Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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IX.

Kritische Vorbemerkungen zu einer ästhetischen

Farbenlehre.

Von

Emil Utitz.

In kurzer Zeit hoffe ich meine »Grundzüge der ästhetischen Farben-
lehre« veröffentlichen zu können. Sie gaben in zweifacher Hinsicht
die Veranlassung zu dem vorliegenden Aufsatz. Einerseits waren sie
die natürliche Ursache, daß ich mich mit den im folgenden behan-
delten Fragen näher beschäftigen mußte, anderseits wollte ich sie
nicht allzusehr mit Polemik überlasten, teils aus Rücksicht auf die
systematische Darstellung, die darunter leiden würde, teils im Hinblick
auf Leser, die nicht dem Verbände der Fachgenossen angehören.
Diese Erwägungen bestimmten mich, einige kritische Auseinander-
setzungen zu einem besonderen Aufsatz zusammenzufassen, für den
ich sowohl in der Wichtigkeit der behandelten Fragen die Berechti-
gung erblicke als auch in der Hoffnung, durch die folgenden Erörte-
rungen ein wenig zu ihrer Klärung beizutragen.

§ 1. In neuester Zeit hat man viel von den Wirkungen der Farben
auf Tiere, Kinder und Wilde gesprochen. Ja manche Forscher meinten
sogar: hier läge der wahre Ausgangspunkt für eine ästhetische Farben-
lehre; denn alles biete sich hier klarer, einfacher und stärker dar als
bei den heutigen Kulturmenschen, die zu sehr intellektualisiert seien,
um sich ganz einfachen, sinnlichen Eindrücken hinzugeben, so daß
bei ihnen die Gefühlswirkung weit schwächer werde.

Ob es auf Wahrheit beruht, daß die heutige Kulturmenschheit kein
inniges Verhältnis zur Farbe hat, werden wir später untersuchen; zu-
nächst aber wollen wir ein grundlegendes Bedenken geltend machen.
Immer mehr bricht sich in der empirischen Psychologie die Überzeu-
gung Bahn, daß wir von unserem eigenen Ich ausgehen müssen.
Nur in diesem Falle stehen wir vor unmittelbaren Erlebnissen, alles
fremde Erleben verstehen wir nach Analogie des eigenen. Ein Blinder,
der nie Farben gesehen hat, wird auch niemals eine eigentliche Vor-
stellung von ihnen haben; ein Rot-Grün-Blinder wird niemals in eigent-
licher Weise Rot oder Grün vorstellen können. Ihnen nützt es nichts,
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