Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 2.1907

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DIE ANSCHAULICHKEIT DER DICHTERISCHEN SPRACHE. 201

nur als Mitteilung bestimmter Vorstellungen, sondern zugleich als
Kundgabe von Gefühlen und Willensregungen, als Lautgebärde. Die
Wörter der Sprache erzeugen höchst selten und nur bei wenigen
Menschen vollständig bestimmte Bilder. Wir ziehen aber aus diesen
gemeinsamen Prämissen nicht denselben Schluß wie Th. A. Meyer.
..Die poetische Sprache teilt nicht, wie die Sprache der Wissenschaft,
bloße Beziehungen mit, sie erzeugt vielmehr in der Tat eine An-
schauung, wenn wir dies Wort nur richtig verstehen. Anschauung
im ästhetischen Sinne ist in sich ruhendes, volles Erleben. Dies Er-
leben ist bei der Poesie an die Gesamtheit der Worte, keineswegs an
die einzelnen Wörter geknüpft, und es ist nicht zweckmäßig, von
bloßen Wortvorstellungen zu reden, weil man dabei entweder an den
Klang oder an die abstrakte Bedeutung des einzelnen Wortes zu
denken pflegt. Auch »Satzvorstellung« trifft die Sache nicht, weil der
einzelne Satz gewöhnlich erst aus einem größeren Zusammenhange
Leben gewinnt, und weil neben den im engeren Sinne sprachlichen
Vorstellungen die ganze Menge mitschwingender Gefühle und Ge-
danken zum ästhetischen Eindruck beiträgt. Erst diese letzteren geben
der Sprache ihre volle Bedeutung, sie gehören also durchaus mit zur
Eigenart des poetischen Darstellungsmittels.
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