Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

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ÜBER WERTSCHÖNHEIT. 215

das Vorhandensein von Wertschönheit in den Darstellungsmitteln der
bildenden Kunst zu erweisen. In der Musik scheint für die Wertschön-
heit sich zunächst überhaupt keine Gelegenheit zu bieten, da sie nor-
malerweise nichts darstellt, sondern nur ausdrückt; die erste Art norm-
gemäßer Gegenstände wird demnach auch in der Musik ziemlich fehlen.
Dagegen scheinen die Ausdrucks mittel in den Bereich des Wertästhe-
tischen zu fallen. Zunächst ist die Tatsache beachtenswert, daß wir
bis vor kurzem nur eine beschränkte Anzahl von musikalischen Formen,
wie Liedform, Rondo, Sonatensatz hatten, die als Normen galten, und
von denen Abweichungen nicht nur in Theorie, sondern wohl auch
praktisch ästhetisches Mißfallen erregten, wenn die Abweichung nicht
anderweitig kompensiert wurde. Für die Fuge im besondern gelten
strenge Regeln, deren Einhaltung für den musikalisch Erzogenen ästhe-
tischen Reiz ausübt. Ähnliches ließe sich von praktischen Ausgestal-
tungen der Musik, wie dem Trauermarsch, dem gewöhnlichen Marsch
und den einzelnen Tanzformen zur Geltung bringen.

Dies scheint jedoch noch nicht alles an Wertschönheit der Musik
auszumachen, nur ist der Nachweis für das Vorliegen von Wertschön-
heit hier besonders schwierig, da sie meist mit Gestaltschönheit zu-
sammengeht. Das Festhalten eines bestimmten Rhythmus oder wenig-
stens des Metrums entspringt sicher nicht nur der leichteren Auf-
fassungsmöglichkeit, sondern zum Teil auch unseren Gewohnheiten,
die aber dann wohl begründend sind für ein wertästhetisches Ver-
halten. Auch an die Tonfolge einer Melodie stellen wir bestimmte
Anforderungen, die sich aus wertästhetischen Ursachen herleiten; dies
zeigt sich deutlich darin, daß verschiedene Völker Tonsysteme haben,
die von unserem abweichen, und daß sie auf unseres mit Mißfallen
reagieren. Daß auch in Harmonie und Modulation ähnliches gilt, zeigt
das Verhalten hinsichtlich neuester musikalischer Richtungen, die an-
fänglich durchweg beinahe für häßlich, bald aber, doch wenigstens
zum Teil, für ästhetisch überwertig gehalten werden.
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