Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 1.1906

Page: 246
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zaak1906/0250
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
246 HUGO SPITZER.

deutlichem Bewußtsein zumal die erste — denn die zweite, allgemeine
Beziehung ist so subtil, daß sie für gewöhnlich wohl kaum bemerkt
wird und höchstens unbewußt das Raisonnement beeinflussen mag —,
hat man nun in der Weise zu erklären gesucht, daß man wirklich die
Verschiedenheit der während des Kunstgenusses sich einstellenden
Affekte von den eigentlichen Faktoren dieses Genusses behauptete
und aus den Gemütsbewegungen abermals emotionelle Zustände, die
wahren ästhetischen Gefühle dieses Bereiches, hervorgehen ließ. Hier-
nach trügen weder Furcht und Mitleid, die bereits der Stagirite als die
Elemente der dramatischen Rührung bezeichnet hatte, noch irgend
welche andere innerhalb der Kunstwirkung unterschiedene Affekte
ihren Namen mit Unrecht; die fraglichen Gefühlzustände wären viel-
mehr von jeher richtig diagnostiziert worden, und nur darin hätte sich
die ganze kunstgenießende Menschheit geirrt, daß sie diese Affekte
für die ästhetischen Emotionen selber hielt.

Bei näherer Prüfung erweist sich indessen auch eine solche Ein-
schiebung anderer Gefühle zwischen den ästhetischen Enderfolg und
die Gemütsbewegungen, oder genauer gesprochen: die Zuerkennung
dieses Erfolgs an Gefühle, die angeblich erst aus den Affekten erzeugt
werden, als nicht haltbar. Mancherlei feine Wendungen der Sprache
verraten ein entschiedenes Bewußtsein von der Unmittelbarkeit der
ästhetischen Leistung der gewöhnlichen Sach- und Personenaffekte;
vor allem aber sind es die ästhetisch funktionierenden Formalgefühle,
welche der ganzen Gefühlsneubildungshypothese einen Strich durch
die Rechnung machen. Daraus, daß die Formalgefühle, denen man
auch sonst, außerhalb der Region des Schönen und der Kunst, in
tausend Gestalten begegnet, zugleich eine wichtige künstlerische
Mission haben, leitet sich in der Tat eines der schwerwiegenden
Argumente gegen die Aufstellung einer eigenen ästhetischen Affekt-
klasse her. Denn die paradoxe Erscheinung, welche die Ansicht am
meisten begünstigt, daß die von der Kunst in Aktion gesetzten Ge-
mütsbewegungen nicht an und für sich, sondern erst durch Erzeugung
eines weiteren Gefühls Faktoren der ästhetischen Totalwirkung seien:
die Annehmlichkeit der im gemeinen Leben unangenehmen Affekte
kommt in Wegfall, wo es sich um die Formalgefühle der Spannung,
der lustvollen Verwunderung, der Befriedigung über die Lösung ver-
wickelter Situationen u. dergl. handelt. Hier ist es völlig klar, daß
diese Gefühle selber einen Teil des ästhetischen Genusses abgeben
und, da nun ihr Verhältnis zur Kunstwirkung im wesentlichen offen-
bar demjenigen der Sach- und Personenaffekte gleicht, so erhellen sie
ihrerseits auch die Art und Weise der Wirksamkeit der letzteren. Nur
ein Umstand mindert vielleicht um ein weniges die Bedeutung dieses
loading ...