familie, von
seinem Onkel zu Modellen genommen, wie-
derzufinden glaubte“. Dann blieb das be-
rühmte Firmenschild verschollen. Nur die
erste Farbenstudie wurde von dem Forscher
und Kenner Laperlier gefunden. Diese geist-
volle, guardiartig gemalte Skizze erwarb das
Musee Carnavalet 1867 auf der Auktion Laper-
lier, aber die Feuersbrunst der Kommune zer-
störte auch diesen Schaß, so daß heute nur
noch die seltene kleine Radierung Goncourts
die leßte Spiegelung von Chardins plafond
bewahrt.
Auch das dritte Schild, von dem ich
sprechen will, gehört dem 18. Jahrhundert, und
zwar jener Zeit an, von der gesagt wurde, daß
keiner die Süßigkeit des Lebens kenne, der
nicht in ihr, d. h. vor der Revolution, gelebt
habe. Dieser plafond war gewiß kein so
w°F»es Kunstwerk wie die genannten von
Watteau und Chardin, aber er war den
Parisern jener Zeit und vor allem den Damen
viel bekannter, lieber, vertrauter, das stille
Ziel ihrer Wünsche und Gedanken. Die Frau
von Napoleons Freund und Günstling Junot,
die geistvolle, durch ihre Memoiren fort-
lebende Duchesse d'Abrantes, erzählt uns von
dem kleinen Laden an der Ecke rue Dauphine
und guai Conti, der einem Weinhändler ge-
hörte und als „le petit Dunkerque" gesuchi
und bekannt war. In der Tiefe dieses Sesam
öffnete sich nämlich der erste große Basar
des Mr. Granchez, „gui tienf ce magasin
curieux de marchandise frangais et etran-
geres en tout ce gue les arts produisent de
plus nouveau“ und der „sans surfaire en gros
et en detail" verkaufte. Hier kaufte die
elegante Welt alle die notwendigen Nußlosig-
keiten, die das Leben und das Zimmer so
reizvoll machen können, und Herr Granchez,
der Schöpfer des „prix fixe“, wurde deshalb
ein reicher Mann. Ursprünglich hing über
diesem Laden ein Schild „au navire Dunker-
quois“, aber ein bekannter Maler, Josephe
V e r n e t, malte dann den berühmten plafond,
den jeder kannte, weil er die Herrlichkeiten
des Magazins so gut andeutete. Er malte
nämlich ein Seestück mit all den Schiffen aus
Indien und China, in denen die Waren für
Herrn Granchez einzutreffen schienen, und so
wurde nicht nur das Magazin, sondern auch
das Firmenschild stadtbekannt. Ja, die Be-
liebtheit und die Mode gingen so weit, daß
die Damen auch ihre Boudoirs mit all den bei
Granchez im „petit Dunkergue“ gekauften
Spielereien — die man von den Ehemännern,
Geliebten, Freunden geschenkt bekam — nicht
anders nannten als „petit Dunkergue“. Was
aus diesem dritten Firmenschild geworden ist,
ahne ich nicht. Wahrscheinlich kam es auch
in Sammlerhände, denn schließlich hing ein
schöngeschnittenes Schiff über der Tür zu
den 1001 Herrlichkeiten. Aber es ist doch be-
zeichnend, daß es in dem eleganten Paris
lange Jahre eine viel größere Rolle spielte als
seine viel edleren Vorgänger von der Hand
Watteaus und Chardins. Es käme wirklich
auf den Versuch an, ob heute froß all der
Glasbuchstaben und Lichtreklame ein ge-
maltes Firmenschild von der Hand eines wirk-
lich bedeutenden Künstlers nicht auch wieder
Aufsehen machen könnte, vorausgeseßt, daß
die Künstler wissen, was das Firmenbild und
das Plakat voneinander unterscheidet. Aber
es wäre doch ein verlockender Versuch, zu
zeigen, wer ein deutsches Firmenschild besser
malen kann: Hans Holbein, der Meister des
Basler Schulmeisterschildes, oder der be-
kannte Unbekannte, der erst durch diesen
Aufsaß auf diesen Gedanken kommen wird.


MARGRAF & CO.
ABTEILUNG ANTIQUITÄTEN


BERLIN W8-UNTER DEN LINDEN 21
Illustrierter Katalog auf Wu n s c h l

ALT-CHINA
Direkter Import
L. M I C H O N
früher: 29, rue des Pyramide5
jetzt:
156, Boulevard Haussmann CV|||°)
PARIS

Objets de Collection
Tapisseries - Peintures

BRING oe LAROUSSILHE
34, Rue Lafayette — 58, Rue Jouffroy (Bd. Malesherbes) Paris

Du Haut-Moyen Age
ä la Renaissance
 
Annotationen