Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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XV.

Konsequenzen und Aufgaben der Stilanalyse.

Von
Hermann Beenken.

Die bedeutungsvollste Tatsache in der Entwicklung der Kunst-
geschichte in den letzten Jahrzehnten ist die innere Emanzipation der
Stilanalyse von den im eigentlichen Sinne geschichtlichen Fragestellungen.
Man kann diese Tatsache nur übersehen, wenn man, wie es oft ge-
schieht, die Stilanalyse mit ästhetischer Erörterung verwechselt. In
Wahrheit ist sie etwas völlig Anderes, denn ihr Ausgangspunkt ist
nicht das Ganze des Ästhetischen oder der Kunst, das dann in Gat-
tungen und Arten systematisch aufgeteilt wird, wie es in der Wissen-
schaft der Ästhetik geschieht, sondern ihr Ausgangspunkt ist das
Spezifische der vorliegenden Stilform als solcher, das sie in Verbindung
mit dem Besonderen des Künstlers, des Volkes, der Generation, der
Epoche zu setzen strebt, also mit Gegenständen geschichtlichen, nicht
ästhetischen Nachdenkens. Ebensowenig aber ist die Einstellung der
Stilanalyse nun aber auch historische Einstellung im echten, ursprüng-
lichen Sinne. Denn sie fragt nicht nach dem, was gewesen, aus
einem Interesse am Tatsächlichen, sondern nach dem Wesen aus
einem Interesse, das über alle Fragen nach dem bloß Tatsächlichen
weit hinausgreift. Das scheidet sie auch von der bloßen Kunstkenner-
schaft, deren Tochter sie vielleicht ist. Für den Kenner ist sie bloßes
Mittel der Urteilsbegründung, während sie heute im weitesten Um-
fange Selbstzweck zu werden beginnt.

Ihrem wissenschaftstheoretischen Charakter nach eröffnet die Stil-
analyse scheinbar innerhalb der Geisteswissenschaften den Ausblick
in eine durchaus neue Region wissenschaftlicher Disziplinen. Am ver-
gleichbarsten ist sie noch den phänomenologischen, wie sie durch
Husserl und seinen Kreis für die philosophische Arbeit erschlossen
worden sind. Denn auch dort begnügt man sich, etwa auf dem Ge-
biete von Feststellungen im Bereiche seelischer Vorgänge, nicht mit
der Erforschung des Tatsächlichen, wie es die Psychologie als Er-
fahrungswissenschaft tut, sondern es werden durch eigentümliche
>Reduktionen« die »Phänomene« »transzendental gereinigt«, so daß

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