Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 2.1907

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VII.

Die Anschaulichkeit der dichterischen Sprache.

Von

Jonas Cohn.

Eine Streitfrage, die im 18. Jahrhundert die Begründer unserer
Ästhetik und Literatur lebhaft beschäftigte, nimmt heute von neuem
die Aufmerksamkeit in Anspruch1). Allbekannt ist, daß Lessing im
Laokoon den vielmißbrauchten Spruch »ut pictura poesis« bekämpfte
und aus der Natur der Worte, als in der Zeit aufeinander folgender
Zeichen, die Stileigentümlichkeiten der Poesie ableitete. Wohl machte
er sich selbst den Einwurf, daß die Worte nicht einfach Schälle, son-
dern willkürliche Zeichen seien, die als solche den durch sie bezeich-
neten Gegenstand vor die Seele des Hörers bringen. Aber das ein-
zelne Wort vermag doch immer nur eine einzelne Eigenschaft des
Gegenstandes zu bezeichnen, und dem Versuche, durch Aneinander-
fügung solcher Züge das Ganze zu gewinnen, steht die Enge unseres
Bewußtseins entgegen. Wir können die einzelnen nacheinander vor-
geführten Bedeutungen nicht so gleichmäßig und so lange festhalten,
daß sich aus ihnen eine einheitliche Anschauung aufbaute.

Lessings radikale Ablehnung aller schildernden Poesie wurde von
Herder bekämpft. Im dritten kritischen Wäldchen stellte er Lessing
den Satz entgegen: »Malerei wirkt durch Farben und Figuren aufs
Auge, Poesie durch den Sinn der Worte auf die unteren Seelenkräfte,
vorzüglich die Phantasie.« Während man nun Lessing im allgemeinen
in der Verwerfung der beschreibenden Poesie zustimmte, suchte man
doch, Herder folgend, die Anschaulichkeit der poetischen Schilderung
zu wahren. Nicht das Wort als Ton, sondern der Sinn des Wortes
ist das Darstellungsmittel der Dichtung. Die Poesie soll durch die
ihr eigentümlichen Darstellungsmittel ein vollkommen anschauliches
Gebilde in der Phantasie des Lesers oder Hörers entstehen lassen.

Diese Auffassung herrscht bei Hegel und seinen Schülern, beson-
ders F. Th. Vischer, sie wurde in neuerer Zeit energisch durch Eduard

') Dieser Aufsatz wurde in einem Kreise von Vertretern der verschiedenen
Kulturwissenschaften vorgetragen. Daraus mögen die Fachgenossen sich erklären,
daß ich hie und da breiter oder knapper bin, als sie erwarten durften.
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