Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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346 EMIL CERNAJ.

Aber der Leser ist dieser Beispielsammlung vielleicht bereits über-
drüssig geworden. Er denkt sich wohl: »Einem jeden Narren gefällt
seine eigene Kappe. Die grobe Erklärung dieser Mißverständnisse liegt
auf der Hand und es wäre weiterhin unpassend, eine Frage, die von
allgemeinster psychologischer Bedeutung ist, als das spezielle Problem
einer so beschränkten Tatsachengruppe zu behandeln. Der Haß macht
den Menschen für die Vorzüge seines Feindes blind, und die persön-
liche Eigenliebe läßt die eigenen um so herrlicher erstrahlen.« Dies
ist nun zweifellos richtig, aber der Hinweis auf die Trübung des
Urteils als Folge leidenschaftlicher Verblendung erklärt immerhin die
Sache nicht ganz. Die politische Stimmung spielt hier oft bloß inso-
fern eine Rolle, als man bei Wegfall besonderer Sympathien für das
fremde Volk, oder dann, wenn dessen Machtstellung keinen unwill-
kürlichen Respekt erfordert, keinen Anlaß mehr hat, das Werturteil
besser zu gestalten, als es eben dem unmittelbaren Eindruck ent-
spricht. Man sagt sich die fremden Ausdrücke vor, oder hört auf
den Klang derselben und findet wirklich nichts Schönes darin, trotz
aufrichtigster Bemühung. Und dann spricht man das betreffende Wort
des eigenen Idioms aus und kann sich nicht sättigen an der Fülle
der Kraft und an dem Wohlklang, der in ihm liegt.

Man könnte sagen, die Ursache dieses Unterschiedes liege in der
Übung der Aussprache und des Hörens. Wir artikulieren die Worte
der uns vertrauten Sprache leichter und fließender als die der frem-
den. Eine gewisse Hemmung fällt also weg und läßt uns das Wort
motorisch besser genießen. Was das Hören anbelangt, das damit
in engem Zusammenhang steht, so wird durch die Übung der Klang
differenzierter, der sonst ein verschwommenes Gepräge hat. Richtig
ist, daß doch der Ausdruck »Musik« in Sachen der Sprache immer
cum grano saus genommen werden muß. Selbst das Italienische klingt,
wenn es rasch gesprochen wird, für den Fremden mehr oder weniger
wie ein Geräusch. Erst die Gewohnheit des Hörens läßt uns selbst
hier den Reiz der Laute empfinden. Und die Gestalt ihres ganzen
Komplexes — die Gestaltqualität, um mit Ehrenfels zu reden — tritt
selbst bei einer Melodie erst nach wiederholtem Hören so recht ins
Bewußtsein.

Aber auch mit dieser Erklärungsweise, so richtig sie auch ist, er-
schöpft sich nicht die ganze Frage. Man hat bereits eine gewisse
Übung in dem Aussprechen der fremden Ausdrücke, man hat sie
bereits oft genug gehört, um ihren Klang zu erfassen, und trotzdem
besitzen sie nicht die Innigkeit der Worte, die uns seit Jahren, wenn
nicht bereits von der Kindheit an vertraut sind.

Wir sagen von der Kindheit an. Welche Bedeutung mag diese
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