Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 18.1925

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XVI.

Zur Systematik der künstlerischen Probleme1).

Von

Edgar Wind.

A. Der Begriff des »künstlerischen Problems« und
seine Anwendung in der Kunstgeschichte.

[.

Es gibt kaum einen kunstwissenschaftlichen Terminus, der häufiger
mißbraucht würde als der des »künstlerischen Problems«, — keinen,
der mit stärkeren Unklarheiten behaftet wäre. Man hat sich gewöhnt,
derjenigen Art der Kunstgeschichtsforschung, für die Wölfflin den
Ausdruck »Kunstgeschichte ohne Namen« geprägt hat, den positiveren
und zugleich anspruchsvolleren Titel »Problemgeschichte« zu leihen.
Dabei hat ein großer Teil der von Wölfflin gestellten Forderungen mit
einer Untersuchung von »Problemen« (im eigentlichen Sinne des Wortes)
noch gar nichts zu tun. Wer die Wandlungen »der Licht- und Schatten-
behandlung, der Perspektive und Raumdarstellung« verfolgt, wer den
Wechsel »in der Figurenzeichnung, Gewandzeichnung, Baumzeichnung«
aufweist, der befaßt sich noch lediglich mit den Gestalteigenschaften des
Kunstwerks, mit den Merkmalen seiner äußeren Erscheinung. Ähnlich
wie der Botaniker, verfährt er morphologisch beschreibend und
vergleichend; wenn er auch die Objekte nicht, wie dieser, klassen-
weise nach Gattungen und Arten, sondern reihenweise im Sinne einer
zeitlichen Abfolge ordnet. So notwendig und unentbehrlich aber diese
Art der Betrachtung für den Fortgang der kunstwissenschaftlichen
Urteilsbildung ist — (jede Untersuchung von Problemen hat von ihr
auszugehen und muß sich letzten Endes auf sie berufen können) —,
mit den Problemen selbst kommt sie noch gar nicht in unmittelbare
Berührung. Denn die Erscheinungen als solche sind noch keine »Pro-
bleme«; diese beginnen vielmehr erst dort, wo an die Stelle der bloßen
»Schilderung- die »Deutung« tritt.

') Der Aufsatz ist einer größeren Arbeit (»Ästhetischer und kunstwissenschaft-
licher Gegenstand«) entnommen, die im Juli 1922 abgeschlossen wurde, aber aus
äußeren Gründen noch nicht erscheinen kann.
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