Wulff, Oskar
Altchristliche und byzantinische Kunst (Band 1): Die altchristliche Kunst von ihren Anfängen bis zur Mitte des ersten Jahrtausends — Berlin-Neubabelsberg, 1914

Page: 294
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294 ILLUSTRATION DER SYRISCHEN EVANGELIARE IN PARIS UND FLORENZ

Abb. 276/277. Christus und die Hämorrhoissa, Abendmahl und Einzug in Jerusalem (Randillustrationen
der Kanonestafeln in den syrischen Evangeliaren der Pariser Bibi. nat. und der Laurentiana)

(nach Murioz, Mon. d’arte I, 1) (nach Venturi, Storia dell’arte ital. I).

und Blumen in ganz naturalistischer Wiedergabe auf, zu der die streng symmetrische Anordnung um ein
zentrales Motiv in charakteristischem Gegensatz steht. Zu beiden Seiten fliegen und sitzen Vögel da-
zwischen: Tauben, Pfauen, Störche, Rebhühner u. a. m. Neben den Säulenbasen liegen und stehen Elirsche
und Lämmer, welche Blätter rupfen, traubennaschende Hasen und andere Tiere von symbolischer Bedeutung.
Von den teilweise figurierten Säulenkapitellen abgesehen, wird die Dekoration durchweg von neuen Motiven
bestritten, und zwar vorwiegend von solchen des reinen Flachornaments, wenngleich das Pariser Evangeliar
dieselben sparsamer verwendet und daneben noch mehr antike Elemente aufweist. Flächenfüllende Muster
ersetzen meist die Muschel oder das antike Akanthusgeranke der Bogenfelder. Rauten und abgestufte
Kreuze, kreis- und lanzettförmige Motive, Abarten des Mäanders, Zickzackstreifen und Bänder zieren die
Bogen und das Gebälk. Ihr Ursprung aus der Textilkunst ist nicht zu verkennen. Der Freude an bunten
Farbenwirkungen verdankt das reizvolle Irisrautenband (Abb. 273) seine Entstehung. In und über dem
Giebelfelde erscheint das Kreuz und das Monogramm Christi. Was an pflanzlichen Gebilden übrig bleibt,
erfährt eine Auflösung und Neuzusammensetzung, so vor allem die Wellenranke. Das Herzblatt wird zum
Stabe gereiht. Und solche Motive dienen sogar als Pilasterfüllung.

Beiden Handschriften gemein sind auch die Randminiaturen, welche Szenen des Neuen Testaments
meist ohne engere Beziehung zum Text durch wenige Figuren illustrieren. Diese einfache Art ihrer Ver-
anschaulichung beruht offenbar auf sehr alter Tradition. Sie zeigt noch manche Beziehungen zum sepul-
kralen Bilderkreise und besonders in dem altertümlicheren Evangelium von Mar-Anania engen Zusammen-
hang mit dem antiken Stil. Von den erhaltenen Bildern desselben stimmt die Mehrzahl mit den entsprechen-
den bei Rabula ziemlich nahe überein (Abb. 276/7). So sind hier wie dort bei der Verkündigung die stehende
Maria, die das Spinngerät hält, und der Engel zu beiden Seiten der Kanones verteilt. Die Vermehrung der
Brote und Fische (S. 96 u. 111) erscheint durch Fortfall der Apostel vereinfacht. Der überschießende Rest weicht
in der Ausführung von Rabula ab oder fehlt ihm gänzlich. Doch findet dieser vollständigste Zyklus ander-
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