Zeitschrift für Ästhetik und allgemeine Kunstwissenschaft — 3.1908

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XV.

Künstlerische Schriftformen.

Von
Paul Westheim.

Der Buchstabe ist eine — wenn auch kleine — ornamentale Fläche.
»Der hörbar gegebene Begriff mußte festgehalten, und ein sichtbares
Zeichen dafür erfunden werden, welches ebenso leicht und biegsam
die näheren Bestimmungen und Bezeichnungen zuläßt, als die Sprache
selbst«J). Eine bestimmte Folge von vertikalen und horizontalen
Strichen, unterbrochen von gewissen Flächenausschnitten, erweckt in
dem Schriftkenner Assoziationen an die verschiedenen Lautzeichen.
Aus den mannigfaltigen Zusammensetzungen dieser Ornamente ent-
stehen Worte, Sätze, ganze Gedankenfolgen. Das Schriftzeichen er-
scheint demnach nur als stoffliche Form und Übermittler eines geistigen
Gehaltes; es ist dienendes Glied und als solches nichts mehr als ein
optisches Hilfsmittel. Die ornamentale Fläche des Buchstaben unter-
scheidet sich daher grundsätzlich von jeder anderen Ornamentik; sie
kann von ihrem Gestalter, hier also dem Schriftkünstler, nicht willkür-
lich nach seinem persönlichen Empfinden geändert werden. Alle
Schriftformen sind ja im letzten Grade nichts als ein Übereinkommen
einer Allgemeinheit, in diesen einmal festgelegten Zeichen die genau
bestimmten Sprachlaute auszudrücken. Jede Generation läßt durch
ihre Lehrer das nachfolgende Geschlecht in dieses Übereinkommen
einweihen, und so muß ein Grundcharakter der Schriftformen dauernd
bestehen bleiben. Ein Abweichen oder gar ein Aufgeben eines Stückes
Überlieferung auf diesem Gebiet wäre nur möglich durch ein neues,
allgemeines Übereinkommen. Der Einzelne, und sei seine Begabung
als Schriftgestalter auch noch so ausgeprägt, wird immer wie ein Ritter
von der traurigen Gestalt vor diesem selbstsicheren, altbewährten
Gang der Windmühlenflügel stehen. Er wird sich den einmal ge-
gebenen Tatsachen beugen müssen oder aber in zwecklosen An-
strengungen versagen.

Selbstverständlich ist damit nicht etwa für alle Schriftformen eine
Totenstarre angenommen. Fortgesetzt sind kleine, zunächst unmerk-

') Die Buchschriften des Mittelalters (Anonym), Wien 1852, S. 4.
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